BWL · Kapitel 2/13

Unternehmerische Perspektive

Betriebswirtschaft34 Min. LesezeitRelevanz ★★★

1 Unternehmertum an großen Gründergeschichten ★★

Was macht Unternehmerinnen und Unternehmer aus? Bekannte Gründergeschichten zeigen ein Muster, das sich durch die ganze BWL zieht: Erfolgreiche Gründer setzen Ideen um und schaffen damit Wert für viele Beteiligte. Erfinden müssen sie dafür meist gar nichts.

Vier Gründer und was man von ihnen lernt

Zwei der vier stehen eher für die technologische Seite von Innovation (Ford, Jobs), zwei eher für Absatzmarkt und Marketing (Kroc, Mateschitz).

GründerWas er umgesetzt hatDie Lehre daraus
Henry Ford (Ford Motor Company, 1903)Model T (ab 1908) in Fließbandfertigung und Massenproduktion: billig und zuverlässigFord hat weder das Auto noch das Fließband erfunden, aber das Auto zum Massenprodukt gemacht
Ray Kroc (McDonald's)Konzept der McDonald-Brüder übernommen und per Franchising vervielfachtEine fremde Idee konsequenter und größer umsetzen
Dietrich Mateschitz (Red Bull)Thailändischen Energy Drink an den europäischen Geschmack angepasst, stark auf Marketing gesetztEinen Markt und ein Bedürfnis erst schaffen
Steve Jobs (Apple, 1976)Ideen anderer neu kombiniert: grafische Oberfläche, iPod, iPhoneDesign, Bedienbarkeit und ein Ökosystem von Produkten

Prozessinnovation: eine neue Art, etwas herzustellen oder bereitzustellen (z. B. das Fließband beim Auto).
Produktinnovation: ein neues oder deutlich verbessertes Produkt (z. B. das Smartphone).

Prüfungsfalle: „Henry Ford hat das Automobil erfunden" ist falsch. Das erste funktionsfähige Auto ließ Carl Benz 1886 patentieren. Auch das Fließbandprinzip war schon bekannt (z. B. aus Schlachthöfen). Fords Leistung war die Umsetzung.

Innovation löst Trade-offs auf

Trade-off (Zielkonflikt): Mehr vom einen bekommt man normalerweise nur mit weniger vom anderen, z. B. höhere Qualität nur zu höherem Preis.

Viele erfolgreiche Innovationen verschieben oder lösen genau so einen Konflikt auf:

Ford: Qualität und niedriger Preis zugleich (Fließband senkt die Kosten massiv)
McDonald-Brüder: kurze Wartezeit und frisch zubereitet. Die Prozessinnovation (arbeitsteilige, standardisierte Zubereitung) ergab zugleich eine Produktinnovation: frisch gemachtes Fast Food
Bestell-Kioske und App bei McDonald's: Standardisierung (schnell, billig) und Sonderwünsche (Customization)
iPhone: bequemer Internetzugang und kleines Gerät für unterwegs, dazu eine Plattform für Apps

Wird ein Trade-off aufgelöst, entsteht oft gleichzeitig eine Konsumentenrente (Kundschaft bekommt mehr für ihr Geld) und eine Produzentenrente (der Preis liegt trotzdem über den Kosten). Beim iPhone profitiert sogar ein ganzes Ökosystem weiterer Stakeholder: App-Entwickler, Zahlungsanbieter, soziale Netzwerke.

Einfach erklärt: Ein Fahrradverleih mit App-Schloss bietet Räder rund um die Uhr an und spart Personal. Früher hieß „längere Öffnungszeiten" automatisch „höhere Kosten". Die Idee hebt den Konflikt auf, Kundschaft und Verleih gewinnen.

Prüfungsfalle: Red Bull ist ein untypisches Beispiel. Hier wurde kein vorher erkennbarer Trade-off aufgelöst und kein bestehender Mangel beseitigt. In Europa und den USA wurde das Bedürfnis nach Energy Drinks erst geschaffen. Das zeigt: Kundennutzen ist subjektiv und muss nicht immer „ein Problem lösen".

VertiefungWas die Gründergeschichten sonst noch zeigen

Ford:

Führte 1914 den Achtstundentag ein (damit liefen drei Schichten rund um die Uhr) und zahlte 5 US-$ pro Tag, etwa das Doppelte des Üblichen. Das schuf auch Wert für die Arbeitskräfte.
Auch der Achtstundentag war nicht seine Erfindung: Robert Bosch hatte ihn schon 1906 eingeführt, dazu Betriebsärzte und Altersunterstützung.
Die Fließbandfertigung funktionierte nur mit starker Standardisierung (jedes Auto gleich).
Seine Sturheit half ihm am Anfang durchzuhalten. Später hielt er zu lange am Model T fest, während die Konkurrenz (u. a. General Motors) bessere und günstige Autos baute.

Kroc / McDonald's:

Kroc verkaufte Milchshake-Mixer, wurde auf das Restaurant der Brüder aufmerksam und sicherte sich Franchise-Rechte. 1961 kaufte er das Unternehmen samt Marke, später folgte der Börsengang zur internationalen Expansion.
Er baute das weltweit größte Franchise-System auf.
Anfang der 2000er wandte sich vor allem junge Kundschaft ab (Trend zu frisch und gesund). Subway überholte McDonald's bei der Zahl der Filialen.
Antwort: neue Innovationen wie Bestell-Kioske, App mit Geofencing, Ganztagsfrühstück und das Nachahmen der Kaffeehaus-Idee (McCafé).

Mateschitz / Red Bull:

Gründete Red Bull gemeinsam mit dem thailändischen Erfinder des Getränks. Er machte daraus ein kohlensäurehaltiges Getränk (lokale Anpassung im Marketing).
Start in Österreich 1987, später Deutschland, Schweiz und USA. Heute Weltmarktführer bei Energy Drinks.
Weit über 100 Nachahmer. Die Inhaltsstoffe sind nicht schützbar, wohl aber Name, Dosendesign und Werbespruch.
Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit waren ihm angeblich wichtiger als Reichtum.

Jobs / Apple:

Typisches Gründerteam: Jobs als Entrepreneur, Wozniak als Ingenieur und Erfinder.
Die mausgesteuerte grafische Oberfläche des Macintosh (1984) übernahm Jobs von einem Forschungscomputer von Xerox. Fremde Ideen kopieren und neu kombinieren war typisch für ihn.
Der iPod (2001) war technisch nichts Neues (MP3 gab es längst). Erfolgsfaktoren: Design und die Kombination mit iTunes.
Jobs musste Apple nach einem Konflikt mit dem von ihm selbst geholten CEO verlassen, gründete NeXT und baute Pixar auf. 1997 kehrte er als Chef zurück.
Patente boten gegen Nachahmer wie Samsung nur wenig Schutz. Auf Dauer hilft nur ständige eigene Innovation.
Apples Stärke: neue Technik durch Design schmackhaft machen, Kundschaft emotional binden und ein Ökosystem aufbauen, in dem Apple-Geräte gut zusammenspielen und fremde Produkte schwer anzubinden sind.

2 Entrepreneurial Spirit: Ziele und Motive ★★

Unternehmertum ist zuerst eine Haltung. Wofür jemand sie einsetzt, kann sehr verschieden sein: für Gewinn, für ein soziales Ziel oder für Verbesserungen im eigenen Betrieb.

Was Unternehmergeist bedeutet

Entrepreneurial Spirit (Unternehmergeist, Entrepreneurship, Unternehmertum): sich nicht mit den Gegebenheiten abfinden und über Probleme jammern, sondern kreativ überlegen, wie man mehr aus einer Lage macht, anpacken und aktiv gestalten. Es ist eine positive, aktive Lebenseinstellung.

Am Anfang jeder Gründungsgeschichte steht eine Idee, wie man etwas besser machen und vielleicht ein Stück die Welt verbessern kann.

