BWL · Kapitel 9/13

Unternehmensethik & Corporate Governance

Betriebswirtschaft27 Min. LesezeitRelevanz ★★

1 Was hat BWL mit Ethik zu tun? ★★

Unternehmen schaffen Wert für ihre Stakeholder, sie können ihnen aber auch massiv schaden. Hier geht es um die Frage, ob solche Schäden nur auf einzelne „schwarze Schafe“ zurückgehen oder ob das Unternehmen selbst (seine Strukturen) dafür verantwortlich ist.

Ethische Fragen im Unternehmen

Ethische Frage: die Frage, ob und wie weit eine Handlungsweise nach allgemein anerkannten Werten und Normen als gut und richtig gilt.

Bekannte Unternehmensskandale zeigen, worum es geht:

Ein Autohersteller wägt die Kosten einer Rückrufaktion für einen gefährlichen Konstruktionsmangel gegen die erwarteten Schadenersatzzahlungen ab und entscheidet sich zunächst fürs Abwarten (der klassische Lehrfall der Business Ethics aus den 1970er-Jahren).
Beim Dieselabgasskandal (2015) wurden Autos als umweltfreundlich verkauft, obwohl sie die Abgaswerte nur dank manipulierter Software erreichten. Kundinnen und Kunden wurden bewusst getäuscht, denn Umweltfreundlichkeit ist Teil des Kundennutzens.
Bei der Explosion einer Ölbohrinsel im Golf von Mexiko (2010) starben Arbeiter, und es entstand eine riesige Umweltkatastrophe durch eine Kette menschlicher und technischer Nachlässigkeiten.

Die Lehre daraus: Unethisches Verhalten schadet nicht nur den Stakeholdern, sondern oft auch dem Unternehmen selbst. Die kurzfristige Kostenersparnis wird durch Prozesse, Strafzahlungen, spätere Rückrufe und Reputationsverlust meist um ein Vielfaches übertroffen.

Individuelles Fehlverhalten oder Organisationsversagen?

Die Kernfrage der Unternehmensethik lautet: Lässt sich ethisches Fehlverhalten von Unternehmen auf einzelne Personen zurückführen, oder liegen die Gründe in den Strukturen des Unternehmens?

Unternehmensethik: ist nicht einfach die Summe des ethischen oder unethischen Verhaltens der Menschen im Unternehmen. Sie fragt auch nach der Verantwortung für Strukturen, Anreize und Kultur.

Strukturelle Gründe für Fehlverhalten:

Hierarchische Strukturen, in denen Druck nur nach unten weitergegeben wird und Beschäftigte damit allein gelassen werden.
Anreizsysteme, die Zielerreichung „um jeden Preis“ belohnen.
Eine Kultur des Wegschauens und der gegenseitigen Bestätigung („ist ja eh harmlos“).

Einfach erklärt: Eine Lern-App-Firma verspricht Investoren unrealistische Nutzerzahlen. Die Geschäftsführung macht Druck auf die Teamleitung, die Teamleitung auf den Entwickler. Am Ende „schönt“ der Entwickler die Statistik, die Teamleitung lobt ihn und schaut nicht genau hin, die Geschäftsführung weiß von nichts. Wer ist schuld? Jede Person ein bisschen, vor allem aber ein System, das Betrug begünstigt.

Corporate Social Responsibility (CSR)

Ein zweiter wichtiger Unterschied zwischen individueller Ethik und Unternehmensethik: Fehlverhalten Einzelner hat meist keine so weitreichenden Folgen für die Gesellschaft wie das Handeln eines Unternehmens.

Corporate Social Responsibility (CSR): die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Sie geht deutlich über die soziale und moralische Verantwortung der einzelnen Beschäftigten hinaus.

Prüfungsfalle: „Unternehmensethik ist die Summe der Moral aller Beschäftigten“ ist falsch. Auch Strukturen, Anreizsysteme und Unternehmenskultur können unethisches Verhalten erleichtern, fördern oder sogar erzwingen.
Prüfungsfalle: Die Forderung nach CSR begründet sich gerade damit, dass Unternehmenshandeln weitreichendere gesellschaftliche Folgen hat als das Handeln einzelner Personen.

VertiefungDruckketten und die Frage nach der Schuld

Stell dir eine Kette vor: Die Geschäftsführung hat selbst nur noch eine Frist, um Ergebnisse zu liefern. Sie setzt die Abteilungsleitung unter Druck, die droht ihrerseits mit Budgetkürzungen und Kündigungen. Eine Mitarbeiterin, die ihre Familie versorgen muss, greift schließlich zu einem Trick.

Die Mitarbeiterin: Hat sie gegenüber ihrer Familie verantwortungsvoll gehandelt? Vielleicht trägt sie nur eine Teilschuld.
Die Führungskraft: Hätte vielleicht merken können, dass etwas nicht stimmt, wollte aber nicht so genau hinschauen.
Die Geschäftsführung: Trägt die Gesamtverantwortung, hat aber vielleicht nur unangemessenen Druck gemacht, ohne vom Betrug zu wissen.

Daraus folgt die entscheidende Anschlussfrage: Wenn auch die Strukturen schuld sind, wer trägt die Verantwortung für die Strukturen? Genau das führt zur Frage, wer im Unternehmen überhaupt „alles“ bestimmen darf (nächste Abschnitte).

VertiefungRisiken richtig einschätzen und offenlegen

Manchmal unterschätzen selbst Fachleute ein Risiko. Dass jemand ein Produkt selbst nutzt oder der eigenen Familie kauft, beweist noch nicht, dass das Risiko vertretbar ist. Es kann auch nur zeigen, dass die Gefahr falsch eingeschätzt wurde.

