BWL · Kapitel 1/13

Was ist Betriebswirtschaft?

Betriebswirtschaft28 Min. LesezeitRelevanz ★★
Auf einen Blick
  • Ohne Knappheit und mit idealen Menschen bräuchte es weder Wirtschaft noch Recht. Weil beides fehlt, braucht es beide.
  • Drei Sichtweisen ergänzen sich: entscheidungsorientiert (Knappheit), verhaltensorientiert (Stakeholder-Interessen), innovationsorientiert (gemeinsame Wertschöpfung durch neue Ideen).
  • Opportunitätskosten sind der entgangene Nutzen der besten nicht gewählten Alternative; ein Trade-off ist die Abwägung zwischen konkurrierenden Zielen.
  • Simon: Menschen entscheiden begrenzt rational und wählen oft zufriedenstellende statt optimale Lösungen (Satisficing), etwa über Mindestziele.
  • Stakeholder haben etwas auf dem Spiel stehen; auch Shareholder und negativ Betroffene zählen dazu. Barnard: Beiträge und Anreize müssen im Gleichgewicht sein.
  • Konsumentenrente = Zahlungsbereitschaft minus Preis, Produzentenrente = Preis minus Kosten; zusammen ergeben sie Zahlungsbereitschaft minus Kosten.
  • Produkt-, Prozess- und Geschäftsmodellinnovationen können jeweils Konsumenten- und Produzentenrente schaffen.
  • Innovation ist die Umsetzung kreativer Ideen zur gleichzeitigen Wertschöpfung für alle Stakeholder; Gewinn folgt aus Stakeholder-Nutzen, nicht umgekehrt.
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1 Warum es Wirtschaft und Recht überhaupt braucht ★★

Bevor es um Unternehmen geht, steht eine Grundfrage: Warum müssen Menschen überhaupt wirtschaften? Die Antwort darauf ist der Ausgangspunkt für alle drei Sichtweisen der BWL.

Das Gedankenexperiment Schlaraffenland

Stell dir eine Welt vor, in der alles, was du dir wünschst, im Überfluss da ist, und in der alle Menschen von sich aus ehrlich, friedlich und genügsam sind. Dort bräuchte es weder Gesetze noch Gerichte, aber auch keine Unternehmen, keinen Handel und keine Märkte. Diese Idee eines paradiesischen Urzustands kennt man aus der Antike als „Goldenes Zeitalter“ (römischer Dichter Ovid).

So ein Paradies hätte zwei Voraussetzungen:

1Ideale Menschen: alle sind genügsam, ehrlich, rechtschaffen und friedlich.
2Keine Knappheit: Alle Bedürfnisse werden erfüllt, ohne dass jemand arbeiten muss.

Beide Bedingungen sind in der Realität nicht erfüllt. Deshalb kommen wir ohne Recht und ohne Wirtschaft nicht aus.

Knappheit: Ein Gut ist knapp, wenn mehr Menschen es haben wollen, als davon vorhanden ist. Das gilt für Lebensmittel und Wohnungen genauso wie für Konzertkarten oder Smartphones.

Einfach erklärt: Gäbe es unbegrenzt Studienplätze, Wohnungen in Uninähe und Zeit vor der Prüfung, müsstest du nie abwägen. Weil alles davon begrenzt ist, musst du ständig wählen.

Recht, Wirtschaftswissenschaften und BWL

Welche Voraussetzung fehlt?Wer kümmert sich darum?Worum geht es?
Ideale MenschenRechtgeordnetes, friedliches Zusammenleben
Keine KnappheitWirtschaftguter Umgang mit knappen Gütern

1 Warum es Wirtschaft und Recht überhaupt braucht ★★

Bevor es um Unternehmen geht, steht eine Grundfrage: Warum müssen Menschen überhaupt wirtschaften? Die Antwort darauf ist der Ausgangspunkt für alle drei Sichtweisen der BWL.

Das Gedankenexperiment Schlaraffenland

Stell dir eine Welt vor, in der alles, was du dir wünschst, im Überfluss da ist, und in der alle Menschen von sich aus ehrlich, friedlich und genügsam sind. Dort bräuchte es weder Gesetze noch Gerichte, aber auch keine Unternehmen, keinen Handel und keine Märkte. Diese Idee eines paradiesischen Urzustands kennt man aus der Antike als „Goldenes Zeitalter“ (römischer Dichter Ovid).

So ein Paradies hätte zwei Voraussetzungen:

1Ideale Menschen: alle sind genügsam, ehrlich, rechtschaffen und friedlich.
2Keine Knappheit: Alle Bedürfnisse werden erfüllt, ohne dass jemand arbeiten muss.

Beide Bedingungen sind in der Realität nicht erfüllt. Deshalb kommen wir ohne Recht und ohne Wirtschaft nicht aus.

Knappheit: Ein Gut ist knapp, wenn mehr Menschen es haben wollen, als davon vorhanden ist. Das gilt für Lebensmittel und Wohnungen genauso wie für Konzertkarten oder Smartphones.

Einfach erklärt: Gäbe es unbegrenzt Studienplätze, Wohnungen in Uninähe und Zeit vor der Prüfung, müsstest du nie abwägen. Weil alles davon begrenzt ist, musst du ständig wählen.

Recht, Wirtschaftswissenschaften und BWL

Welche Voraussetzung fehlt?Wer kümmert sich darum?Worum geht es?
Ideale MenschenRechtgeordnetes, friedliches Zusammenleben
Keine KnappheitWirtschaftguter Umgang mit knappen Gütern

Recht: Regeln, deren Durchsetzung die Gemeinschaft gewährleistet. Ihr Zweck ist ein friedliches und geordnetes Zusammenleben.

Wirtschaftswissenschaften: untersuchen, wie Menschen mit Güterknappheit umgehen und Entscheidungen so treffen, dass ihre eigenen Ziele und gesamtwirtschaftliche Ziele möglichst gut erreicht und keine Güter vergeudet werden.

Betriebswirtschaft (BWL): beschäftigt sich vor allem damit, wie Unternehmen durch Innovation Güterknappheit verringern und so das Wohl aller verbessern.

Rechtswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften gelten damit als die zwei grundlegenden Wissenschaften, die praktische Fragen des menschlichen Zusammenlebens erforschen und es besser gestalten wollen.

Prüfungsfalle: Die BWL wird hier nicht bloß als „Lehre vom Gewinnmachen“ verstanden. Ihr Kern ist, wie Unternehmen durch Innovation Knappheit verringern und damit das Wohl aller verbessern.
Prüfungsfalle: Recht antwortet auf das Fehlen idealer Menschen, Wirtschaft auf das Fehlen von Überfluss. Nicht vertauschen.