Sachziele und Formalziele

SachzieleFormalziele
Worum es gehtinhaltliche Problemlösung für KundschaftGewinn, Vermögen, Reichtum
Beispiel„gute und billige Autos bauen"„möglichst hohen Überschuss erzielen"

Bei Gründungen spielen meist beide eine Rolle.

Die wichtigsten Gründungsmotive laut Befragungen:

höheres Einkommen
Unabhängigkeit
eine konkrete Geschäftsidee umsetzen
eine Antwort auf bestehende Probleme finden

Dazu kommen oft der Wunsch nach einem erfüllenden Lebensinhalt und nach Anerkennung oder Berühmtheit: Als Gründerin steht man persönlich für die Organisation.

Non-Profit-Organisationen und Social Entrepreneurship

Non-Profit-Organisation (NPO): Organisation, deren Gewinne nicht an Gründer oder Geldgeber ausgeschüttet werden dürfen. Gewinne darf sie erzielen, sie fließen aber vollständig in den guten Zweck.

Geld ist hier nur Mittel zum Zweck (z. B. Spenden, um Hilfsgüter zu kaufen). Unternehmergeist richtet sich dann klar auf Sachziele.

Social Entrepreneurship: unternehmerisches Handeln, das vorwiegend soziale Ziele verfolgt, etwa Armutsbekämpfung, Umweltschutz oder Menschenrechte.

Prüfungsfalle: „Eine Non-Profit-Organisation darf keine Gewinne erzielen" ist falsch. Sie darf sie nur nicht ausschütten.
Prüfungsfalle: Sachziele sind nicht dasselbe wie Gewinnziele. Gewinn, Vermögen und Rendite sind Formalziele.

Intrapreneurship: Unternehmergeist im bestehenden Unternehmen

Intrapreneurship: Entrepreneurial Spirit innerhalb (lateinisch intra) eines bestehenden Unternehmens, z. B. wenn eine Marketingleiterin ein Problem von sich aus anpackt und Abläufe grundlegend verbessert.

Große Unternehmen tun sich damit schwer, aus zwei Gründen:

1Bürokratie lähmt neue Wege.
2Gute Ideen werden oft nicht angemessen belohnt: Die Idee „gehört" dem Unternehmen, die Person bekommt höchstens eine Gehaltserhöhung und wenig Anerkennung.

Auswege für etablierte Unternehmen:

Innovationen zukaufen, also kleine innovative Firmen übernehmen (z. B. kaufte Google 2006 YouTube, Facebook 2014 WhatsApp, Microsoft 2011 Skype und 2016 LinkedIn)
sich an Start-ups beteiligen
selbst neue Einheiten gründen, in denen Ideen in flexibler, agiler Struktur umgesetzt werden

Einfach erklärt: Die Filialleiterin einer Bäckereikette entwickelt von sich aus ein Vorbestell-System per QR-Code, statt sich über die Schlangen am Morgen zu ärgern. Sie gründet nichts, handelt aber unternehmerisch: Intrapreneurship.

VertiefungPiraten statt Navy: Jobs als Intrapreneur

Steve Jobs ist ein extremes Beispiel. Die Geldgeber hielten ihn für zu jung, um das schnell gewachsene Apple selbst zu führen, also holte er einen erfahrenen CEO von Pepsi. Mit dem Wachstum kamen immer mehr bürokratische Regeln, und Jobs vermisste den Gründergeist.

Er stellte mit einigen der besten Ingenieure ein eigenes Team zusammen, das sich „Piraten" nannte, in Abgrenzung zur bürokratischen „Navy". Pirat sein hieß: Risiken eingehen, improvisieren, agil sein, sich als Underdog gegen Etabliertes stellen. Das Ergebnis war der Macintosh (1984).

Das zeigt die Kernschwierigkeit großer Firmen: Sie brauchen Strukturen, müssen aber trotzdem den unternehmerischen Geist ihrer Leute erhalten.

3 Was Entrepreneure können müssen ★★

Gründen ist anstrengend und meistens erfolglos. Wer es trotzdem schafft, bringt bestimmte Eigenschaften mit und geht klug mit Risiko um.

Typische Eigenschaften

Beharrlichkeit, manchmal Sturheit: sich nicht leicht von Ideen abbringen lassen
hoher Drang nach Autonomie (Selbstbestimmung, Unabhängigkeit von Vorgesetzten und Bürokratie)
Bereitschaft, sehr viel zu arbeiten; Beruf und Privatleben lassen sich oft schwer trennen
Kreativität und Umsetzungsstärke: Entrepreneure müssen nichts erfinden, sie bauen oft auf Ideen anderer auf und setzen sie konsequenter um
Anziehungskraft für Ressourcen („attraktiv sein"): Geldgeber (Venture Capitalists, Banken), Partner, gute Arbeitskräfte und Kundschaft gewinnen
Risikokompetenz und betriebswirtschaftliches Wissen

Oft tun sich Entrepreneure mit Fachleuten zusammen: Die Technik übernimmt der Experte, der Entrepreneur kümmert sich um Strategie, Vermarktung und Finanzen.

Gründen ist nie eine Einzelveranstaltung, sondern braucht ein Ökosystem von Stakeholdern. Die Leitfrage am Anfang lautet: Was macht meine Idee und mich attraktiv für die, die finanzieren, kaufen und mitarbeiten sollen?

Beharrlich, aber kritikfähig

Confirmation Bias (Bestätigungsfehler): Man nimmt nur Informationen wahr, die die eigene vorgefasste Meinung bestätigen, und schiebt Kritik ungeprüft beiseite.

Gegenmittel: eine Geschäftsidee wie eine wissenschaftliche Theorie behandeln. Man muss Bedingungen nennen können, unter denen sie falsch wäre. Gelingt das nicht klar und einfach, ist die Idee nicht gut ausgearbeitet.

Einfach erklärt: „Mein Foodtruck läuft, wenn an Wochentagen mittags mindestens 80 Leute am Platz vorbeigehen, die bereit sind, 9 € zu zahlen." Diese Annahme kannst du prüfen. „Gutes Essen verkauft sich immer" kannst du nicht prüfen.

Risiko gehört dazu, aber kalkuliert

Kein Gewinn ohne Anstrengung und meistens kein Gewinn ohne Risiko. Das heißt aber nicht, leichtfertig Geld aufs Spiel zu setzen.

Entrepreneure müssen:

Risiken einschätzen können
zwischen kalkulierbaren und nicht kalkulierbaren Risiken unterscheiden
nicht kalkulierbare Risiken nur dort eingehen, wo es unbedingt nötig ist

Je mehr man von Finanzen, Strategie, Marketing, Produktion und Personal versteht, desto eher vermeidet man unnötige Fehler.

Scheitern ist normal: der Survivorship Bias

Weniger als 20 % der Neugründungen überleben die ersten drei Jahre, nur etwa 10 % die ersten fünf Jahre.
Fast alle neuen Ideen erweisen sich als nutzlos, einige als mäßig wertvoll, nur sehr wenige als Durchbruch.
Viele Gescheiterte sehen sich positiv als „gescheiter geworden" und versuchen es erneut.

Survivorship Bias (Überlebenden-Verzerrung): Man schließt nur aus den sichtbaren Erfolgsfällen, weil über Gescheiterte kaum gesprochen und geschrieben wird. Echte Erfolgsfaktoren erkennt man nur, wenn man auch die gescheiterten Gründungen untersucht.

Selbst bei „FuckUp Nights", wo Gründer von ihrem Scheitern erzählen, sprechen oft Leute, die es am Ende doch geschafft haben.

Prüfungsfalle: Nicht verwechseln: Confirmation Bias = nur Bestätigendes wahrnehmen. Survivorship Bias = nur die Überlebenden sehen. Auch falsch: „Confirmation Bias heißt, Bedingungen zu formulieren, unter denen eine Idee scheitert." Das ist das Gegenmittel.