Ethisch entscheidend ist deshalb:

Ab wann (z. B. nach wie vielen bekannt gewordenen Unfällen) muss sich die Einschätzung eines Risikos ändern?
Muss die Öffentlichkeit ehrlich über neue Erkenntnisse informiert werden?

Ein Foodtruck, der nach mehreren Beschwerden über Bauchweh weiter dieselbe Sauce verkauft, kann sich nicht darauf berufen, dass der Koch sie selbst isst.

2 Rechtsformen: Wer entscheidet, wer haftet? ★★

Die Rechtsform legt grundlegende Spielregeln zwischen den Stakeholdern fest. Sie ist deshalb auch Teil jedes Businessplans und die Basis für die Frage, wer im Unternehmen Verantwortung trägt.

Was die Rechtsform regelt

Rechtsform: die rechtliche „Verfassung“ eines Unternehmens. Sie bestimmt unter anderem:

wer die Entscheidungen trifft und das Unternehmen führt,
wer das Unternehmen nach außen vertritt,
wer in welcher Form am Gewinn beteiligt ist,
wer für die Aktivitäten, vor allem für die Schulden, haftet.

Die wichtigsten Rechtsformen

RechtsformWer gehört dazu?Haftung
Einzelunternehmeneine Person mit allen Rechten und Pflichtenunbeschränkt, gesamtes Privatvermögen
Personengesellschaft (z. B. OG, in Deutschland OHG)mehrere Personen, gemeinsam Eigentum und Gewinnanspruchgemeinsam und unbeschränkt mit Privatvermögen
Kommanditgesellschaft (KG)Komplementäre und KommanditistenKomplementär voll, Kommanditist nur mit Einlage
Kapitalgesellschaft (GmbH, AG)Gesellschafter durch Einbringen von Kapitalnur mit dem eingebrachten Kapital

Komplementär: Gesellschafter einer KG, der unbeschränkt mit seinem Privatvermögen haftet (Vollhafter).
Kommanditist: Gesellschafter einer KG, der nur beschränkt mit seiner Einlage haftet (Teilhafter).
Kapitalgesellschaft: eine juristische Person mit eigener Rechtspersönlichkeit und Rechtsfähigkeit, z. B. die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) oder die Aktiengesellschaft (AG).

Gesellschafter einer Kapitalgesellschaft können sein:

1natürliche Personen,
2Personengesellschaften,
3juristische Personen, vor allem andere Kapitalgesellschaften.

Prüfungsfalle: Die KG ist eine Personengesellschaft, obwohl ein Teil der Gesellschafter (die Kommanditisten) nur beschränkt haftet.
Prüfungsfalle: Bei der GmbH & Co. KG ist eine GmbH der Komplementär. Die Kommanditisten haften nur mit ihrer Einlage, nicht mit dem vollen Privatvermögen. Es ist eine Personengesellschaft, bei der trotzdem keine natürliche Person voll haftet.

VertiefungMischformen und Länderunterschiede

GmbH & Co. KG: Vollhafter (Komplementär) ist eine juristische Person, nämlich eine GmbH. Die übrigen Gesellschafter („& Compagnie“) sind Kommanditisten, also Teilhafter. Gesellschafter einer Personengesellschaft müssen also nicht unbedingt natürliche Personen sein.

Schweiz: Dort ist diese Konstruktion nicht möglich, weil nur natürliche Personen Komplementäre einer KG sein dürfen.

Englische Begriffe: Die Personengesellschaft mit einer eng mit dem Unternehmen verbundenen Inhaberin wird auch als Entrepreneurial Firm bezeichnet, die Kapitalgesellschaft als Corporation.

Ist beschränkte Haftung immer gut?

Nein. Beschränkte Haftung schützt das Privatvermögen, hat aber Nachteile:

Signalwirkung: Wer mit dem ganzen Privatvermögen haftet, zeigt, dass er an seine Idee glaubt. Banken und andere Kapitalgeber geben dann eher Geld.
Risiko für andere Stakeholder: Geht eine GmbH pleite, bleiben Kundinnen mit Schadenersatzansprüchen oder Lieferanten mit offenen Rechnungen oft auf dem Schaden sitzen, weil die Einlagen nicht reichen.

Einfach erklärt: Eine Tischlerei-GmbH baut Küchen ein und geht dann in Konkurs. Der Lieferant der eingebauten Geräte bekommt sein Geld nicht, und die Geräte kann er aus den fertigen Küchen nicht zurückholen. Deshalb überlegen sich Stakeholder genau, wie viel Geschäft sie mit Firmen machen, die nur mit kleinen Einlagen haften.

Prüfungsfalle: „Eine Haftungsbeschränkung ist für Gründer immer vorteilhaft“ stimmt nicht. Unbeschränkte Haftung ist ein starkes Vertrauenssignal und erleichtert die Kapitalbeschaffung.

3 Unternehmenstheorie: Warum es eine Spitze der Hierarchie gibt ★★★

Wer darf im Unternehmen „alles“ bestimmen und trägt damit auch die Verantwortung für Strukturen, Anreize und Kultur? Ökonomische Unternehmenstheorien beantworten das mit einfachen Modellen, etwa wie Hierarchie entsteht und wer an ihrer Spitze stehen sollte.