VertiefungNachbardisziplinen: Psychologie, Soziologie, Ethik

Recht und Wirtschaft greifen stark auf Wissen aus anderen Fächern zurück. Drei sind besonders wichtig:

Psychologie: erforscht das menschliche Erleben und Verhalten (z. B. warum Kundinnen spontan kaufen).
Soziologie: erforscht das soziale Verhalten, also wie sich Menschen gegenüber anderen Menschen oder einer Gemeinschaft verhalten (z. B. Gruppendynamik im Team).
Philosophie, vor allem Ethik: die Lehre vom rechten Handeln.
–Wirtschaftsethik: moralische Bewertung wirtschaftlichen Handelns (Ist es in Ordnung, Billiglöhne zu zahlen?).
–Rechtsethik: Wann ist Recht moralisch gut und gerecht?

Was in den späteren Zeitaltern der Erzählung passiert: Schon im zweiten („Silbernen“) Zeitalter gibt es Jahreszeiten, Menschen müssen durch Ackerbau selbst für ihr Essen sorgen und brauchen Gesetze. In den noch späteren Zeitaltern werden Bodenschätze ausgebeutet, Gier und Kriege entstehen. Die Botschaft: Sobald Knappheit und unvollkommene Menschen auftreten, braucht es Wirtschaft und Recht.

2 Drei Sichtweisen auf die BWL im Überblick ★★★

Es gibt drei Blickwinkel auf Betriebswirtschaft. Wichtig: Keine ist allein richtig, sie ergänzen sich, weil jede andere Aspekte in den Vordergrund stellt.

SichtweiseLeitfrageKernbegriffe
EntscheidungsorientiertWie entscheidet man gut bei Knappheit?Knappheit, Trade-off, Opportunitätskosten
VerhaltensorientiertWie verhalten sich Menschen und Gruppen im Unternehmen wirklich?Bounded Rationality, Satisficing, Stakeholder
InnovationsorientiertWie setzt man neue Ideen für gemeinsame Wertschöpfung um?Innovation, Renten, Win-win
Entscheidungsorientierte BWL: Wirtschaften heißt entscheiden bei Ressourcenknappheit. Wie werden in Unternehmen und anderen Organisationen solche Entscheidungen getroffen, und wie trifft man sie besser?
Verhaltensorientierte BWL: Wie wird aus den Zielen und dem Verhalten einzelner Menschen das Verhalten und die Zielsetzung eines Unternehmens? Im Mittelpunkt steht das Ausbalancieren der teils widersprüchlichen Interessen der Stakeholder.
Innovationsorientierte BWL: Wirtschaft ist ein Prozess, in dem laufend neue Wertschöpfungsmöglichkeiten entdeckt und umgesetzt werden. Es geht um die Umsetzung kreativer Ideen zum gemeinsamen Vorteil aller Stakeholder.

Leitidee für die gesamte BWL: Wertschöpfung für Stakeholder durch Innovation. Die ersten beiden Sichtweisen gelten als etabliert. Die innovationsorientierte Sicht baut auf beiden auf und ist die Leitidee, die sich durch alle weiteren Themen zieht.

Einfach erklärt: Ein Kaffeehaus hat wenig Platz. Die entscheidungsorientierte Sicht fragt: Mehr Tische oder eine größere Theke? Die verhaltensorientierte Sicht fragt: Was wollen Personal, Gäste, Vermieterin und Bank, und wer setzt sich durch? Die innovationsorientierte Sicht fragt: Gibt es eine neue Idee (etwa Abholung per App), mit der Platzproblem und Interessenkonflikt gleichzeitig kleiner werden?

Prüfungsfalle: Die drei Sichtweisen sind keine Konkurrenten, von denen eine die richtige ist. Sie ergänzen einander.
Prüfungsfalle: Die innovationsorientierte BWL ersetzt die beiden anderen nicht, sondern baut auf ihnen auf: auf der entscheidungsorientierten (Knappheit und Trade-offs als Ausgangspunkt) und auf der verhaltensorientierten (Stakeholder und Win-win).

VertiefungSieben Perspektiven der Unternehmensführung

Die Leitidee „Wertschöpfung für Stakeholder durch Innovation“ wird danach aus sieben Blickwinkeln auf Unternehmensführung betrachtet:

1Unternehmerische Perspektive
2Strategische Perspektive
3Finanzwirtschaftliche Perspektive
4Kundenperspektive
5Produktions- und Prozessperspektive
6Mitarbeiterperspektive
7Normative Perspektive

Merkhilfe: zuerst die Gründung und Richtung (unternehmerisch, strategisch), dann Geld, dann die großen Stakeholder-Gruppen bzw. Bereiche (Kunden, Prozesse, Mitarbeitende), zum Schluss die Werte und Normen (normativ).

In jeder dieser Perspektiven tauchen die drei Sichtweisen wieder auf: Man trifft Entscheidungen bei Knappheit, balanciert Interessen aus und sucht nach Innovationen.

3 Entscheidungsorientierte BWL: Knappheit, Trade-offs, Opportunitätskosten ★★★

Weil es keinen Überfluss gibt, muss man ständig wählen, wofür knappe Mittel eingesetzt werden. Diese Sichtweise beschreibt solche Entscheidungen und hilft, sie besser zu treffen.

Entscheiden bei Knappheit

Entscheiden: aus mehreren Möglichkeiten aussortieren und eine auswählen. Ohne Knappheit müsste man nicht entscheiden, man könnte einfach alles gleichzeitig haben.

Bei Knappheit ist eine Entscheidung für eine Verwendung meist zugleich eine Entscheidung gegen eine andere. Knappe Mittel (Güter, Ressourcen) sind z. B. Geld, Zeit, Personal, Know-how, Rohstoffe, Maschinenkapazitäten.

Zwei typische Arten von Entscheidungen:

Konsumentscheidungen (Consumer Choice): Wofür gebe ich mein Geld aus, wie viel konsumiere ich heute, wie viel spare ich für später?
Produktionsentscheidungen (Production Decisions): Wie stellt ein Unternehmen seine Produkte am besten her? Eine Bäckerei entscheidet etwa, welche Gebäcksorten sie anbietet und wie sie sie aus ihren Zutaten so backt, dass sie gut schmecken, aber nicht zu viel kosten.

Produktion meint dabei materielle und immaterielle Güter. Auch ein Haarschnitt, eine Rechtsberatung oder ein neuer Markenname wird „produziert“. Immaterielle Güter nennt man oft Leistungen (Dienstleistungen).

Prüfungsfalle: Produktion heißt nicht nur Fabrik und Fließband. Auch Dienstleistungen (immaterielle Güter) werden produziert.

Opportunitätskosten

Opportunitätskosten: der Nutzen, der entgeht, wenn man sich für etwas entscheidet und deshalb etwas anderes nicht tun kann. Gemeint ist der Nutzen der besten verdrängten Alternative.

Ist dieser entgangene Nutzen in Geld messbar, kann man die Opportunitätskosten als Geldbetrag angeben. Sie müssen aber nicht in Geld bestehen: Auch entgangene Freizeit, Gesundheit oder Freude sind Opportunitätskosten.

FormelOpportunitätskosten
Opportunita¨tskosten=Nutzen der besten nicht gewa¨hlten Alternative

In Worten: Was dich eine Entscheidung wirklich kostet, ist das Beste, worauf du dafür verzichtest.