VertiefungDie Flugzeuge mit den Einschusslöchern

Der Begriff Survivorship Bias soll auf den Mathematiker Abraham Wald zurückgehen (geboren in Österreich-Ungarn). Im Zweiten Weltkrieg wollte man Flugzeuge dort stärker panzern, wo die zurückgekehrten Maschinen Einschusslöcher hatten.

Wald empfahl das Gegenteil: Panzerung genau dort, wo die Heimkehrer nie getroffen waren. Flugzeuge mit Treffern an diesen Stellen waren offenbar abgestürzt und tauchten in der Statistik gar nicht auf.

Übertragen auf Gründungen: Wer nur Erfolgsgeschichten liest, lernt womöglich genau das Falsche.

Gründung und Diversität

Gründer-Ranglisten zeigen fast nur Männer, meist weiße US-Amerikaner. Ein Grund ist die lange rechtliche Diskriminierung von Frauen. In der Bundesrepublik Deutschland brauchten Ehefrauen bis 1958 die Zustimmung des Mannes für einen eigenen Beruf. Bis 1977 durften sie nur berufstätig sein, soweit das mit „Pflichten in Ehe und Familie" vereinbar war.

Zahlen, die du kennen solltest:

2022 in Frankreich, Deutschland, Schweden, Spanien und UK: 10 % der Gründungen durch rein weibliche Teams, 12 % gemischt, 78 % rein männlich.
EU: Anteil der Gründungen mit weiblicher Beteiligung stieg von 13 % (2010) auf 21 % (2021).
USA 2022: 55 % der Unicorns (Start-ups mit mindestens 1 Mrd. US-$ Wert) wurden von Eingewanderten gegründet, mit zweiter Generation sogar 64 %.

Betriebswirtschaftliche Sicht: Diskriminierung beim Zugang zum Wirtschaften (Bildung, Kapital) ist Vergeudung von Kreativ- und Innovationspotenzial, also neben dem moralischen Problem auch wirtschaftlich schädlich.

VertiefungDiskriminierung, Präferenzen und Gründerinnen

Präferenzen oder Diskriminierung? Von Frauen gegründete Start-ups verfolgen häufiger soziale oder ökologische Ziele. Das deutet darauf hin, dass der geringere Frauenanteil nicht nur Diskriminierung, sondern teilweise auch unterschiedliche Präferenzen bei der Berufswahl spiegelt. Allerdings sind auch Präferenzen von Rollenbildern und Vorurteilen geprägt.

Implizite Diskriminierung nach sozialer Herkunft, Dialekt, kultureller Prägung oder sexueller Orientierung kann für Betroffene sogar schlimmer sein: Sie ist schwer erkennbar, wird kaum als Diskriminierung „anerkannt" und lässt sich mit Gleichstellungsmaßnahmen schlecht bekämpfen.

Bekannte Gründerinnen: Coco Chanel (Modehäuser, neuer Kleidungsstil), Estée Lauder (Kosmetikkonzern, machte Gratisproben zum Marketinginstrument), Margarete Steiff (Spielwarenfabrik). Heute z. B. Whitney Wolfe Herd (Mitgründerin von Tinder, dann Gründerin der Dating-App Bumble, mit 31 jüngste Selfmade-Milliardärin).

Warum Eingewanderte oft gründen: Vermutlich, weil man für eine Auswanderung Mut braucht und in einer neuen Umgebung ohnehin aktiv werden muss.

4 Der Businessplan und die Wahl der Rechtsform ★★★

Bevor gegründet wird, muss die Idee durchgerechnet und erklärt werden. Der Businessplan zwingt dazu, Annahmen offenzulegen und Risiken abzuwägen.

Wozu ein Businessplan dient

Businessplan: übliches Instrument, mit dem Gründer ihr Geschäftsmodell beschreiben und Chancen und Risiken abwägen.

Er hat zwei Zwecke:

1Nach innen: die Idee gründlich durchdenken, Risiken erkennen und kalkulieren, nach der Gründung Abweichungen vom Plan schnell bemerken.
2Nach außen: andere, vor allem Geldgeber, mit nachvollziehbaren, realistischen Plänen überzeugen.

Rationalitätssicherung: Gerade weil neue Ideen oft mit üblichen Denkmustern brechen, auf Intuition beruhen und anfangs wie „Spinnerei" wirken, braucht es einen vernünftigen, sorgfältigen Plan.

Die Bausteine

1Customer Value Proposition (Nutzenversprechen): An welche Kundschaft richtet sich die Idee, und warum schafft sie für sie Nutzen?
2Product Market Fit: Gibt es genug Kundschaft, die für das Angebot einen Preis über den Bereitstellungskosten zahlen will und kann?
3Profit Formula: Welchen Preis kann man durchsetzen, wie oft wird verkauft, und wie stellt man das Angebot zu Kosten unter diesem Preis bereit?
4Ressourcenbedarf: Welche Ressourcen braucht man und wie beschafft man sie?
5Finanzplan: für die ersten Jahre geplante Umsätze, laufende Auszahlungen und Investitionen, wie viel Kapital wann gebraucht und wie beschafft wird, mit offengelegten Annahmen und Risiken
6Gründungsteam: Wer mit welcher Qualifikation verantwortet welchen Bereich, wie werden Schlüsselpositionen besetzt?
7Rechtsform

Product Market Fit: liegt vor, wenn es für ein Produkt einen Markt mit genug Zahlungsbereitschaft und Zahlungsfähigkeit gibt.

Prüfungsfalle: „Wenn ein Produkt ein Problem löst und Kundennutzen schafft, besteht ein hoher Product Market Fit" ist falsch. Es braucht zusätzlich genug Kundschaft, die einen Preis über den Kosten zahlen will und kann. Ein Problem zu lösen, für dessen Lösung niemand genug zahlt, ist wirtschaftlich zum Scheitern verurteilt.

Einfach erklärt: Eine Lern-App, die Vokabeln perfekt abfragt, löst ein echtes Problem. Wenn aber kaum jemand mehr als 1 € dafür zahlen will und Entwicklung samt Betrieb pro Nutzer 3 € kosten, fehlt der Product Market Fit.

Auch die anderen Stakeholder (Team, Partner, Geldgeber) erwarten eine Gegenleistung, die die Zusammenarbeit für sie vorteilhafter macht als ihre Alternativen. Das greift die Idee der Stakeholderrente vor (Abschnitt 7).

Risiko und Ungewissheit nach Knight

Prognosen schreiben vergangene Erfahrungen in die Zukunft fort. Je schöpferischer eine Innovation ist, desto weniger Erfahrung gibt es und desto schwerer sind Prognosen, z. B. für Absatz und Umsatz.

Der Ökonom Frank Knight unterschied 1921 („Risk, Uncertainty, and Profit"):

BegriffWas man weißBeispiel
Risikomögliche Szenarien sind bekannt, mit mehr oder weniger WahrscheinlichkeitRegenwetter halbiert den Umsatz eines Eisstands
Ungewissheit (Uncertainty)nicht einmal alle möglichen Szenarien sind vorhersehbarvöllig neue Technologie, deren Folgen niemand abschätzen kann

Schöpferisches Unternehmertum muss mit beidem umgehen.

Prüfungsfalle: Risiko und Ungewissheit sind nicht dasselbe. Bei Ungewissheit fehlen nicht nur die Wahrscheinlichkeiten, sondern schon die Kenntnis aller möglichen Entwicklungen.

Die Rechtsform

Rechtsform: regelt grundlegende Beziehungen zwischen den Stakeholdern. Sie bestimmt:

wer entscheidet und das Unternehmen führt
wer es nach außen vertritt
wer wie am Gewinn beteiligt ist
wer für die Schulden haftet
RechtsformArtHaftung
Einzelunternehmeneine Person hat alle Rechte und Pflichtenunbeschränkt, mit dem gesamten Privatvermögen
OHG (Offene Handelsgesellschaft)Personengesellschaft, mehrere gemeinsamalle unbeschränkt mit Privatvermögen
KG (Kommanditgesellschaft)PersonengesellschaftKomplementäre voll, Kommanditisten nur mit ihrer Einlage
GmbH & Co. KGPersonengesellschaft, die GmbH ist Komplementärniemand haftet voll privat
GmbH, AGKapitalgesellschaft, juristische PersonGesellschafter nur mit dem eingebrachten Kapital

Kapitalgesellschaft: juristische Person mit eigener Rechtspersönlichkeit und Rechtsfähigkeit. Gesellschafter können natürliche Personen, Personengesellschaften oder juristische Personen (vor allem andere Kapitalgesellschaften) sein. Man wird durch Einbringen von Kapital Gesellschafter.