Das Modell von Alchian und Demsetz (1972)

Die Ökonomen Armen Alchian und Harold Demsetz argumentieren über die Teamproduktion:

1Teamproduktion ist synergetisch: Gemeinsam entsteht mehr als die Summe der Einzelleistungen. Dabei lässt sich aber nicht genau messen, wer wie viel zum Teamergebnis beigetragen hat.
2Trittbrettfahrer-Problem (Free Rider): Deshalb lohnt es sich für Einzelne, sich weniger anzustrengen und auf die anderen zu verlassen. Der Teamerfolg ist gefährdet.
3Teamleitung: Es braucht jemanden, der überwacht, dass sich alle anstrengen.
4Wer überwacht die Überwacher? An der Spitze muss jemand stehen, der selbst nicht überwacht werden muss.
5Lösung: Das ist der Fall, wenn die Unternehmensführung das Risiko des Teamerfolgs trägt, ihre Vergütung also vom Erfolg abhängt. Dann hat sie selbst einen Anreiz, die Überwachung ernst zu nehmen.

Ergebnis des Modells: Arbeitskräfte bekommen ein (weitgehend) fixes Gehalt. Die Unternehmensführung bekommt kein fixes Gehalt, sondern trägt das Unternehmensrisiko in Form eines ungewissen Finanzerfolgs. Im Gegenzug darf sie alle Entscheidungen im Unternehmen treffen.

Einfach erklärt: Bei einer Gruppenarbeit auf der Uni lehnt sich gern jemand zurück. Würde die Note der Gruppensprecherin allein davon abhängen, wie gut das Gesamtergebnis wird, würde sie genau darauf achten, dass alle mitarbeiten.

Warum Risiko und Entscheidungsrecht zusammengehören

Ohne das Recht, die Entscheidungen zu treffen, wäre kaum jemand bereit, das gesamte Risiko zu tragen. Das Risiko besteht darin, ob der Output am Markt zu einem Preis verkauft werden kann, der alle Kosten (inklusive der Fixgehälter) mehr als deckt, ob also ein Gewinn oder ein Verlust entsteht.

Residuales Entscheidungsrecht: das Recht, alle Unternehmensentscheidungen zu treffen, soweit nicht Gesetze oder bindende Verträge etwas anderes vorgeben. Dazu gehören auch Personalentscheidungen und die Bedingungen der Arbeitsverträge.
Tragen des finanziellen Risikos: Anspruch auf die erwirtschafteten Überschüsse (Produzentenrente, Gewinn) und Pflicht, im Misserfolgsfall alle Verluste zu tragen.

Was Eigentum am Unternehmen ökonomisch bedeutet

Eigentum am Unternehmen: die Kombination aus drei Elementen:

1Tragen des Risikos,
2Anspruch auf Gewinne (Überschüsse),
3Recht, die Entscheidungen im Unternehmen zu treffen (residuale Entscheidungsrechte).

Prüfungsfalle: Nach Alchian und Demsetz bekommt die Unternehmensführung eine erfolgsabhängige Vergütung und die Arbeitskräfte ein fixes Gehalt, nicht umgekehrt.
Prüfungsfalle: Eigentum im ökonomischen Sinn ist mehr als „etwas besitzen“: Es umfasst alle drei Elemente Risiko, Gewinnanspruch und Entscheidungsrecht.

VertiefungNon-Profit-Organisationen haben keine Eigentümer

In diesem ökonomischen Sinn gibt es an Non-Profit-Organisationen (NPOs) kein Eigentum, weil sie keine Gewinne ausschütten dürfen.

Wer einen gemeinnützigen Verein gründet und Spenden sammelt, kann zwar meist Entscheidungen treffen, hat aber keinen Anspruch auf einen Anteil an Überschüssen.
Eine Spende kann nicht zurückgefordert werden und bringt, anders als eine Kapitalbeteiligung an einem Unternehmen, weder Mitsprache- noch Gewinnrechte.

Es fehlt also mindestens das Element „Anspruch auf Gewinne“.

Kritik aus innovationsorientierter Sicht

Das Modell von Alchian und Demsetz beschreibt ein Arbitrageunternehmen: Faktor- und Güterpreise sind vom Markt vorgegeben, die Führung muss nur gut organisieren und überwachen.

Bei schöpferischem Unternehmertum (im Sinne Schumpeters) ist die Aufgabe der Spitze eine ganz andere: Sie soll vor allem Innovationen anstoßen und am Markt durchsetzen und damit den Wertschöpfungsprozess überhaupt erst in Gang bringen. Überwachung ist dann nur ein Nebenaspekt.

Prüfungsfalle: Die Hauptfunktion der Unternehmensspitze ist aus innovationsorientierter Sicht nicht die Überwachung, sondern das Anstoßen und Durchsetzen von Innovationen. Die reine Überwachungslogik gilt für Arbitrageunternehmen.

4 Ownership, Control und Entrepreneurship: drei Rollen ★★★

In einem kleinen Familienbetrieb liegt alles in einer Hand. In großen Kapitalgesellschaften werden die Rollen aufgeteilt, und damit wird auch die Frage nach der Verantwortung schwieriger.

Die drei Rollen

RolleEnglischWas gehört dazu?
UnternehmertumEntrepreneurshipeigene Geschäftsidee, Innovation umsetzen
EigentumOwnershipRisiko tragen, Anspruch auf Gewinn
FührungControl(letzt)verantwortlich entscheiden, leiten

Trennung von Eigentum und Führung (Jensen und Meckling, 1976)

Michael Jensen und William Meckling haben das Modell von Alchian und Demsetz auf den Fall erweitert, dass diejenigen, die das volle finanzielle Risiko tragen, das Unternehmen nicht selbst führen.

Trennung von Ownership und Control: Eigentümer (Risikoträger) und Unternehmensführung (Geschäftsführung, Vorstand) sind verschiedene Personen.

Wichtig: Die residualen Entscheidungsrechte werden dabei nur delegiert, nicht vollständig übertragen. Bei den Eigentümern bleiben:

die Letztentscheidung, vor allem in strategischen Fragen,
die Entscheidung, wer zu welchen Bedingungen in die Geschäftsführung bzw. den Vorstand berufen wird.