Nutzen = kann in Geld oder in anderen Werten (Zeit, Wohlbefinden) bestehen
Beispiel ansehen

Lena könnte am Samstag 4 Stunden im Kaffeehaus kellnern, Stundenlohn 15 €. Stattdessen lernt sie für die STEOP.

1Entgangener Lohn: 4⋅15=60
2Die Opportunitätskosten des Lernens betragen also 60 €.
3Entscheidet sie sich umgekehrt fürs Kellnern, sind ihre Opportunitätskosten der entgangene Lernfortschritt (nicht direkt in Geld messbar).

Ergebnis: Opportunitätskosten gibt es bei jeder Wahl in beide Richtungen. Lena lernt nur dann vernünftigerweise, wenn ihr der Lernfortschritt mehr wert ist als 60 €.

Einfach erklärt: Opportunitätskosten sind das „Preisschild“ der verpassten Gelegenheit. Sie stehen auf keiner Rechnung, sind aber trotzdem echt.

Trade-off

Trade-off: eine Abwägungsentscheidung zwischen konkurrierenden Zielen, Zwecken oder wünschenswerten Ergebnissen, wenn nicht alles gleichzeitig möglich ist.

Beispiele für Trade-offs:

Zeit: eine Stunde Sport (Gesundheit) oder eine Stunde Lesen (Weiterbildung)?
Geld: heute ausgeben oder sparen? Trade-off zwischen heutigem und künftigem Nutzen.
Unternehmen: Ein Fahrradverleih kann sein Budget in neue E-Bikes oder in Werbung stecken.

Trade-off und Opportunitätskosten hängen eng zusammen: Wer einen Trade-off entscheidet, nimmt die Opportunitätskosten der verdrängten Möglichkeit in Kauf.

Trade-offs lassen sich manchmal teilweise überwinden: durch Kreativität und Innovation. Wer etwa ein effizienteres Trainingsprogramm findet, schafft denselben Effekt in kürzerer Zeit und hat danach noch Zeit zum Lesen. Oder man hört beim Laufen ein Hörbuch. Oft bleibt aber nichts anderes übrig, als den Trade-off zu akzeptieren und unter den gegebenen Bedingungen möglichst gut abzuwägen.

Prüfungsfalle: Opportunitätskosten sind nicht dasselbe wie tatsächlich bezahlte Ausgaben. Sie sind der entgangene Nutzen einer Alternative und können auch nicht-finanziell sein.
Prüfungsfalle: „Trade-offs müssen immer hingenommen werden“ ist falsch, „Trade-offs lassen sich immer durch Innovation beseitigen“ aber auch. Richtig: manchmal teilweise überwindbar, oft zu akzeptieren.

Erklärungs- und Gestaltungsfunktion

Der entscheidungsorientierte Ansatz wurde maßgeblich von Edmund Heinen geprägt. Er gibt der BWL zwei Aufgaben:

FunktionWas sie leistet
ErklärungsfunktionEntscheidungsverhalten strukturiert beschreiben und verstehen: Wie entstehen Ziele, wie wirken verschiedene Ziele zusammen (z. B. Gewinn und Prestige), wie wird bei knappen Ressourcen entschieden?
GestaltungsfunktionDarauf aufbauend praktisch nützliche Verfahren anbieten, mit denen man bessere Entscheidungen trifft

Hauptgegenstand der entscheidungsorientierten BWL: Trade-offs bei Ressourcenknappheit erkennen und genau beschreiben (spezifizieren) und sie dann optimieren, sodass nichts verschwendet wird und die Ziele möglichst gut erreicht werden.

Prüfungsfalle: Die Reihenfolge ist fix: Die Gestaltungsfunktion baut auf der Erklärungsfunktion auf. Erst verstehen, dann Verfahren für bessere Entscheidungen entwickeln.

VertiefungWo die entscheidungsorientierte Sicht überall vorkommt

Diese Sichtweise zieht sich durch fast alle Bereiche eines Unternehmens:

Finanzen: Kostenrechnung und Investitionsrechnung sind typische Verfahren, um Entscheidungen bei knappen Mitteln zu beschreiben und zu lösen (Lohnt sich die neue Maschine?).
Marketing: Wie viel Geld soll in Werbung fließen, und welche Werbung wirkt bei welchem Produkt und welcher Zielgruppe am besten?
Personal: Welche Bezahlung und welche Zusatzleistungen sollen Mitarbeitenden angeboten werden, damit Motivation und Zufriedenheit steigen?

Das Muster ist immer gleich: knappe Ressource erkennen, Alternativen und Ziele benennen, Trade-off beschreiben, bestmöglich abwägen.

4 Verhaltensorientierte BWL I: Begrenzte Rationalität ★★★

Die entscheidungsorientierte Sicht will nachvollziehbar und mit festen Verfahren entscheiden. In der Praxis klappt das oft nicht. Die verhaltensorientierte BWL schaut darauf, wie Entscheidungen tatsächlich zustande kommen.

Warum „streng rational“ oft unmöglich ist

Eine streng rationale Entscheidung würde verlangen: alle relevanten Informationen sammeln, alle Alternativen bewerten und das anhand klar vorgegebener Ziele. Im Alltag fehlt oft schon die Grundlage:

Das Ziel ist unklar: Soll eine neue Verpackung edel wirken, billig sein oder Müll vermeiden?
Die Unterschiede zwischen Alternativen sind unklar: Wie kommt welche Verpackung bei welchen Kundinnen an?
Die Zielerreichung ist kaum messbar, oft nicht einmal im Nachhinein: Ob die neue Filialleiterin wirklich besser ist als die anderen Bewerberinnen gewesen wären, weiß niemand sicher.

Herbert A. Simon: Bounded Rationality und Satisficing

Bounded Rationality (begrenzte Rationalität): Menschen entscheiden nur beschränkt rational. In vielen Situationen ist eine optimale Entscheidung gar nicht möglich, weil Informationen fehlen oder die Informationssuche zu teuer wäre.

Satisficing Behavior: Statt die optimale Lösung zu suchen, gibt man sich mit einer zufriedenstellenden Lösung zufrieden, die bestimmte Mindestanforderungen erfüllt. (Kunstwort aus satisfy und suffice.)

Beide Konzepte stammen vom Nobelpreisträger Herbert A. Simon.

Einfach erklärt: Ein Foodtruck sucht einen Standplatz. Statt alle 300 möglichen Plätze der Stadt zu vergleichen, nimmt er den ersten, der Stromanschluss hat und an dem mittags mindestens 200 Leute vorbeigehen. Die Suche endet, sobald „gut genug“ erreicht ist.

Typisches Satisficing in Unternehmen:

Personalsuche: Der aufwändige Suchprozess wird beendet, sobald eine Person gefunden ist, die die Anforderungen ausreichend erfüllt.
Mindestziele (Targets): z. B. im Qualitätsmanagement ein maximal erlaubter Ausschuss (höchstens 2 % fehlerhafte Semmeln) oder im Verkauf ein Mindestabsatz (mindestens 500 Abos pro Monat). Das Setzen von Targets ist typisches Satisficing.