Prüfungsfalle: Die Kommanditisten einer GmbH & Co. KG haften nicht mit ihrem Privatvermögen, sondern nur mit ihrer Einlage. Vollhafter (Komplementär) ist die GmbH. Trotzdem ist die GmbH & Co. KG eine Personengesellschaft.
Prüfungsfalle: Gesellschafter einer Personengesellschaft müssen nicht unbedingt natürliche Personen sein. In der Schweiz ist die GmbH & Co. KG aber nicht möglich, weil dort nur natürliche Personen Komplementäre sein dürfen.

Beschränkte Haftung ist nicht immer gut

Wer mit dem ganzen Privatvermögen haftet, sendet ein starkes Signal, dass er an die Idee glaubt. Banken und andere Kapitalgeber geben dann eher Geld.

Haftung betrifft auch andere Stakeholder: Geht eine GmbH pleite, bekommen Kundschaft und Lieferanten ihre berechtigten Forderungen oft nicht mehr ersetzt, weil das eingebrachte Kapital nicht reicht. Deshalb überlegen sich Stakeholder genau, wie viel Geschäft sie mit Firmen machen, die nur mit kleinen Einlagen haften.

Einfach erklärt: Eine kleine Dachdecker-GmbH saniert dein Dach. Zwei Jahre später regnet es durch, die GmbH gibt es nicht mehr. Bei einem Einzelunternehmer könntest du dich an sein Privatvermögen halten, bei der GmbH nur an das (oft kleine) Firmenkapital.

5 Schumpeter: schöpferisches Unternehmertum und schöpferische Zerstörung ★★★

Joseph Schumpeter gilt als größter Vordenker der Theorie des Unternehmertums. Seine Begriffe gehören zur Allgemeinbildung und werden gern abgefragt.

Wer Schumpeter war

Joseph Schumpeter (1883–1950): gebürtiger Österreicher, kurz österreichischer Finanzminister, Professor in Graz, Bonn und Harvard. Einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts.

Hauptwerke: „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung", „Business Cycles", „Capitalism, Socialism and Democracy" (1942), „History of Economic Analysis".

Arbitrage- und schöpferisches Unternehmertum

Arbitrage: das Ausnutzen von Preisunterschieden.

ArbitrageunternehmertumSchöpferisches Unternehmertum
Vorgehenbekannte Verfahren und Technologien nutzen, Preisunterschiede ausnutzenneuartige Ideen hervorbringen und wirtschaftlich durchsetzen
RolleImitatorenPioniere, Bahnbrecher
BeispielGetränkehändler kauft Kisten im Großhandel und verkauft sie am Festival mit AufschlagBäckerei bietet als erste ein Brot-Abo mit App-Zustellung an

Bei Arbitrage werden Rohstoffe mit anderen Produktionsfaktoren (z. B. Personal) auf allseits bekannte Weise kombiniert, und man verkauft etwas teurer, als die Einsatzfaktoren gekostet haben. Ein Restaurant mit bekannten Gerichten und bekannten Abläufen ist typisches Arbitrageunternehmertum.

Schöpferisch ist ein Unternehmen nicht nur durch die eine große Idee. Auch eine ständig gelebte Innovationsorientierung zählt: die dauernde Suche nach Verbesserungen und das Umsetzen vieler kleiner Verbesserungen.

Prüfungsfalle: Eine Restaurantbetreiberin, die als erste einen völlig neuen Zustellservice am Markt etabliert, ist schöpferische Unternehmerin, keine Arbitrageunternehmerin. Arbitrage heißt: nur Bekanntes nutzen.

Die Kernideen der Theorie

Dynamischer Wettbewerbsprozess: Der schöpferische Unternehmer ist Pionier und Motor des Fortschritts. Er entwickelt neue Verfahren oder Produkte, um Konkurrenten voraus zu sein oder neue Märkte zu erschließen. Pioniere werden ständig von Nachahmern herausgefordert.
Recombinant Innovation: Innovationen sind oft neue Kombinationen bereits bekannten Wissens.
Schöpferische Zerstörung: Alte Produktionsverfahren und Strukturen werden zerstört, indem sich neue durchsetzen. Die Wirtschaftsstruktur wird dadurch ständig „von innen heraus revolutioniert".
Unterscheidung von Arbitrage- und schöpferischem Unternehmertum (siehe oben)

Schöpferische Zerstörung: Schumpeter nannte sie 1942 „the essential fact about capitalism". Das Neue setzt sich durch, das Alte verschwindet.

Der Motor dafür sind neue Produktideen, neue Produktionsmethoden und neue Märkte.

Prüfungsfalle: „Recombinant Innovation bedeutet, dass Pioniere immer wieder von Imitatoren herausgefordert werden" ist falsch. Recombinant Innovation heißt Neukombination bekannten Wissens. Die Herausforderung durch Nachahmer gehört zum dynamischen Wettbewerbsprozess.

Einfach erklärt: Streaming hat Videotheken verschwinden lassen. Für die Videotheken war das Zerstörung, für die Wirtschaft insgesamt Erneuerung. Genau dieses Nebeneinander meint „schöpferische Zerstörung".

Gewinn als Anreiz: Pioniere und Imitatoren

Der wichtigste Anreiz, ständig Neues zu suchen, ist die Aussicht auf Gewinn:

1Der Pionier (First Mover) setzt eine neue Idee als Erster durch und erzielt zunächst einen Monopolgewinn, weil es noch keine Konkurrenz gibt.
2Dieser Gewinn lockt Imitatoren an, die nachahmen.
3Die Konkurrenz drückt den Gewinn des Pioniers, der wieder neu innovieren muss.

Beispiele: Fords Gewinne lockten General Motors und andere Autobauer an. Red Bull zog über 100 Nachahmerprodukte an.

VertiefungWarum Zerstörung notwendig ist

Schumpeter vergleicht die Wirtschaft mit der Biologie: Dort ist der Tod der Preis für Fortschritt durch Mutation und Evolution. Ebenso muss in der Wirtschaft Altes zerstört werden, damit Neues entstehen kann.

Im Kleinen heißt das für ein einzelnes Unternehmen: Es muss loslassen können, also Dinge abschaffen, bevor es Neues umsetzt. Ford, der zu lange am Model T festhielt, zeigt, was passiert, wenn das nicht gelingt.

Wer bei Schumpeter „Unternehmer" ist: nur wer Innovationen zur Wertschöpfung umsetzt. Wer bloß Risikokapital bereitstellt, ohne eigene Ideen oder Geschäftsführung, heißt bei ihm Kapitalist (mehr dazu in Abschnitt 7).

6 Disruptive Innovation und andere Arten von Innovation ★★★

Nicht jede Innovation krempelt einen Markt um. Der Begriff „disruptiv" hat eine genaue Bedeutung, und viele Prüfungsaussagen spielen mit dem Unterschied zu „radikal".

Disruptive Innovation nach Christensen

Disruptive Innovation: von Clayton M. Christensen (Harvard Business School) geprägter Begriff, der auf Schumpeters schöpferischer Zerstörung aufbaut. Allgemein: eine Innovation, die eine bestehende Technologie oder ein bestehendes Produkt vollständig verdrängt.

Incumbents: etablierte Unternehmen. Entrants: neue Marktteilnehmer, meist Start-ups.