Vorteile der Trennung:

Wer Kapital hat und Risiko tragen will, muss das Unternehmen nicht selbst führen können.
Wer gut führen kann, muss nicht das Geld haben, um das Unternehmen zu finanzieren und das Risiko zu tragen.

Prüfungsfalle: „Bei der Trennung von Eigentum und Führung gehen alle Entscheidungsrechte auf den Vorstand über“ ist falsch. Sie werden delegiert; Letztentscheidung und Bestellung der Führung bleiben bei den Eigentümern.

Trennung von Privat- und Unternehmensvermögen

Meist geht die Trennung von Eigentum und Führung mit einer Trennung von Privat- und Unternehmensvermögen einher: Das Risiko der Eigentümer ist auf das in die Kapitalgesellschaft eingebrachte Eigenkapital beschränkt.

Warum ist das naheliegend? Sonst könnten schlechte Entscheidungen einer Geschäftsführung, die die Eigentümer nur bedingt kontrollieren können, deren gesamtes Privatvermögen gefährden.

Trennung von Entrepreneurship und Ownership (Schumpeter, 1942)

Eine dritte Trennung beschrieb Joseph Schumpeter schon viel früher: die zwischen Unternehmern (Entrepreneurship) und Kapitalisten (Ownership).

Kapitalist (im Sinne Schumpeters): stellt einem Unternehmen ausschließlich in Geldvermehrungsabsicht Kapital zur Verfügung. Er trägt weder durch eine Idee bzw. Innovation noch durch Mitarbeit in der Geschäftsführung zum Erfolg bei. Sein Risiko ist auf die eigene Einlage beschränkt (bei der AG: Wert der eigenen Aktien).

In einer AG nehmen typischerweise die Aktionäre (Shareholder) diese Rolle ein. Ihr wesentlicher Beitrag ist die Bereitstellung von Risikokapital, wofür ihnen eine angemessene Vergütung, vor allem für die Risikoübernahme, zusteht.

Prüfungsfalle: Die Trennung von Entrepreneurship und Ownership (Unternehmer vs. Kapitalist) stammt von Schumpeter, nicht von Jensen und Meckling. Jensen und Meckling behandeln die Trennung von Ownership und Control.

5 Bündelung vs. Trennung: Was das für die Verantwortung heißt ★★★

Je nach Rechtsform liegen die drei Rollen in einer Hand oder sind verteilt. Davon hängt ab, wer die soziale und ethische Verantwortung für das Unternehmen als Ganzes trägt.

Einzelunternehmen und Personengesellschaften: alles gebündelt

Hier sind alle drei Rollen typischerweise in der Geschäftsführung gebündelt. Die Inhaberin (oder die Familie bei einem Familienbetrieb):

ist Entrepreneur, weil sie ihre eigene Geschäftsidee umsetzt,
ist Risikoträgerin mit dem eigenen Vermögen und gewinnberechtigt,
ist die letztverantwortliche Entscheidungsinstanz für alltägliche und strategische Fragen.

Damit gibt es eine klare „oberste Instanz“: Sie hat die Wertschöpfung durch ihre Idee ermöglicht, übt alle residualen Entscheidungsrechte aus, trägt das Risiko und bekommt die Überschüsse als Lohn für Innovation und Risiko. Folge: Die volle soziale und ethische Verantwortung für das Unternehmen als Ganzes liegt bei ihr.

Einfach erklärt: Gehört das Kaffeehaus ums Eck einer einzigen Wirtin, die es selbst führt, ist klar, wer für alles geradesteht: sie.

Kapitalgesellschaften: Rollen verteilt

Incorporation: die Entstehung einer Kapitalgesellschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit. Sie bedeutet eine fundamentale Veränderung gegenüber der Bündelung, auch für die ethischen Fragen der Unternehmensführung.

Typischer Verlauf: Eine Gründerin startet mit eigener Idee, aber fremdem Kapital. Nach und nach kommen weitere Personen in die Geschäftsführung. Irgendwann zieht sie sich zurück oder wird sogar von einer Mehrheit aus Management und Shareholdern aus „ihrem eigenen“ Unternehmen gedrängt. Das zeigt: Die residualen Entscheidungsrechte liegen dann nicht mehr beim Gründer, sondern bei einer Koalition aus Teilen des Managements und der Shareholdermehrheit.

Wer trägt in der AG die Verantwortung?

Formal die Aktionäre: Soweit sie über die Besetzung des Vorstands entscheiden, haben sie die wesentlichen residualen Entscheidungsrechte und damit auch die soziale und ethische Verantwortung.
Faktisch oft der Vorstand: Reine Kapitalisten sind häufig gar nicht an Einflussnahme interessiert.

Warum? Anleger streuen ihr Risiko (Diversifikation): Wer Aktien vieler Unternehmen kombiniert, verbessert das Verhältnis von Rendite zu Risiko. Dann halten sie aber nur kleine Anteile an sehr vielen Firmen. Der Aufwand, sich über jede Firma zu informieren und Einfluss zu nehmen, steht in schlechtem Verhältnis zum eigenen Nutzen.

Folge bei Streubesitz (viele Kleinaktionäre): Der faktische Einfluss der Aktionäre ist gering, der Vorstand hat eine sehr hohe Handlungsfreiheit und Entscheidungsmacht und damit auch eine hohe Verantwortung für die sozialen und ethischen Folgen.

Prüfungsfalle: Typisch für Kapitalgesellschaften ist gerade, dass die Führung nicht selbst das volle finanzielle Risiko trägt. Die Bündelung von Führung und Risiko kennzeichnet Einzelunternehmen und Personengesellschaften.
Prüfungsfalle: Viele Kleinaktionäre bedeuten nicht viel Kontrolle über den Vorstand, sondern meist wenig: Jeder Einzelne hat zu wenig Anreiz, sich einzumischen.