Prüfungsfalle: Satisficing heißt nicht „beliebig“ oder „irrational“ entscheiden. Es heißt: eine Lösung wählen, die Mindestanforderungen erfüllt, weil die Suche nach dem Optimum unmöglich oder zu teuer ist.
Prüfungsfalle: Bounded Rationality und Satisficing gehören zu Simon und zur verhaltensorientierten BWL, nicht zur entscheidungsorientierten.
Prüfungsfalle: Ein Verkaufsziel „mindestens X Stück“ ist ein Beispiel für Satisficing (Mindestziel), nicht für Optimierung.

Cyert und March: Behavioral Theory of the Firm

Weil Ziele oft unbestimmt und die Folgen von Entscheidungen unsicher sind, ist unklar, was „optimal“ wäre. Deshalb spielen in Entscheidungsprozessen ganz andere Faktoren eine große Rolle: Macht, Überredungskunst, soziales Geschick, Gefühle, Netzwerke, Kompromissbereitschaft.

Ausgehend von Richard M. Cyert und James G. March (Behavioral Theory of the Firm) entstanden viele verhaltensorientierte Ansätze. Ihr gemeinsamer Kern: Entscheidungen im Unternehmen sind das Ergebnis eines komplexen Prozesses, an dem verschiedene Gruppen mit teils gegenläufigen Interessen beteiligt sind.

Die Behavioral Theory of the Firm hat zwei zentrale Erkenntnisse:

1Begrenzte Rationalität: Es wird oft nur begrenzt rational entschieden, daher kommen vereinfachte Entscheidungsregeln zum Einsatz.
2Interessengruppen: Im Unternehmen treffen verschiedene Gruppen mit teilweise widersprüchlichen Zielen aufeinander. Diese Ziele müssen immer wieder neu verhandelt und ausbalanciert werden.
VertiefungKoalitionen: wie in der Politik

Um ihre Interessen durchzusetzen, bilden Interessengruppen Koalitionen, ähnlich wie Parteien. Diese Koalitionen können je nach Thema wechseln.

Beispiel Fahrradverleih:

Längere Öffnungszeiten am Wochenende: Eigentümerin (mehr Umsatz) und Filialleitung (mehr Spielraum bei der Dienstplanung) sind dafür und verbünden sich. Die Mitarbeitenden sind eher dagegen.
Bessere Schutzausrüstung in der Werkstatt: Mitarbeitende und Filialleitung (weniger Ausfälle im Team) ziehen gemeinsam an einem Strang, die Eigentümerin sieht vor allem die Kosten.

Warum das wichtig ist: Dieselbe Gruppe kann bei einem Thema Partnerin und beim nächsten Gegnerin sein. Ein Unternehmen hat deshalb oft keine einheitliche Zielsetzung. Was es tut, ist das Ergebnis eines laufenden Verhandlungsprozesses.

Konfliktbeispiele zwischen Gruppen: Flexiblere Arbeitszeiten und besserer Kündigungsschutz nützen Mitarbeitenden, können aber die Macht von Führungskräften einschränken. Höhere Sicherheitsstandards können die Kosten erhöhen und so den Gewinn aus Sicht der Eigentümer verringern.

5 Verhaltensorientierte BWL II: Stakeholder und Anreiz-Beitrags-Gleichgewicht ★★★

Wer sind die Interessengruppen, und warum muss ein Unternehmen sie im Gleichgewicht halten? Hier liegt die Grundlage der modernen, stakeholder-orientierten BWL.

Stakeholder

Stakeholder: alle Personengruppen, die bei den Aktivitäten eines Unternehmens etwas auf dem Spiel stehen haben (at stake) und ein Interesse an diesen Aktivitäten haben.

Der Begriff entstand als Erweiterung des Begriffs Shareholder (Anteilseigner, Aktionär). Die Shareholder sind also selbst Stakeholder, aber nicht die einzigen.

Typische Stakeholder:

Shareholder (Eigentümer, Aktionäre)
Arbeitskräfte und Führungskräfte
Banken (Kreditgeber) und andere Geldgeber
Zulieferunternehmen (Rohstoffe, Vorprodukte)
Partnerunternehmen (z. B. gemeinsame Produktentwicklung)
Kundinnen und Kunden
Betroffene ohne eigenen Beitrag, die negativ von der Unternehmenstätigkeit betroffen sind (z. B. Anrainer durch Lärm oder Umweltschäden)

Beziehung in zwei Richtungen: Die meisten Stakeholder leisten einen Beitrag zur Wertschaffung (Kapital, Arbeitskraft, Rohstoffe, Geld für Produkte) und profitieren umgekehrt davon (Gewinnanteil, Lohn, Bezahlung für Lieferungen, das Produkt selbst).

StakeholderBeitrag ans UnternehmenWas er bekommt
EigentümerinEigenkapitalGewinnanteil
MechanikerArbeitskraftLohn, Weiterbildung
BankKreditZinsen
KundinKaufpreisProdukt bzw. Leistung

Prüfungsfalle: „Shareholder sind keine Stakeholder“ ist falsch. Shareholder sind eine Teilgruppe der Stakeholder.
Prüfungsfalle: Stakeholder sind nicht nur Gruppen, die etwas beitragen. Auch negativ Betroffene ohne Beitrag (z. B. durch Umweltschäden) zählen dazu.

Stakeholder-Ansatz und Shareholder-Value-Ansatz

Seit den 1980er-Jahren wird der Stakeholder-Ansatz zunehmend als Ansatz der Unternehmensführung gesehen (geprägt von R. Edward Freeman).

AnsatzAusrichtung der Unternehmensführung
Stakeholder-AnsatzErkennen, welche Stakeholder für die Wertschaffung wichtig sind und wie das Unternehmen umgekehrt Wert für sie schafft
Shareholder-Value-Ansatzvorrangig an den Zielen der Aktionäre ausgerichtet

Chester Barnard: Anreiz-Beitrags-Theorie

Anreiz-Beitrags-Theorie: Arbeitskräfte und andere Stakeholder leisten nur dann wesentliche Beiträge für Bestand und Erfolg des Unternehmens, wenn diesen Beiträgen entsprechende Anreize gegenüberstehen. Sie wurde von Chester Barnard bereits in den 1930er-Jahren entwickelt und gehört zum verhaltensorientierten Ansatz.

Daraus folgt: Damit ein Unternehmen dauerhaft existieren kann, braucht es ein nachhaltiges Gleichgewicht zwischen den Leistungen der Stakeholder und den Gegenleistungen des Unternehmens (Gehalt, Weiterbildung, Netzwerke …).

Der Clou: Was ein Unternehmen einer Gruppe geben kann, hängt davon ab, was alle Stakeholder gemeinsam beitragen. Je mehr insgesamt erwirtschaftet wird, desto attraktivere Gehälter und Weiterbildungen kann es etwa den Mitarbeitenden bieten.