Der typische Ablauf:

1Incumbents verbessern ihre bestehenden Produkte für ihre bisherige Kundschaft und vernachlässigen andere, noch nicht erschlossene Kundengruppen.
2Entrants sprechen gezielt diese vernachlässigten Gruppen mit Nischenprodukten an.
3Die Incumbents reagieren zunächst schwach, weil die Ideen nicht als massentauglich gelten.
4Gefährlich wird es, wenn die Entrants auch in die Massenmärkte der Etablierten vordringen.

Klassisches Beispiel: Digitalkameras machten anfangs viel schlechtere Bilder als Filmkameras und wurden nur in Nischen genutzt (z. B. Kinderkameras). Die Technik wurde immer besser und zerstörte die Geschäftsgrundlage der Marktführer bei analogem Film, etwa Kodak.

Einfach erklärt: Stell dir zwei Linien vor: was die Massenkundschaft an Leistung braucht, und was das neue Produkt kann. Anfangs liegt das neue Produkt darunter und reicht nur für eine Nische. Es verbessert sich schneller, kreuzt irgendwann die Linie und erobert dann den Massenmarkt.

Prüfungsfalle: Radikal ist nicht automatisch disruptiv. Das iPhone war im Handymarkt zunächst eine radikale Innovation, aber nicht disruptiv: Es versorgte bestehende Kundengruppen mit einem viel besseren Produkt. Disruptiv wirkten Smartphones erst später, als sie den PC als Hauptzugang zum Internet und für Apps stark zurückdrängten.

Der Ablauf ist kein Naturgesetz

Der von Christensen beschriebene Prozess läuft nicht immer genau so ab. Bei Elektroautos erwarteten viele, dass Entrants wie Tesla die etablierten Hersteller verdrängen.

Doch die Incumbents (VW, BMW, Toyota usw.) sahen die Kundengruppe nicht als uninteressante Nische und reagierten massiv. Elektromobilität kann man als disruptive Technologie bezeichnen. Ob die Etablierten deshalb verschwinden oder nur ihre Produkte umstellen, ist offen.

Prüfungsfalle: „Bei einer disruptiven Technologie verschwinden die etablierten Unternehmen immer vom Markt" ist falsch. Sie können auch stark reagieren und bleiben.

Zuerst Ersatz, dann Revolution

Große technologische Innovationen ersetzen oft zunächst nur die alte Technik. Grundlegend Neues entsteht erst längerfristig.

Verbrennungsmotoren ersetzten zuerst Dampfmaschinen in Fabriken. Erst später ermöglichten sie, weil leichter und kleiner, das Automobil.
Digitale Lehre: Zuerst werden Kurse einfach aufgezeichnet oder als Video angeboten, der Mehrwert ist überschaubar. Von Disruption kann man erst sprechen, wenn der ganze Lehr- und Lernprozess neu gedacht wird. KI-Chatbots könnten das beschleunigen.

Weitere Arten von Innovation

ArtWorin das Neue liegtBeispiel
Produktinnovationim Produkt selbsterstes Smartphone mit App-Plattform
Prozessinnovationin der Herstellung oder BereitstellungFließbandfertigung
Business Model Innovationin der Logik, wie Geld verdient wirdGratis-App, finanziert durch Werbung und Nutzerdaten
Relationale Innovationin der Gestaltung der Stakeholder-BeziehungenBewertungssystem zwischen Fahrer und Fahrgast
User InnovationIdeen kommen von den Nutzern selbstKundschaft schlägt neue Funktion vor

Business Model Innovation (Geschäftsmodellinnovation): Nicht das Produkt ist neu, sondern die Art, wie damit Geld verdient wird. Bei Uber ist „Personentransport" nichts Neues. Bei sozialen Netzwerken ist das Produkt für Nutzer kostenlos, die Erlöse kommen aus Werbung und Nutzerdaten.

VertiefungDisruptiv oder nicht? Diskussionsfälle

Ob ein bekannter Marktwandel „disruptiv" im strengen Sinn ist, lässt sich diskutieren:

Uber gegenüber klassischen Taxiunternehmen
Netflix gegenüber Videotheken und linearem Fernsehen
Airbnb gegenüber Hotels und Vermittlern

Prüfe dabei: Wurde das Alte vollständig verdrängt? Begann der Neue in einer Nische, die die Etablierten ignorierten? Haben die Etablierten schwach reagiert? Bei Videotheken passt das gut, bei Hotels kaum (sie gibt es weiterhin).

7 Wertschöpfung für Stakeholder messen ★★★

Hier liegt der Kern des Kapitels: Innovation ist die Umsetzung neuer Ideen für Stakeholder-Wertschöpfung. Du musst rechnen können, wie viel Wert für wen entsteht, und den Unterschied zwischen Wertschöpfung und Gewinn sicher beherrschen.

Die Grundfrage

Stakeholderrente (Wertschaffung für einen Stakeholder): der subjektiv empfundene, in Geld ausgedrückte Vorteil, den ein Stakeholder hat, weil es das Unternehmen gibt, verglichen mit einer Welt ohne dieses Unternehmen.

Dafür brauchst du zwei Maßstäbe:

Maximale Zahlungsbereitschaft (Willingness to Pay, WTP): der höchste Betrag, den jemand für ein Produkt gerade noch zahlen würde. Sie ist subjektiv und schwer zu beziffern.
Opportunitätskosten: der Wert der nächstbesten Alternative, auf die man verzichtet, z. B. der Lohn, den man anderswo bekommen hätte.

Die Renten der einzelnen Stakeholder

FormelKonsumentenrente
KR=WTP−Preis

In Worten: Die Kundschaft gewinnt den Betrag, um den ihre maximale Zahlungsbereitschaft über dem tatsächlich gezahlten Preis liegt.

KR = Konsumentenrente (Wertschaffung für die Kundschaft)WTP = maximale Zahlungsbereitschaft (Willingness to Pay)
Beispiel ansehen

Eine Kundin würde für ein Jahresabo einer Lern-App höchstens 70 € zahlen. Das Abo kostet 40 €.

Ergebnis: KR=70−40=30 €.

FormelRente eines Leistungserbringers
Rente=erhaltene Zahlung−Opportunita¨tskosten

In Worten: Wer eine Leistung liefert (Arbeitskraft, Vorprodukt, Raum), gewinnt den Betrag, den er mehr bekommt als in seiner nächstbesten Alternative.

Rente = Arbeitnehmerrente (Mitarbeitende) bzw. Zuliefererrente (Zulieferer)Opportunita¨tskosten = Wert der Leistung in der zweitbesten Verwendung
Beispiel ansehen

Ein Barista bekommt im Kaffeehaus 2.300 € im Monat. Im besten anderen Job bekäme er 2.000 €.

Ergebnis: Arbeitnehmerrente =2.300−2.000=300 €. Bekäme er anderswo ebenfalls 2.300 €, wäre seine Rente 0 €.

FormelProduzentenrente (finanzieller Gewinn)
Gewinn=Erlo¨s−Zahlungen an alle Leistungserbringer

In Worten: Der finanzielle Gewinn ist der Überschuss aus dem Verkaufspreis abzüglich der bezahlten Preise für alle eingesetzten Ressourcen.

Gewinn = Produzentenrente, Finanzüberschuss der Eigentümer
Beispiel ansehen

Ein Webdesign-Studio bekommt für einen Auftrag 5.000 €, zahlt 2.000 € an einen Freelancer und 300 € für Software.

Ergebnis: Gewinn =5.000−2.000−300=2.700 €. Hat die Gründerin 10 Stunden selbst gearbeitet und wäre ihre Zeit 80 € pro Stunde wert, bleibt nach Abzug dieser Opportunitätskosten eine Rente von 2.700−800=1.900 €.

Gesamte Wertschöpfung

FormelGesamtwertschöpfung eines Unternehmens
Wertscho¨pfung=WTP−∑Opportunita¨tskosten=∑Stakeholderrenten

In Worten: Die gesamte Wertschöpfung ist der Wert des Produkts aus Kundensicht minus dem Wert aller eingesetzten Leistungen aus Sicht derer, die sie erbringen. Sie ist gleich der Summe aller Stakeholderrenten.