Anreize für Innovation, wenn die Rollen getrennt sind

Aus Innovationssicht stellt sich die Frage: Wie entstehen Anreize für wertschaffende Innovationen, wenn Entrepreneurship, Ownership und Control nicht in einer Hand liegen?

Gelingt es dem Vorstand, Innovationen voranzutreiben und am Markt umzusetzen, übt er also die Entrepreneursfunktion erfolgreich aus, dann ist das ein Argument für entsprechend hohe Vorstandsvergütungen: als Lohn und als Anreiz, diese Funktion zu übernehmen.

VertiefungÜberblick: Wer hat welche Rolle?
UnternehmensformRollenverteilungVerantwortung
Einzelunternehmenalle drei Rollen bei der Inhaberinklar bei einer Person
Personengesellschaftalle drei Rollen bei den Gesellschaftern in der Geschäftsführungklar bei den Gesellschaftern
AG mit GroßaktionärOwnership beim Großaktionär, Control beim VorstandGroßaktionär kann über den Vorstand bestimmen
AG im StreubesitzOwnership verteilt, Control beim Vorstandfaktisch vor allem beim Vorstand

Merke: Je weiter die Rollen auseinanderfallen, desto weniger klar ist, wer für das Unternehmen als Ganzes geradesteht. Genau deshalb braucht es Regeln für Kapitalgesellschaften: Corporate Governance.

6 Corporate Governance ★★★

Weil in Kapitalgesellschaften die Verantwortung so verteilt ist, braucht es einen Rahmen, der regelt, wer welche Rechte hat und wie die Wertschöpfung verteilt wird.

Begriff

Corporate Governance: die Rahmenbedingungen für das Zusammenwirken der Stakeholder in Unternehmen, insbesondere für die Verteilung der Wertschöpfung zwischen ihnen. Sie umfasst rechtliche Vorschriften zur Unternehmensführung, aber auch weitere Gesetze und informelle Regeln.

Der Begriff sagt schon, dass es vor allem um Corporations, also Kapitalgesellschaften (meist Aktiengesellschaften), geht. Einzelunternehmen und Personengesellschaften brauchen weniger Regeln, und zwar aus zwei Gründen:

1Sie sind meist kleiner.
2Sie sind viel enger mit einzelnen Personen verbunden, die die gesamte Verantwortung für „ihr“ Unternehmen tragen.

Prüfungsfalle: Corporate Governance ist nicht nur das Aktienrecht. Im weiteren Sinn gehören auch Arbeits- und Konsumentenschutz, Umweltauflagen und informelle Regeln (z. B. Druck durch NGOs) dazu.

Two-Tier-System und One-Tier-System

Besonders wichtig ist die Frage, wer in einer AG welche Verfügungs- und Entscheidungsrechte hat.

Two-Tier-SystemOne-Tier-System
Wo?z. B. Österreich, Deutschland (kontinentaleuropäisch)anglo-amerikanische Länder, z. B. USA, UK, und die Schweiz
OrganeHauptversammlung + Vorstand + AufsichtsratHauptversammlung + Board
Aufsicht und Leitungin zwei getrennten Organenin einem Organ zusammengefasst, meist personell getrennt

Einfach erklärt: „Tier“ heißt Ebene. Zwei Ebenen: Ein Gremium leitet (Vorstand), ein anderes kontrolliert (Aufsichtsrat). Eine Ebene: Leitung und Kontrolle sitzen gemeinsam im Board.

Prüfungsfalle: Sind Geschäftsführung und Aufsicht in einem Organ (Board) zusammengefasst, ist das das One-Tier-System, auch wenn es daneben noch die Hauptversammlung gibt. Die Hauptversammlung zählt nicht als zweite „Tier“.
Prüfungsfalle: Die Schweiz hat ein One-Tier-System, obwohl sie in Kontinentaleuropa liegt.

Aufgaben des Aufsichtsrats

Überwachung des Vorstands (Hauptaufgabe),
Bestellung und Abberufung der Vorstandsmitglieder,
Festlegung der Vorstandsvergütung,
bei sehr wichtigen strategischen Fragen direkte Vorgaben und Rahmenbedingungen für den Vorstand.

Österreich/Deutschland vs. anglo-amerikanischer Raum

Unternehmensmitbestimmung: In Österreich und Deutschland sitzen im Aufsichtsrat neben den von der Hauptversammlung gewählten Mitgliedern auch von der Arbeitnehmerseite entsandte Mitglieder. Arbeitnehmerinteressen sind so direkt in den obersten Organen vertreten.
Rolle des Vorstands: Das Unternehmensrecht in Österreich und Deutschland sieht den Vorstand stärker als Leitung im Interesse aller Stakeholder. Im anglo-amerikanischen Raum vertritt der Vorstand üblicherweise primär die Shareholderinteressen.

Prüfungsfalle: Die stärkere Stakeholder-Orientierung des Vorstands und die Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat sind typisch für Österreich/Deutschland, nicht für die USA.