Abwanderung: Wer erwartet, anderswo (z. B. in einem anderen Unternehmen) eine bessere Gegenleistung für seinen Beitrag zu bekommen, wird das Unternehmen auf Dauer nicht mehr unterstützen. Das gefährdet die Weiterexistenz des Unternehmens.

Einfach erklärt: Eine gute Barista bleibt im Kaffeehaus, solange Lohn, Klima und Dienstplan mindestens so gut sind wie beim Kaffeehaus ums Eck. Kippt das Verhältnis, wechselt sie, und dem Lokal fehlt ein wichtiger Beitrag.

Prüfungsfalle: Die Anreiz-Beitrags-Theorie verlangt eine Balance zwischen Beiträgen und Gegenleistungen. Es geht nicht darum, die Beiträge möglichst groß und die Gegenleistungen möglichst klein zu halten.
Prüfungsfalle: Die Anreiz-Beitrags-Theorie stammt von Barnard (1930er-Jahre), die Behavioral Theory of the Firm von Cyert und March, Bounded Rationality von Simon. Zuordnungen nicht vertauschen.

Kernaussage der verhaltensorientierten BWL

Unternehmen verfolgen oft keine einheitliche Zielsetzung.
Sie müssen in einem komplexen Verhandlungsprozess immer wieder Lösungen finden, die die unterschiedlichen Interessen der Stakeholder ausbalancieren.
Im Mittelpunkt stehen Trade-offs zwischen Stakeholder-Interessen (statt Trade-offs aus knappem Geld, Rohstoffen oder Maschinen wie bei der entscheidungsorientierten Sicht).
Entscheidungen sind oft nicht rein rational, sondern Ergebnis politischer Verhandlungsprozesse unter unvollständigen und ungleich verteilten Informationen.

Prüfungsfalle: Hauptgegenstand der verhaltensorientierten BWL ist das Ausbalancieren von Trade-offs zwischen Stakeholder-Interessen. Die Überwindung von Trade-offs durch neue Ideen ist Thema der innovationsorientierten BWL.

VertiefungQuasirente und Stakeholder-Rente (Institutionenökonomik)

Die neuere ökonomische Theorie (Institutionenökonomik) sieht Unternehmensführung ganz ähnlich. Sie deutet die Beiträge der Stakeholder als Investition in die Kooperationsbeziehung mit dem Unternehmen.

FormelQuasirente
Quasirente=erwarteter Ertrag der Kooperation−Ertrag in der besten Alternative

In Worten: Die Quasirente ist der Vorteil, den ein Stakeholder durch die Zusammenarbeit mit genau diesem Unternehmen hat, verglichen mit seiner besten anderen Möglichkeit.

Ertrag der Kooperation = was der Stakeholder aus seinem Beitrag in diesem Unternehmen einkalkuliertbeste Alternative = was dieselbe Investition anderswo bestenfalls bringen würde
Beispiel ansehen

Ein Fahrradmechaniker erwartet beim Fahrradverleih 3.000 € im Monat. Die beste andere Stelle (Radgeschäft in der Nähe) würde 2.600 € zahlen.

1Quasirente: 3000−2600=400

Ergebnis: Der Mechaniker hat eine Quasirente von 400 € pro Monat. Sinkt sie unter null, lohnt sich für ihn der Wechsel.

Die Quasirente wird manchmal auch einfach Rente genannt.
Darauf baut die Stakeholder-Rente auf: die Wertschaffung, die für einen Stakeholder aus der Kooperationsbeziehung mit dem Unternehmen entsteht. Je nach Gruppe heißt sie Konsumentenrente, Produzentenrente, Arbeitnehmerrente usw.
Die Verbindung zu Barnard: Eine positive Quasirente ist genau der Grund, warum ein Stakeholder bleibt und weiter beiträgt.
VertiefungBetroffene ohne Beitrag: Legitimität und Reputation

Auch gegenüber Stakeholdern, die keinen unmittelbaren Beitrag leisten (also ökonomisch nichts „investieren“), aber z. B. durch Umweltschäden negativ betroffen sind, braucht es eine Balance.

Folge eines Ungleichgewichts: Das Unternehmen verliert seine gesellschaftliche Akzeptanz und Legitimität.
Ökonomisch gesehen: Es entstehen Reputationsverluste. Ein schlechter Ruf kann langfristig
–die Kaufwahrscheinlichkeit der Produkte senken,
–das Unternehmen für Arbeits- und Führungskräfte unattraktiver machen,
–und es für Geldgeber unattraktiver machen.

Beispiel: Ein Foodtruck, der jeden Abend Müll am Standplatz liegen lässt, verärgert Anrainer. Die tragen nichts zum Geschäft bei, aber Beschwerden, schlechte Bewertungen und am Ende der Verlust der Standgenehmigung treffen den Foodtruck direkt.

6 Wertschöpfung messen: Produzenten- und Konsumentenrente ★★★

Die innovationsorientierte Sicht fragt, wie durch neue Ideen Wert entsteht. Am einfachsten sieht man das an einem neuen Produkt: Es schafft Wert für das Unternehmen und für die Käufer.

Warum Menschen Neues kaufen

Kundinnen sind bereit, für ein neues Produkt deutlich mehr zu zahlen als für ein bewährtes altes, wenn es zusätzlichen Kundennutzen stiftet. Der kann entstehen durch bessere Technik, völlig neue Einsatzmöglichkeiten, schöneres Design, umweltverträglichere Herstellung oder alles, was Kundinnen subjektiv als wertvoll empfinden.

Zwei Grundregeln:

Man kauft ein Produkt nur, wenn es einem subjektiv mehr wert ist als der Preis.
Ein Unternehmen produziert nur, wenn der Verkaufspreis höher ist als die Herstellungskosten.

Ein erfolgreiches neues Produkt schafft also eine Win-win-Situation zwischen Produzent und Käufern.

Die beiden Renten

Zahlungsbereitschaft (Willingness-to-Pay, WTP): der Höchstpreis, den eine Person für ein Produkt zu zahlen bereit wäre. So wird ihr subjektiver Wert in Geld ausgedrückt.

Konsumentenrente (Consumer Surplus): Vorteil der Käuferin = Zahlungsbereitschaft minus Preis.

Produzentenrente (Producer Surplus): Vorteil des Unternehmens, pro Stück = Preis minus Herstellungskosten (finanzieller Gewinn).

Das Konzept geht auf Alfred Marshall (1842–1924) zurück.

FormelKonsumentenrente
KR=WTP−P

In Worten: Die Käuferin gewinnt so viel, wie ihr das Produkt mehr wert ist, als sie dafür bezahlt.

KR = Konsumentenrente (pro Stück)WTP = Zahlungsbereitschaft (höchster Preis, den sie zahlen würde)P = tatsächlicher Preis
FormelProduzentenrente
PR=P−K

In Worten: Das Unternehmen gewinnt pro Stück die Differenz zwischen Verkaufspreis und Herstellungskosten.