WTP = Wert des Produkts aus Kundensicht (maximale Zahlungsbereitschaft)∑Opportunita¨tskosten = Werte aller eingesetzten Leistungen in ihrer zweitbesten Verwendung (inkl. Zeit der Gründerin)

Wichtig: In dieser Formel kommen die Preise und Zahlungen gar nicht vor. Sie heben sich weg, weil jede Zahlung für den einen Einnahme und für den anderen Ausgabe ist.

Man kann sich das als senkrechten Stab vorstellen, von oben nach unten:

WTP der Kundschaft
–Abstand bis zum Verkaufspreis: Konsumentenrente
Verkaufspreis
–Abstand bis zu den bezahlten Inputpreisen: Produzentenrente (Gewinn)
Bezahlte Preise für Inputs (Lohn, Miete, Material)
–Abstand bis zu den Opportunitätskosten: Zuliefererrente bzw. Arbeitnehmerrente
Opportunitätskosten der Lieferanten

Die ganze Länge von WTP bis zu den Opportunitätskosten ist die Wertschöpfung (Value Creation).

Ein durchgerechnetes Beispiel

Ein junges Unternehmen organisiert geführte Radtouren für Firmenteams. Gründerin Mia hat ein besonderes Konzept entwickelt: Teambuilding-Aufgaben unterwegs, die per App gesteuert werden.

Ein Kunde bucht eine Tour um 3.000 €. Ihm ist sie 4.000 € wert (WTP).
Ein freiberuflicher Guide bekommt 900 €. Anderswo hätte er für den Tag 600 € verdient.
Die Räder werden bei einem Verleih um 400 € gemietet. Der Verleih hätte sie zum gleichen Preis an andere vermieten können.
Die Lizenz der Touren-App kostet 100 €. Für den App-Anbieter entstehen dadurch keine Kosten und es entgehen ihm keine anderen Erlöse.
Mia selbst arbeitet 5 Stunden. Eine vergleichbare Leitungstätigkeit würde 60 € pro Stunde bringen.
StakeholderRechnungRente
Kunde (Konsumentenrente)4.000 − 3.0001.000 €
Guide (Arbeitnehmerrente)900 − 600300 €
Radverleih (Zuliefererrente)400 − 4000 €
App-Anbieter (Zuliefererrente)100 − 0100 €
Gründerin (Produzentenrente)(3.000 − 900 − 400 − 100) − 5 · 601.300 €
Summe = Wertschöpfung4.000 − (600 + 400 + 0 + 300)2.700 €

Finanzieller Gewinn: 3.000−900−400−100=1.600 €. Nach Abzug von Mias eigener Zeit (300 €) bleiben 1.300 € Rente. Die gesamte Wertschöpfung (2.700 €) ist deutlich größer als der Gewinn.

Prüfungsfalle: „Die gesamte Wertschöpfung ist der Verkaufspreis minus die Zahlungen an alle Stakeholder" ist falsch. Das ist der finanzielle Gewinn. Wertschöpfung = Zahlungsbereitschaft minus Opportunitätskosten.
Prüfungsfalle: Der Gewinn ist meist nur ein kleiner Teil der Wertschöpfung. Ein Unternehmen mit hohem Gewinn muss nicht viel Wert schaffen, und umgekehrt.

Zwei Sonderfälle, die oft gefragt werden

Rente 0 beim Zulieferer: Kann ein Zulieferer seine Leistung jederzeit zu denselben Bedingungen jemand anderem verkaufen, entsteht für ihn kein Zusatzwert. Er kann trotzdem Gewinn machen, aber den hätte er auch ohne dieses Unternehmen. Streng genommen ist er dann gar kein Stakeholder: Er hat in der Beziehung nichts auf dem Spiel.

Digitale Güter: Software kann man beliebig oft vermieten, ohne dass Kosten oder entgangene Erlöse entstehen. Die Opportunitätskosten sind 0, also ist der ganze Preis Wertschaffung. Ein Büro oder ein Rad kann man dagegen nur einmal gleichzeitig vermieten. Digitale Güter bieten daher zusätzliche Wertschöpfungsmöglichkeiten gegenüber materiellen Gütern.

Prüfungsfalle: „Wer keine Kosten hat, hat auch keine Rente" ist falsch. Beim digitalen Gut ist es genau umgekehrt: Opportunitätskosten 0 bedeuten, dass die gesamte Zahlung Rente ist.

Wofür der Gewinn bezahlt

Der Gewinn (die Produzentenrente) entlohnt drei verschiedene Funktionen, die in kleinen Firmen oft eine Person ausübt:

FunktionEntlohnungWofür genau
EntrepreneurEntrepreneursrentedie schöpferisch-innovative Geschäftsidee, die Wert für alle schafft
GeschäftsführungVergütung der Führungsarbeitverhandeln, Partner auswählen, Verträge, Anleitung
RisikokapitalgeberRisikokapitalrente (auch „Kapitalistenrente")Geld bereitstellen und das Verlustrisiko tragen

In großen Unternehmen übernehmen verschiedene Personen diese Funktionen. Stellt eine Gründerin einen Geschäftsführer an, sinkt der finanzielle Gewinn um dessen Gehalt.

VertiefungWarum es Kapital braucht und wer welche Funktion übernimmt

Die zeitliche Lücke: Ressourcen (Lohn, Miete, Software) müssen bezahlt werden, bevor das Geld von der Kundschaft hereinkommt. Genau deshalb braucht man zum Gründen Kapital.

Das Risiko: Wer vorfinanziert, trägt das Risiko, dass der Kunde unzufrieden ist und nicht zahlt, der Guide krank wird oder sonst etwas schiefgeht. Dann ist das ausgegebene Geld verloren. Niemand würde Risikokapital ohne Anteil am Gewinn bereitstellen.

Arbeitsteilung in großen Firmen: Angestellte Geschäftsführer (Vorstand, CEO, CFO) bekommen ein Gehalt, Investoren tragen das Risiko und bekommen dafür einen Gewinnanteil, und Entrepreneure liefern die Ideen. Wie diese drei Rollen zusammenwirken, ist das Thema der Corporate Governance.

Schumpeters Begriffe: Kapitalisten stellen Risikokapital bereit, ohne eigene Ideen oder Geschäftsführung einzubringen (heute: Venture Capitalists). Unternehmer (Entrepreneure) sind nur jene, die Innovationen zur Wertschöpfung umsetzen. Entrepreneurship heißt also schöpferisches Unternehmertum, im Gegensatz zum Arbitrageunternehmertum.

Prüfungsfalle: Nach Schumpeter ist nicht jeder, der Geld und Risiko in ein Unternehmen steckt, ein Unternehmer. Ohne Innovation ist er „Kapitalist".

Was Entrepreneurship eigentlich maximiert

Entrepreneurship ist primär auf Maximierung der Wertschöpfung ausgerichtet, nicht auf Gewinnmaximierung. Der Grund: Das größtmögliche Gewinnpotenzial ergibt sich erst aus der insgesamt geschaffenen Wertschöpfung.

Einfach erklärt: Der Gewinn ist ein Stück vom Kuchen. Wie groß dein Stück überhaupt werden kann, hängt davon ab, wie groß der ganze Kuchen ist.

VertiefungDer Preis verteilt nur um

Was passiert im Radtour-Beispiel, wenn Mia statt 3.000 € nun 3.500 € verlangt (alles andere gleich)?

Stakeholdervorhernachher
Kunde1.000 €500 €
Guide, Verleih, App300 + 0 + 100 €300 + 0 + 100 €
Gründerin1.300 €1.800 €
Summe2.700 €2.700 €

Ergebnis: Die gesamte Wertschöpfung bleibt gleich. Ein höherer Preis senkt die Konsumentenrente und erhöht, was für die anderen übrig bleibt. Mit dem Mehrerlös könnte Mia auch den Guide besser bezahlen.