VertiefungCorporate Governance im weiteren Sinn

Zu den Rahmenbedingungen zählen nicht nur Gesetze zur Unternehmensführung:

Arbeitsschutzgesetze und Kündigungsschutz stärken die Position der Arbeitskräfte.
Umweltschutzauflagen fördern umweltgerechte Produktionsentscheidungen.
Konsumentenschutz (Verbraucherschutz): Unternehmen sind meist rechtlich und wirtschaftlich versierter als ihre Kundschaft und können ihre Interessen leichter durchsetzen. Deshalb werden Kundeninteressen gesondert geschützt.
Gewerkschaften vertreten Ansprüche der Arbeitskräfte und stärken ihre Position, etwa bei Lohnverhandlungen.
NGOs (Non-Governmental Organizations, z. B. Menschenrechts- oder Umweltorganisationen) prangern unerwünschtes Verhalten öffentlich an und setzen so Anreize zur Verhaltensänderung.
VertiefungNachhaltigkeit: Indizes, SDGs, Berichterstattung
Nachhaltigkeitsindizes (z. B. die Dow Jones Sustainability Indexes, DJSI) werden vor allem für börsennotierte Unternehmen wichtiger. Je stärker der Kapitalmarkt neben ökonomischen auch ökologische und soziale Zielgrößen berücksichtigt, desto größer der Anreiz für Unternehmen, diese selbst zu verwenden.
Sustainable Development Goals (SDGs): von den Vereinten Nationen als Antwort auf globale Herausforderungen entwickelt. Sie sollen die Balance zwischen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zielen verbessern. Für Arbeitskräfte fordern sie z. B. Arbeitsbeziehungen, die Gesundheit und Wohlergehen fördern und gesundheitliche Gefährdungen vermeiden.
Nachhaltigkeitsberichterstattung: wirkt direkt. Wichtig sind neben verpflichtenden Angaben vor allem einheitliche Standards für die Berichte, damit sie vergleichbar sind.

7 Kapitalismus vs. Entrepreneurship: Wenn das Wertvollste geht ★★

Eigentumsrechte an einer Fabrik sind leicht durchzusetzen. Was aber, wenn der eigentliche Wert eines Unternehmens in Köpfen, Beziehungen und einer Marke steckt?

Die Kernaussage

In einer Kapitalgesellschaft können die Shareholder (als Kapitalisten) per Mehrheit den Vorstand absetzen, auch den Gründer. Das ist formal ein normaler Vorgang. Geht der Gründer aber, und nehmen er und seine Schlüsselleute das Know-how, die Kundenbeziehungen und sogar die Marke mit, dann verlieren die Eigentumsrechte der Shareholder massiv an Wert. Die wesentlichen Vermögenswerte „hingen“ an Personen, nicht am Unternehmen.

Immaterielle Vermögenswerte: nicht-physische Werte wie Human- und Wissenskapital (Know-how der Fachkräfte), Beziehungs- bzw. Kundenkapital (persönliche Kundenbeziehungen) und Marken.

Einfach erklärt: Die Investoren einer kleinen IT-Beratung tauschen die Geschäftsführung aus. Die erfahrenen Beraterinnen kündigen und machen sich gemeinsam selbstständig, ihre langjährigen Kunden folgen ihnen. Den Investoren gehört jetzt eine Hülle aus gemieteten Büros und Laptops, die kaum etwas wert ist.

Was das für die Corporate Governance bedeutet

Früher (Zeit der großen Industriebetriebe): Physische Vermögenswerte wie Fabriken und Maschinen waren entscheidend für Wettbewerbsvorteile. Eigentumsrechte daran sind leicht durchzusetzen.
Heute: In vielen Unternehmen sind immaterielle Werte entscheidend. Eigentumsrechte daran sind teilweise sehr schwer durchzusetzen.
Viele moderne Firmen (Werbeagenturen, Beratungen) haben kaum physische Assets: Büros sind gemietet, Leute arbeiten von zu Hause.

Machtverschiebung: Fachkräfte gewinnen durch Know-how und Beziehungskapital mehr Verhandlungsmacht bei der Verteilung der Wertschöpfung. Die Verhandlungsmacht der Financiers (Shareholder, Banken) sinkt tendenziell.

Prüfungsfalle: „Wer die Aktienmehrheit hält, kontrolliert automatisch die wichtigsten Vermögenswerte“ ist falsch, wenn diese immateriell und an Personen gebunden sind. Sie können das Unternehmen einfach verlassen.

Aber: Kapital bleibt in Netzwerk-Geschäftsmodellen wichtig

Während Kapital für physische Assets an Bedeutung verliert, ist es bei netzwerkartigen Geschäftsmodellen (z. B. Online-Handelsplattformen) sehr wichtig:

Wegen Netzwerkeffekten ist ein hoher Marktanteil entscheidend, dessen Aufbau hohe Investitionen erfordert.
Rückflüsse kommen oft sehr spät und mit hoher Wahrscheinlichkeit nie.
Für Investoren ist das besonders riskant: Scheitert das Projekt, gibt es anders als bei Grundstücken, Gebäuden oder Maschinen keine verwertbaren Vermögensgegenstände.

Daraus folgt die offene Frage, wie Investorenschutzmechanismen aussehen können, damit solche Investitionen in unternehmerische Ideen trotzdem zustande kommen.

Prüfungsfalle: Die Bedeutung von Kapital sinkt nicht generell. Sie sinkt für die Finanzierung physischer Assets, ist aber bei Netzwerk-Geschäftsmodellen hoch.

8 Worin besteht die soziale Verantwortung von Unternehmen? ★★★

Wer die Verantwortung trägt und worin sie besteht, hängt davon ab, von welchem Unternehmensmodell man ausgeht. Hier treffen zwei Sichtweisen aufeinander.

Sicht der klassischen Modelle (Arbitrageunternehmen)

Die Modelle von Alchian/Demsetz und Jensen/Meckling unterstellen Arbitrageunternehmen:

Faktor- und Güterpreise sind vom Markt weitgehend vorgegeben (vollkommene Märkte).
Die Führung wird vom Markt quasi gezwungen, die Differenz aus Umsatz und Produktionskosten, also den Finanzgewinn, zu maximieren.
Durch die Annahme vollkommener Märkte wird die soziale Verantwortung „wegdefiniert“: Die einzige Verantwortung besteht darin, durch Gewinnmaximierung Verschwendung von Ressourcen zu vermeiden.