PR = Produzentenrente (pro Stück)P = VerkaufspreisK = Herstellungskosten pro Stück
FormelGesamte Wertschaffung
KR+PR=(WTP−P)+(P−K)=WTP−K

In Worten: Zusammen entsteht genau so viel Wert, wie das Produkt der Käuferin mehr wert ist, als es in der Herstellung kostet. Der Preis teilt diesen Kuchen nur auf.

WTP−K = gesamte Wertschaffung pro Stück
Beispiel ansehen

Ein Start-up bringt einen faltbaren Fahrradhelm auf den Markt. Herstellungskosten 40 €, Preis 100 €. Eine Pendlerin würde bis zu 130 € zahlen.

1Produzentenrente: 100−40=60 €
2Konsumentenrente: 130−100=30 €
3Gesamte Wertschaffung: 60+30=90 € (Probe: 130−40=90)

Hochgerechnet: 20.000 verkaufte Helme, durchschnittliche Zahlungsbereitschaft 115 €.

Produzentenrente gesamt: 60⋅20000=1,2 Mio. €
Konsumentenrente gesamt: (115−100)⋅20000=300000 €
Wertschaffung gesamt: 1,5 Mio. €

Ergebnis: Nicht nur das Start-up verdient, auch die Käuferinnen haben zusammen einen Nutzengewinn von 300.000 €.

Einfach erklärt: Stell dir die Spanne von den Herstellungskosten bis zur Zahlungsbereitschaft als Kuchen vor. Der Preis ist das Messer: Alles oberhalb des Preises bleibt der Kundin, alles darunter (bis zu den Kosten) bekommt das Unternehmen.

Was der Preis bewirkt

Pro Stück gilt: Je höher der Preis, desto höher die Produzentenrente und desto niedriger die Konsumentenrente. Trotzdem hat ein Unternehmen keinen Anreiz, den Preis extrem hoch zu setzen: Dann kaufen nur noch wenige, und die gesamte Produzentenrente kann sinken.

PreisVerkaufte HelmeProduzentenrente gesamt
70 €34.0001,02 Mio. €
90 €26.0001,30 Mio. €
120 €12.0000,96 Mio. €

(Herstellungskosten jeweils 40 € pro Stück; Rente pro Stück also 30 €, 50 € bzw. 80 €.)

Die Kernbotschaft: Kundennutzen zuerst

Der zusätzliche Kundennutzen ist der Ausgangspunkt für beide Renten.
Schafft eine Produktinnovation keinen zusätzlichen Kundennutzen, gibt es auch keinen Spielraum für zusätzliche Produzentenrente.
Ein Unternehmen verdient an einer Produktinnovation nur, indem es Kundennutzen schafft. Ein Teil davon fließt über den Preis als Produzentenrente zurück.
Der Tausch „Produkt gegen Geld“ realisiert die Wertschaffung, ihre eigentliche Ursache ist aber die Innovation (Erfindung, Produktion und Vermarktung des neuen Produkts).

Wertschaffung und Wertschöpfung: meinen dasselbe. „Wertschöpfung“ betont das Schöpferische, also die Verbindung zu Kreativität, die hinter jeder Innovation steckt.

Prüfungsfalle: „Je höher der Preis, desto höher die Konsumentenrente“ ist falsch. Ein höherer Preis senkt die Konsumentenrente (bei gleicher Zahlungsbereitschaft) und erhöht die Produzentenrente pro Stück.
Prüfungsfalle: Die Konsumentenrente hängt an der Zahlungsbereitschaft, nicht an den Herstellungskosten. Die Produzentenrente hängt an den Kosten, nicht an der Zahlungsbereitschaft.
Prüfungsfalle: Höhere Produzentenrente pro Stück heißt nicht automatisch höhere Produzentenrente insgesamt, weil bei höherem Preis weniger gekauft wird.

VertiefungWas diese einfache Rechnung vereinfacht

Die Rechnung mit „Preis minus Herstellungskosten“ ist bewusst vereinfacht. Zwei Punkte fehlen:

Entwicklungskosten: Ein Unternehmen investiert oft viel Geld in die Entwicklung eines neuen Produkts. Diese Investition ist in der einfachen Produzentenrente pro Stück noch nicht berücksichtigt, weil nur die direkten Herstellungskosten abgezogen werden. Die genaue Berechnung (mit Investitionen) gehört zur finanzwirtschaftlichen Perspektive.
Konkurrenzprodukte: Gibt es vergleichbare Produkte anderer Hersteller, müsste man die Konsumentenrente eigentlich als Zusatznutzen gegenüber der besten Alternative messen, nicht gegenüber „gar nichts kaufen“.

Unterschiedliche Zahlungsbereitschaften: Manche Käufer würden nur knapp über dem Preis zahlen, andere viel mehr. Für die gesamte Konsumentenrente rechnet man deshalb mit der durchschnittlichen Zahlungsbereitschaft aller Käufer.

7 Drei Arten von Innovation ★★★

Innovation ist mehr als ein neues Produkt. Man unterscheidet drei Arten, die alle Wert schaffen können.

ArtWas ist neu?Beispiel
Produktinnovationdas Produkt selbsterster faltbarer Fahrradhelm
Prozessinnovationdie Art der Herstellungneuer Ofen backt schneller und gleichmäßiger
Geschäftsmodellinnovationdie Art, wie profitabel Kundennutzen geschaffen wirdCar-Sharing per App statt klassischer Autovermietung

Produktinnovation

Produktinnovation: eine Idee für ein neues Produkt, das zusätzlichen Kundennutzen stiftet. Sie schafft in der Regel sowohl Konsumentenrente als auch Produzentenrente.

Prozessinnovation

Prozessinnovation: eine neue Idee, wie man den Produktionsprozess verbessert, sodass kostengünstiger oder in besserer Qualität produziert wird.

Auch Prozessinnovationen ermöglichen beide Renten:

Produzentenrente steigt, wenn Kosten sinken (z. B. weniger Stillstandzeiten, kürzere Herstellzeit) oder wenn bessere Qualität einen etwas höheren Preis erlaubt, ohne dass die Nachfrage sinkt.
Konsumentenrente steigt, wenn eingesparte Kosten als niedrigerer Preis weitergegeben werden oder wenn die Qualität (und damit der Wert) steigt, ohne dass der Preis im gleichen Ausmaß steigt.
Rechenbeispiel Prozessinnovation in der Bäckerei

Ein neuer Ofen senkt die Herstellungskosten einer Semmel von 0,30 € auf 0,20 €. Die Bäckerei senkt den Preis von 0,50 € auf 0,45 €.

1Produzentenrente pro Semmel vorher: 0,50−0,30=0,20 €
2Produzentenrente pro Semmel nachher: 0,45−0,20=0,25 €
3Konsumentenrente pro Semmel: steigt um 0,50−0,45=0,05 € (die Zahlungsbereitschaft bleibt gleich)

Ergebnis: Beide Seiten gewinnen. Weil die Semmel billiger ist, werden außerdem eher mehr verkauft.