Was die Wertschöpfung wirklich erhöht: eine höhere WTP (bessere Qualität, persönlichere Betreuung, Geld-zurück-Garantie) oder niedrigere Opportunitätskosten der Beteiligten. Die Zahlungsflüsse sind kein Maß für die Wertschaffung, aber sie bestimmen die Verteilung des Kuchens.

Grenzen der Rechnung: Gezählt wird nur, was sich in Geld bewerten lässt. Nicht-finanzielle Vorteile fehlen, etwa dass der Guide gern mit Mia arbeitet und Neues lernt oder dass Mia Freude an ihrer Selbständigkeit hat.

VertiefungWoher das Wort „Gewinn" kommt

In der BWL meint „Gewinn" üblicherweise nur den Finanzüberschuss der Eigentümer. Tatsächlich entsteht für alle Stakeholder ein „Gewinn", der sich aber nur über Opportunitätskosten-Überlegungen schätzen lässt.

Das Wort geht auf germanisch wenna zurück. Das bedeutet einerseits „sich anstrengen" und ist andererseits mit dem Wort für Freund verwandt (erhalten etwa im Namen Erwin). Gewinn im ursprünglichen Sinn ist also eine gemeinsame Anstrengung, deren Früchte freundschaftlich verteilt werden. Genau das ist der Kern der innovationsorientierten Sicht: gemeinsame Wertschaffung für alle Stakeholder durch große und kleine Innovationen.

8 Wertverteilung bestimmt die Wertschaffung ★★★

Die Aufteilung der Wertschöpfung ist nicht vorgegeben, sie wird verhandelt. Die zentrale Erkenntnis: Wer anderen zu wenig lässt, macht den Kuchen kleiner.

Würde Gewinnmaximierung heißen, alle anderen zu drücken?

Im Radtour-Beispiel hätte Mia mehr verdienen können:

Hätte sie die WTP des Kunden gekannt, hätte sie bis zu 4.000 € verlangen können. Anbieter kennen die WTP aber meist nicht genau.
Den Guide hätte sie fast auf 600 € herunterhandeln können.
Der App-Anbieter hätte wegen Opportunitätskosten von 0 auch billiger geliefert.
Nur beim Radverleih gab es keinen Spielraum.

Trotzdem gilt: Die Produzentenrente wird nicht dadurch maximiert, dass man die Renten der anderen minimiert.

Erwartungen über die Verteilung bestimmen die Anreize

Grundprinzip der Betriebswirtschaft: langfristiger gemeinsamer Vorteil durch Innovation.

Was Stakeholder von ihrem Anteil erwarten, bestimmt ihre Anreize:

1die Zusammenarbeit fortzusetzen
2weiter zur gemeinsamen Wertschöpfung beizutragen
3selbst innovativ zu sein

Nur ein Geschäft, bei dem alle Betroffenen dauerhaft profitieren, ist ein gutes und nachhaltiges Geschäft. Andere über den Tisch zu ziehen lohnt sich meist nur sehr kurzfristig.

Wird der Guide bis zur Schmerzgrenze gedrückt …Wird er fair bezahlt …
fühlt er sich unfair behandelt und spart Arbeitszeitstrengt er sich mehr an, auch über den Vertrag hinaus
sagt er ab, sobald er ein besseres Angebot hatbleibt er auch bei einem besseren Angebot loyal
verlangt er selbst viel, wenn Mia auf ihn angewiesen isthilft er in Krisen und teilt sein Wissen

Gute Stakeholder-Beziehungen können gerade in Krisen über das Überleben entscheiden: Kundschaft, Belegschaft, Lieferanten und Geldgeber helfen freiwillig, wenn sie sich der Firma verbunden fühlen.

Wertschaffung und Wertverteilung sind nicht unabhängig. Nur wer erwarten kann, selbst zu profitieren, investiert in den Erfolg der Zusammenarbeit, ist innovativ und schafft damit mehr Wert.

Prüfungsfalle: „Eine gewinnmaximierende Eigentümerin sollte die Renten aller anderen Stakeholder minimieren" ist falsch. Wegen der Abhängigkeit der Wertschaffung von der Wertverteilung schrumpft dann der ganze Kuchen.

Spezifische Investitionen und Vertrauen

Spezifische Investition: Investition in eine bestimmte Kooperationsbeziehung, die nur innerhalb dieser Beziehung wertvoll ist und teilweise verloren geht, wenn die Beziehung endet.

Beispiele: Ein Guide bildet sich gezielt für Mias Tourkonzept weiter. Der App-Anbieter passt seine Software speziell an Mias Bedürfnisse an.

Solche Investitionen sind oft entscheidend für den Erfolg, setzen aber Vertrauen in eine dauerhaft partnerschaftliche Beziehung voraus.

Einfach erklärt: Ein etwas kleineres Stück von einem großen Kuchen ist oft größer als das mit Abstand größte Stück von einem winzigen Kuchen.

Verteilen geht auch ohne Geld

Der Preis ist nicht der einzige Hebel, um die Verteilung zu gestalten. Wert für Stakeholder lässt sich auch nicht-geldlich schaffen:

Kundschaft: bessere Qualität, Service, persönliche Betreuung, Garantien wie „Geld zurück bei Unzufriedenheit"
Arbeitskräfte: Weiterbildung, flexible Arbeitszeiten, weniger Zeitdruck
Partner: gegenseitige Gefälligkeiten, z. B. Werbung auf der eigenen Website gegen einen günstigeren Preis

Gerade nicht-geldliche Wertschöpfung bietet viele Ansatzpunkte für Innovation.

Technologische und relationale Innovation

Technologische InnovationRelationale Innovation
Was neu istneue technische Möglichkeiten, aus Faktoren Produkte zu machenneue Gestaltung der Beziehungen zu Stakeholdern
BeispielKI-Software für AnalysenFahrdienst mit gegenseitiger Bewertung von Fahrer und Fahrgast

Bei vielen modernen Geschäftsmodellen beschränkt sich die Technik auf eine Online-Plattform. Der eigentliche Kern ist die neue Gestaltung der Stakeholder-Beziehungen. Ein Fahrdienst wie Uber bietet technisch dieselbe Fahrleistung wie ein Taxi, organisiert aber die Beziehungen zu Fahrgästen und Fahrern anders. Viele kleine relationale Innovationen ergeben zusammen ein sehr innovatives Geschäftsmodell.

So wie genaue Kenntnis der Kundenbedürfnisse Konsumenten- und Produzentenrente zugleich steigert, steigert die Kenntnis der Bedürfnisse von Arbeitskräften und Zulieferern deren Rente und zugleich die Produzentenrente.

Innovation kommt von allen Stakeholdern

Nicht nur die Gründerin hat Ideen. Auch andere Stakeholder tragen Innovationen bei:

User Innovation: Wer ein Produkt täglich nutzt, hat oft die besten Ideen für Verbesserungen oder ganz neue Produkte. Eine besonders wichtige Innovationsquelle.
Zulieferer und Partnerunternehmen
Arbeitskräfte

Stakeholder, die für sich eine hohe Wertschöpfung erwarten, sind motiviert, eigene Ideen beizusteuern. Innovative Unternehmen sehen Innovation deshalb als täglichen, dauerhaften Prozess in allen Bereichen, nicht nur als „große Idee".

9 Ökosysteme, Wertvernichtung und Fairness ★★

Wer Wert schafft, bekommt nicht automatisch den passenden Anteil. Und Unternehmen können auch Wert vernichten. Dieser Abschnitt zeigt die Grenzen und Risiken der gemeinsamen Wertschöpfung.

Wert schaffen heißt nicht Wert behalten: IBM und der PC

Anfang der 1980er stieg IBM, bis dahin Anbieter von Büromaschinen, in den wachsenden Markt für Personal Computer ein. IBM setzte auf ein modulares Konzept.