Sicht des innovationsorientierten Ansatzes

Ethische Legitimation: Unternehmen sind dadurch gerechtfertigt, dass sie durch Innovationen das Wohl ihrer Stakeholder erhöhen.
Soziale Verantwortung: besteht in der Wertschöpfung für alle Stakeholder des Unternehmens.
Purpose: Die besondere Art und Weise, wie ein Unternehmen Wert schafft, definiert seinen Daseinsgrund.

Purpose: der spezifische Daseinsgrund eines Unternehmens, festgelegt durch seine besondere Art der Wertschöpfung für Stakeholder.

Arbitrage-SichtInnovationsorientierte Sicht
Märktevollkommen, Preise vorgegebenInnovation schafft neuen Wert
Ziel der FührungFinanzgewinn maximierenWertschöpfung für alle Stakeholder
Soziale Verantwortung„wegdefiniert“: nur keine Ressourcen verschwendenWohl der Stakeholder durch Innovation erhöhen

Prüfungsfalle: Gewinnmaximierung als einzige Verantwortung folgt aus den Annahmen der Arbitragemodelle (vollkommene Märkte), nicht aus dem innovationsorientierten Ansatz.

Ethische Trade-offs durch Innovation überwinden

Ethisches und umweltfreundliches Verhalten ist meist nicht kostenlos:

Ökologische Produkte können eine geringere Konsumentenrente (höherer Preis) oder Produzentenrente (geringere Marge) bedeuten.
Höchste Sicherheitsstandards und inklusive Arbeitsbedingungen können zu Lasten der Produzentenrente oder, über höhere Preise, der Konsumentenrente gehen.

Ethischer Trade-off: ein Zielkonflikt, bei dem mehr Ethik, Umwelt- oder Sozialschutz auf Kosten anderer Stakeholder-Vorteile geht.

Die wichtigsten Innovationen sind jene, die nicht nur wirtschaftliche Trade-offs (zwischen Kunden, Beschäftigten, weiteren Stakeholdern) überwinden, sondern auch ethisch relevante Trade-offs auflösen. Dort sind Kreativität und Unternehmergeist besonders gefragt und besonders gesellschaftlich wertvoll.

Einfach erklärt: Eine Bäckerei will auf Bio-Mehl umstellen, das ist teurer. Gelingt ihr eine neue Teigführung, die weniger Ausschuss erzeugt, kann sie Bio-Brot zum alten Preis verkaufen: Umwelt, Kundschaft und Bäckerei gewinnen gleichzeitig. Der Zielkonflikt ist aufgelöst.

9 Reflexion: Konsum, Demokratie, Non-Profits und Welthandel ★★

Letztlich entscheiden wir alle mit, ob Wirtschaften gute oder schlechte Ergebnisse bringt. Dieser Abschnitt verbindet Unternehmensethik mit unserer Rolle als Konsumenten, Wählerinnen und Gründer.

Macht der Konsumenten und Wähler

Als Konsumenten bestimmen wir mit unseren Käufen, was Unternehmen produzieren und wie. Wer wissentlich Produkte von Firmen kauft, deren Verhalten er verurteilt, unterstützt sie, und das ist seine eigene Entscheidung.
Als Wählerinnen bestimmen wir die Spielregeln der Wirtschaft: Umweltauflagen, Lebensmittelregeln, Datenschutz, aber auch bürokratische Hürden für Gründungen.
Als Gründer oder Beschäftigte unterstützen wir bestimmte wirtschaftliche Tätigkeiten.

Moralisch gutes Verhalten ist aber selten kostenlos: Kurzfristig ist unethisches Verhalten oft bequemer oder lohnender, und sich zu informieren kostet Mühe. Allein ist man manchmal machtlos und müsste erst eine Organisation gründen, die andere aufklärt.

Parallelen zwischen Wirtschaft und Demokratie

DemokratieWirtschaft
Wir wählen ParteienWir „wählen“ mit Käufen erfolgreiche Unternehmen
Wir können eine Partei gründenWir können ein Unternehmen gründen
Parteien verfolgen InteressenUnternehmen verfolgen Interessen

In beiden Fällen liegen Macht und Verantwortung letztlich bei den einzelnen Menschen. Beide können deshalb auch zu unvernünftigen oder moralisch fragwürdigen Ergebnissen führen: Das Ergebnis ist nur so klug und gerecht wie die handelnden Personen.

Platon vertrat in seiner Schrift „Politeia“, dass Wahlrecht und politische Ämter nur denen zustehen sollten, die zu rationalem Denken fähig sind (aus seiner Sicht nur eine Minderheit, die Philosophen). Das Problem jedes solchen Ausschlusses: Wer entscheidet mit welchem Recht, wer teilnehmen darf?

Nur zahlungskräftige Kunden zählen?

In der Wirtschaft „stimmen“ nur jene über den Erfolg von Unternehmen ab, die bezahlen können. Auch Tausch setzt voraus, dass man etwas zum Tauschen hat. Ein Medikament, das sich die Kranken nicht leisten können, erzeugt weder Konsumenten- noch Produzentenrente und wird daher von gewinnorientierten Firmen kaum entwickelt.

Non-Profit-Organisationen als Lösung

Das heißt aber nicht, dass BWL hier versagt. Menschen, denen Hilfe wichtig ist, können eine Non-Profit-Organisation (NPO, manchmal NGO) gründen. Sie wirbt Spenden und Volunteers (freiwillige Helfer) an und kauft z. B. Medikamente für Bedürftige oder finanziert Forschung.