Prüfungsfalle: „Eine Prozessinnovation bringt nur dem Unternehmen etwas (Produzentenrente), aber keine zusätzliche Konsumentenrente“ ist falsch. Über niedrigere Preise oder bessere Qualität profitieren auch die Kunden.

Geschäftsmodellinnovation

Geschäftsmodellinnovation (Business Model Innovation): Es geht nicht primär um ein neues Produkt, sondern um neuartige Wege, wie ein Unternehmen profitabel Kundennutzen schafft. Oft ist die eigentliche Leistung gar nicht neu, aber die Art, wie damit Geld verdient wird.

Häufig nutzen neue Geschäftsmodelle die Möglichkeiten der Digitalisierung (Apps, Plattformen, Bewertungssysteme, Zahlung in der App).
Digitale Plattformen können teure Zwischenstufen ersetzen (Vermittlungszentrale, persönliche Maklerleistung) und vorhandene Ressourcen nutzen (z. B. private Autos oder Wohnungen).

Revenue Model (Erlösmodell): die Art und Weise, wie im Geschäftsmodell Umsätze erzielt werden. Ein neues Erlösmodell ist z. B. ein kostenloser Dienst, der sich über Werbung und die Verwertung von Nutzerdaten finanziert, statt über den Verkauf der Leistung selbst.

Beides gleichzeitig möglich: Ist neben dem Erlösmodell auch die Leistung selbst neu (z. B. die erste Internet-Suchmaschine oder das erste digitale soziale Netzwerk), dann ist es gleichzeitig eine Produktinnovation und eine Geschäftsmodellinnovation.

Einfach erklärt: Musik hören gab es schon lange. Neu war, sie nicht mehr Album für Album zu kaufen, sondern per Monatsabo oder gratis mit Werbung zu streamen. Das Produkt „Musik“ blieb, das Geschäftsmodell änderte sich.

Prüfungsfalle: Eine Geschäftsmodellinnovation setzt kein neues Produkt voraus. Die zugrunde liegende Leistung (Personenbeförderung, Unterkunft, Musik) kann altbekannt sein.
Prüfungsfalle: Produkt- und Geschäftsmodellinnovation schließen einander nicht aus. Ein Angebot kann beides zugleich sein.

VertiefungWie eine App das Geschäftsmodell verändert

Ein eigenes Beispiel: klassischer Fahrradverleih im Geschäft gegenüber Bike-Sharing per App.

MerkmalVerleih im GeschäftBike-Sharing per App
Ausleihenur zu Öffnungszeiten am Schalterrund um die Uhr per Smartphone
Standortein fixes GeschäftRäder überall in der Stadt, auf der Karte sichtbar
VertrauenAusweis und KautionKonto mit Zahlungsdaten, Bewertung bei Schäden
Bezahlungan der Kassa, pro Tagautomatisch in der App, pro Minute
PersonalVerkaufspersonal im Ladenkein Schalter, nur ein Serviceteam

Wo der neue Wert herkommt: Teure Zwischenstufen (Schalter, Verkaufspersonal) fallen weg, die Kundschaft spart Wege und Wartezeit. Die Leistung (ein Rad für eine Weile nutzen) ist dieselbe, neu sind der Weg zur Kundschaft und das Erlösmodell (Abrechnung pro Minute).

Bisherige Sicht von Innovation: Bei allen drei Arten wurde Innovation lange vor allem aus der Kunden- bzw. Nutzerperspektive gesehen, also als profitables Schaffen von Kundennutzen (gleichzeitig Konsumenten- und Produzentenrente). Die innovationsorientierte BWL geht darüber hinaus (siehe nächster Abschnitt).

8 Innovation als gemeinsame Wertschöpfung für alle Stakeholder ★★★

Hier kommt alles zusammen. Innovation wird weiter gefasst als „Kunde gewinnt, Firma verdient“: Es zählen alle Stakeholder.

Die weite Definition von Innovation

Innovation (innovationsorientierte BWL): die Umsetzung kreativer Ideen zur gleichzeitigen Wertschöpfung für die Stakeholder eines Unternehmens.

Weitere Formulierungen desselben Gedankens:

Innovation ist die Überwindung von Trade-offs durch Kreativität.
Innovation ist die Umsetzung kreativer Ideen für nachhaltige Win-win-Situationen zwischen den Stakeholdern.

Wichtig ist das Wort Umsetzung: Eine bloße Idee ist noch keine Innovation.

Prüfungsfalle: Innovation ist hier nicht nur das gleichzeitige Schaffen von Konsumenten- und Produzentenrente (das ist die engere, kundenbezogene Sicht). Die weite Definition umfasst die Wertschöpfung für alle Stakeholder.

Weitere Stakeholder-Renten

Analog zu Konsumenten- und Produzentenrente kann man für jede Stakeholder-Gruppe eine „Rente“ benennen:

StakeholderRenteBeispiel für den Vorteil
KundinnenKonsumentenrenteProdukt ist mehr wert als der Preis
UnternehmenProduzentenrenteGewinn
MitarbeitendeArbeitnehmerrente (Beschäftigtenrente)bessere Arbeitsbedingungen, guter Lohn
LieferantenLieferantenrentefaire Preise, sichere Abnahme

Innovationen schaffen also Wert z. B. auch für Zulieferfirmen und deren Beschäftigte. Umgekehrt entstehen viele Innovationen aus Ideen von Arbeitskräften oder bei Zulieferern. Innovationen können auch unabhängig vom Produkt sein, etwa neue Ideen für bessere Arbeitsbedingungen, die gleichzeitig Kosten senken.

Auch negative Effekte zählen: Produktion kann Umweltschäden verursachen, nicht nachwachsende Rohstoffe verbrauchen oder bei Zulieferern unter moralisch inakzeptablen Arbeitsbedingungen stattfinden. Eine ganzheitliche Betrachtung fragt deshalb:

Welche Stakeholder tragen was zum Entstehen der Innovation bei?
Welche Stakeholder profitieren, und welche sind negativ betroffen?

Vier wichtige Einsichten

1Umverteilung ist möglich: Die durch Innovation geschaffene Wertschöpfung lässt sich zwischen Stakeholdern umverteilen, sodass im Idealfall am Ende alle profitieren.
2Wert muss nicht Geld sein: Wertschöpfung meint subjektiv empfundene Wertzuwächse. Bessere Arbeitsbedingungen bei gleichem Lohn oder das gute Gefühl, ein fair produziertes Produkt gekauft zu haben, sind auch Wert.
3Keine Produzentenrente nötig: Eine Innovation muss nicht zwingend einen höheren Unternehmensgewinn bringen. Es können auch ausschließlich andere Stakeholder profitieren.
4In Geld ausdrückbar: Man kann versuchen, nicht-finanzielle Vorteile in Geld zu fassen, z. B. wie viel mehr jemand für ein umweltschonendes Produkt zahlen würde oder auf wie viel Lohn jemand für mehr Arbeitssicherheit verzichten würde.

Der zentrale Gedanke

Erst indem eine Innovation das Wohl von Stakeholdern verbessert, wird eine Produzentenrente (Unternehmensgewinn) möglich.