Modularity (Modularität): Ein Netz, in dem alles mit allem verbunden ist, wird in Teilsysteme zerlegt. Innerhalb der Teile bleibt es komplex, zwischen ihnen gibt es nur wenige, einfache Verbindungen (Schnittstellen). So lässt sich ein Bauteil, etwa der Prozessor, einfach austauschen, ohne den Rest anzupassen.

Wichtige Module kaufte IBM zu: den Prozessor von Intel, das Betriebssystem von Microsoft (MS-DOS), weitere Software von anderen Firmen. IBM wurde so zum Orchestrator eines Business Ecosystems, also zum Knotenpunkt einer Plattform, auf der viele Partner gemeinsam eine Kundenlösung anbieten.

Vorteile des KonzeptsNachteile für IBM
„IBM-kompatibel" wurde rasch zum Standardandere konnten den PC leicht nachbauen und billiger anbieten
sehr schnelle Innovation bei Prozessoren, Bildschirmen, Speicher, Softwareder Prozessor wurde zum wichtigsten Kaufargument, Intel hatte lange ein Monopol und große Verhandlungsmacht
Microsoft setzte sich bei der Software durch, nicht IBM

Ergebnis: Die Wertschöpfung wanderte vor allem zu Intel und Microsoft und zu Nachbauern wie Compaq und Dell. IBM wurde vom Orchestrator zum entbehrlichen Partner und verkaufte 2004 seine PC-Sparte an Lenovo.

Die Lehre: IBM hat sehr viel Wert für seine Stakeholder geschaffen, sich aber keinen angemessenen Anteil in Form von Gewinn angeeignet.

Prüfungsfalle: Ein Zulieferer kann sich einen größeren Teil der Wertschöpfung sichern, wenn er die Preise erhöht und der Abnehmer nicht auf andere Zulieferer ausweichen kann. Wertschaffung und Aneignung des Werts sind zwei verschiedene Dinge.

VertiefungIBM mit strategischer Brille

Marktorientierte Sicht: Der PC-Markt war zu Recht attraktiv. IBM baute aber keine Markteintrittsbarrieren auf (Nachbau war leicht), und die Verhandlungsmacht der Zulieferer Intel und Microsoft wurde zu groß.

Ressourcenorientierte Sicht: Alle Ressourcen, über die IBM verfügte, waren imitierbar oder ersetzbar. Die schwer ersetzbaren Bausteine (Prozessor, Software) kontrollierten Intel und Microsoft, die sich deshalb den Großteil der Wertschöpfung aneignen konnten.

Hätte IBM alles selbst machen sollen? Ein eigener Prozessor und nur eigene Software hätten IBM vielleicht mehr Gewinn gesichert. Dann wäre die IBM-Architektur aber womöglich kein Standard geworden, und es hätte weniger rasanten Fortschritt gegeben. Denn gerade die großen Gewinnaussichten waren der Hauptanreiz für Intel und Microsoft, ständig zu innovieren.

Warum IBM das nicht kommen sah: Bei Büromaschinen für Firmen hieß Fortschritt immer, dass der Kunde das alte IBM-Gerät durch ein neues IBM-Gerät ersetzt. Im Privatmarkt bauten Computerbastler ihre PCs dagegen selbst aus Modulen zusammen.

Wertvernichtung und passive Stakeholder

Wertvernichtung: Ein Stakeholder erleidet durch die Unternehmenstätigkeit einen Schaden, etwa wenn Arbeitskräfte ausgebeutet werden oder Lärm und Umweltverschmutzung die Lebensqualität anderer senken.

Kurzfristig kann ein Unternehmen damit erfolgreich sein, auf Dauer entstehen daraus Risiken:

Ausgebeutete Arbeitskräfte sind in Krisen weniger loyal und leisten nicht mehr als vertraglich vereinbart.
Stakeholder ohne angemessene Rente investieren weniger in die Beziehung.
Passive Stakeholder (keine direkten Beiträge, aber betroffen, etwa von Umweltschäden) können sich organisieren und gegen das Unternehmen vorgehen.
Spillover-Effekte: Produkte aus Ausbeutung oder mit Umweltschäden sind für Kundschaft weniger attraktiv. Wer seinen Ruf verliert, verliert Attraktivität am Produkt- und am Arbeitsmarkt.

Perspective Taking und Empathie

Wirtschaftliche Innovation heißt nicht vorrangig technische Erfindung. Sie heißt Wertschöpfung, und die ist eine subjektiv empfundene Verbesserung.

Perspective Taking: die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, um zu erkennen, wie für sie Wert entstehen kann. Das gilt für Kundschaft ebenso wie für Arbeitskräfte, Zulieferer und Partner.

Geld ist dabei meist nur eine Dimension. Wert entsteht auch durch:

Freude am Produkt, schönes Design, angenehme Bedienung
das gute Gefühl, umweltfreundlich zu konsumieren
Sicherheit, Dazulernen und Sinn bei der Arbeit, für ein verantwortungsvolles Unternehmen tätig zu sein

Wer Innovation auf Geld reduziert und kein Einfühlungsvermögen mitbringt, übersieht womöglich die interessantesten Geschäftsideen.

Wertschöpfung und Fairness

Gemeinsame Wertschöpfung garantiert keine faire Verteilung. Es gibt nämlich keinen unstrittigen Maßstab, was fair ist:

Gleichverteilung: Alle bekommen den gleichen Vorteil.
Beitragsprinzip: Wer mehr oder Wichtigeres beiträgt, bekommt mehr.

Wie verteilt wird (auch Wertvernichtung), hängt von Rahmenbedingungen ab, die die Verhandlungsposition jedes Stakeholders bestimmen. Die Gesamtheit dieser Rahmenbedingungen heißt Corporate Governance.

RahmenbedingungWirkt auf
Gewerkschaften (z. B. Streikmöglichkeit)Verhandlungsposition der Arbeitskräfte beim Lohn
Arbeitsrecht (Arbeitssicherheit, Kündigungsschutz)nicht-geldliche Interessen der Arbeitskräfte
Umweltrechtwer für Umweltschäden aufkommt
Konsumentenschutzwie leicht Kundschaft Schäden durch Produktfehler durchsetzt

Prüfungsfalle: „Wer gemeinsam Wert schafft, verteilt ihn automatisch fair" ist falsch. Die Verteilung hängt von Verhandlungsmacht und Rahmenbedingungen ab, und Fairness selbst ist umstritten.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann an Ford, Kroc, Mateschitz und Jobs erklären, warum Entrepreneure nichts erfinden müssen und wie Innovation Trade-offs auflöst.
Ich kann Sach- und Formalziele, Non-Profit-Organisation, Social Entrepreneurship und Intrapreneurship sauber unterscheiden.
Ich kann die Eigenschaften von Entrepreneuren nennen und Confirmation Bias von Survivorship Bias abgrenzen.
Ich kann die Bausteine eines Businessplans aufzählen und erklären, warum Problemlösung allein noch keinen Product Market Fit ergibt.
Ich kann Risiko und Ungewissheit nach Knight unterscheiden.
Ich kann Einzelunternehmen, OHG, KG, GmbH & Co. KG, GmbH und AG nach Art und Haftung einordnen.
Ich kann Schumpeters Kernideen erklären: schöpferische Zerstörung, Recombinant Innovation, Pioniere und Imitatoren, Arbitrage- und schöpferisches Unternehmertum.
Ich kann disruptive von radikaler Innovation abgrenzen und den Ablauf nach Christensen beschreiben.
Ich kann Konsumenten-, Arbeitnehmer-, Zulieferer- und Produzentenrente sowie die gesamte Wertschöpfung berechnen und vom finanziellen Gewinn unterscheiden.
Ich kann erklären, welche drei Funktionen der Gewinn entlohnt und warum Wertverteilung die Wertschaffung beeinflusst.
Ich kann technologische und relationale Innovation unterscheiden und an IBM zeigen, dass Wert schaffen nicht Wert behalten heißt.

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