Produktinnovation: Der Weg zum Gewinn führt über den zusätzlichen Kundennutzen, der teilweise über den Preis in Produzentenrente „umgewandelt“ wird.
Prozessinnovation: Bessere Arbeitsbedingungen und Abläufe (Vorteil für Mitarbeitende) oder geringerer Ressourcenverbrauch (Vorteil für die Umwelt) eröffnen Gewinnchancen, z. B. durch attraktivere Arbeitsplätze oder Kosteneinsparungen.
Geschäftsmodellinnovation: schafft gerade für mehrere Stakeholder gleichzeitig Zusatzwert.

Der Ausgangspunkt finanzieller Wertschaffung ist also in aller Regel eine kreative Idee, wie man für Stakeholder Wert schafft, vor allem für Kundinnen, Arbeitskräfte, Zulieferer oder die Umwelt.

Einfach erklärt: Gewinn ist bei dieser Sichtweise nicht der Startpunkt, sondern die Folge. Wer für andere echten Wert schafft, kann einen Teil davon selbst behalten.

Prüfungsfalle: „Wertschöpfung“ heißt hier nicht nur Geld oder Gewinn. Gemeint sind auch subjektive, nicht-finanzielle Vorteile.
Prüfungsfalle: Der Weg ist Stakeholder-Nutzen → Gewinn, nicht umgekehrt. Ohne Wert für Stakeholder kein Spielraum für Produzentenrente.

VertiefungBeispiel: eine Idee, mehrere Renten

Ein Kaffeehaus führt eine App ein, mit der das Personal Schichten selbst tauschen kann, und stellt die Kaffeemaschine so um, dass schwere Hebearbeiten wegfallen.

Arbeitnehmerrente: flexiblere Dienste, weniger körperliche Belastung.
Produzentenrente: weniger Krankenstände, weniger kurzfristige Ausfälle, das Kaffeehaus wird als Arbeitgeber attraktiver und findet leichter gute Leute.
Konsumentenrente: Ein Teil der Ersparnis kann als günstigerer Preis weitergegeben werden. Oder Gäste schätzen es einfach, dass das Lokal fair mit seinem Team umgeht, auch ohne Preissenkung.

Daran sieht man: Eine Prozessinnovation, die zuerst den Mitarbeitenden nützt, kann über Kosteneinsparung und Attraktivität auch Unternehmen und Kundschaft Wert bringen.

Nachhaltigkeit der Wertschöpfung

Nachhaltige Innovation: Je langfristiger alle Stakeholder vom geschaffenen Wert profitieren, desto nachhaltiger ist die Innovation.

Jeder negative Effekt auf Stakeholder ist ein Risiko für das dauerhafte Funktionieren der Innovation.
Besonders hohes Risiko: negative Effekte auf Stakeholder, deren Beiträge für das Geschäftsmodell notwendig sind (z. B. Arbeitskräfte).
Wird für einen Stakeholder kein Wert geschaffen, wird er langfristig nicht mehr beitragen und sich andere Möglichkeiten suchen (Verbindung zu Barnard).

Geschäftsmodell (innovationsorientiert): die grundlegende Logik, wie eine Organisation Wert für ihre Stakeholder schafft und wie die Stakeholder davon nachhaltig (dauerhaft) profitieren.

Geschäftsmodellinnovation (innovationsorientiert): eine neue Idee, deren Umsetzung die Logik der Wertschöpfung durch und für die Stakeholder verändert. Ziel ist meist, mehr Wert für die Stakeholder zu schaffen und so das dauerhafte Funktionieren der Organisation zu verbessern.

Einfach erklärt: Ein Lieferservice für regionale Bio-Lebensmittel nützt im besten Fall allen: der Gründerin (Gewinn), der Kundschaft (gute, preiswerte Lebensmittel), den Bauernhöfen (faire Preise, also Lieferantenrente), den Beschäftigten (sinnvoller Job, Arbeitnehmerrente), einem Partner für emissionsarme Zustellung und der Region. Je länger das für alle so bleibt, desto stabiler das Geschäft.

Prüfungsfalle: Nachhaltigkeit heißt hier nicht nur „umweltfreundlich“. Gemeint ist, dass alle Stakeholder dauerhaft vom geschaffenen Wert profitieren.

Wie die drei Sichtweisen zusammenhängen

SichtweiseUmgang mit Trade-offs
EntscheidungsorientiertTrade-offs bei knappen Ressourcen erkennen und optimieren
VerhaltensorientiertTrade-offs zwischen Stakeholder-Interessen ausbalancieren
InnovationsorientiertTrade-offs durch neue Ideen (teilweise) überwinden
Das Erkennen von Trade-offs ist immer der erste Schritt.
Nicht alle Trade-offs lassen sich durch Innovation teilweise überwinden oder ganz beseitigen. Zumindest kurzfristig muss man viele so akzeptieren, wie sie sind, und bestmöglich damit umgehen.
Knappheit und Trade-offs sind der Ansatzpunkt für kreative Ideen. Besonders bedeutsam sind Trade-offs zwischen Stakeholder-Interessen.
Solche Ideen verbessern und sichern im Sinne der verhaltensorientierten BWL die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens.

Prüfungsfalle: Die innovationsorientierte BWL behauptet nicht, dass jeder Trade-off überwunden werden kann. Viele müssen (zumindest kurzfristig) akzeptiert werden.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann die zwei Voraussetzungen eines „Paradieses ohne Wirtschaft und Recht“ nennen und Recht, Wirtschaftswissenschaften und BWL abgrenzen.
Ich kann Knappheit, Entscheiden, Trade-off und Opportunitätskosten definieren und Opportunitätskosten an einem Beispiel berechnen.
Ich kann die drei Sichtweisen der BWL mit Leitfrage, Kernbegriffen und Umgang mit Trade-offs unterscheiden und weiß, dass sie sich ergänzen.
Ich kann Erklärungs- und Gestaltungsfunktion (Heinen) unterscheiden.
Ich kann Bounded Rationality und Satisficing (Simon) erklären und Targets als Satisficing erkennen.
Ich kann die zwei Erkenntnisse der Behavioral Theory of the Firm (Cyert/March) und die Anreiz-Beitrags-Theorie (Barnard) erklären.
Ich kann Stakeholder definieren, Beispiele nennen (auch Shareholder und negativ Betroffene) und Stakeholder- von Shareholder-Value-Ansatz abgrenzen.
Ich kann Quasirente und Stakeholder-Rente erklären.
Ich kann Konsumenten- und Produzentenrente berechnen und sagen, wie der Preis sie verschiebt.
Ich kann Produkt-, Prozess- und Geschäftsmodellinnovation unterscheiden und erklären, warum jede beide Renten ermöglichen kann.
Ich kann die weite Definition von Innovation, die vier Einsichten zur Wertschöpfung und den Begriff der nachhaltigen Wertschöpfung wiedergeben.
Ich kenne die sieben Perspektiven der Unternehmensführung.

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