Auch hier entsteht eine Win-win-Situation: Spenderinnen und Helfer verzichten freiwillig auf Geld oder Freizeit, weil ihnen das Bewusstsein, Gutes getan zu haben, mehr wert ist.
Kern der NPO ist wieder Wertschöpfung für Stakeholder (Spender, Helferinnen, Hilfsbedürftige) durch Innovation.
Findet eine NPO keine Unterstützer, wirbt sie vielleicht schlecht oder genießt kein Vertrauen. Das ist ein Problem schlechten Managements, und genau das soll BWL vermeiden helfen.

Prüfungsfalle: Auch NPOs folgen der Leitidee „Wertschöpfung für Stakeholder durch Innovation“. Sie verfolgen nur nicht das Ziel, Gewinne auszuschütten.

Internationaler Handel

IdeeWer/WannKernaussage
Merkantilismus16.–18. Jh.Handel als Nullsummenspiel: Ein Land gewinnt nur, was andere verlieren; Ziel Handelsüberschüsse
Absoluter KostenvorteilAdam Smith, Ende 18. Jh.Jedes Land spezialisiert sich auf das, was es absolut billiger herstellt; Handel als Win-win
Komparativer KostenvorteilDavid Ricardo, Anfang 19. Jh.Auch ein Land, das alles teurer herstellt, profitiert, wenn es sich auf seinen relativen Vorteil spezialisiert

Komparativer Kostenvorteil: Man hat ihn bei der Tätigkeit, bei der man im Verhältnis am wenigsten schlechter (bzw. am meisten besser) ist als der andere, also die geringeren Opportunitätskosten hat.

Prüfungsfalle: Für Vorteile aus Arbeitsteilung braucht man keinen absoluten Vorteil. Nach Ricardo genügt ein komparativer Vorteil. Die Idee des absoluten Vorteils stammt von Adam Smith.
Prüfungsfalle: Der Merkantilismus sah Handel als Nullsummenspiel, erst Smith und Ricardo betonten den beidseitigen Vorteil.

Rechenbeispiel Komparativer Vorteil im Kaffeehaus

Mia und Jonas müssen nach Dienstschluss jeweils eine Kaffeemaschine reinigen und ihre Tische abwischen.

TätigkeitMiaJonas
Maschine reinigen10 min40 min
Tische abwischen15 min25 min
1Mia ist bei beiden Tätigkeiten schneller (absoluter Vorteil bei beiden).
2Jonas braucht für die Maschine 4-mal so lang, für die Tische nur rund 1,67-mal so lang. Sein komparativer Vorteil liegt bei den Tischen.
3Ohne Arbeitsteilung: Mia 10+15=25 min, Jonas 40+25=65 min, zusammen 90 min.
4Mit Arbeitsteilung: Mia reinigt beide Maschinen (2⋅10=20 min), Jonas wischt alle Tische (2⋅25=50 min).

Ergebnis: Mia spart 5 min, Jonas 15 min, zusammen 20 min (70 statt 90 min). Beide gewinnen, obwohl Jonas nirgends schneller ist.

VertiefungWer profitiert vom Welthandel wirklich?
Verteilungsproblem: Handel kann grundsätzlich allen nutzen, auch Ländern ohne jede absolut günstige Produktion. Die Wertschöpfung fällt aber oft überwiegend in reichen Ländern an, ärmere profitieren deutlich weniger.
Spielregeln: Innovation schafft einen „Kuchen“ an Vorteilen. Wie er verteilt wird, hängt von den weitgehend politisch festgelegten Spielregeln ab. Faire Regeln sind international viel schwerer zu verhandeln und verlässlich umzusetzen als national.
Forschung: Liberalisierung des Welthandels verbessert grundsätzlich die Chancen der Armutsbekämpfung. Ohne passende (demokratische) Strukturen im jeweiligen Land garantiert sie aber noch keinen Erfolg, etwa bei der Kindersterblichkeit.
Corona als Indiz: Der Einbruch des Welthandels in der Pandemie und das schwächere Wachstum führten laut Weltbank-Schätzungen über geringere Einkommen zu Hunderttausenden zusätzlichen Todesfällen (v. a. Säuglinge) und Millionen zusätzlichen Menschen in Armut.

Kontroverse Klimaschutz: Die einen sagen, der größte Hebel gegen Armut und Klimawandel sei, ärmere Länder beim Einsatz sauberer Technologien finanziell zu unterstützen (Kompensationszahlungen) oder dort klimafreundliche Energie, etwa aus Sonne und Wind, zu erzeugen und z. B. als Wasserstoff zu exportieren. Kritiker halten dagegen, reiche Länder würden sich so von ihrer Verantwortung „freikaufen“, und die Technologien seien noch unzureichend oder ineffizient.

Zwei Grundrichtungen der Ethik

Viele dieser Streitfragen hängen davon ab, welcher Ethik man zuneigt.

Teleologische Ethik (Utilitarismus): bewertet eine Handlung nach ihren Folgen, also danach, „was am Ende herauskommt“.
Deontologische Ethik (Pflichtethik): orientiert sich an Prinzipien, die nicht verletzt werden dürfen, auch wenn eine Verletzung im Einzelfall bessere Ergebnisse brächte.

Einfach erklärt: Jemand fährt mit dem Auto statt mit dem Rad ins Büro und spendet dafür mehr an ein Klimaschutzprojekt, als die Fahrt an CO₂ verursacht. Teleologisch: in Ordnung, die Bilanz fürs Klima ist sogar positiv. Deontologisch: nicht in Ordnung, wenn das Prinzip lautet, unnötige Emissionen zu vermeiden, denn die Einhaltung des Prinzips ist als Norm für alle wünschenswerter als dessen fallweise Verletzung.

Prüfungsfalle: Teleologisch = Folgen zählen (Utilitarismus), deontologisch = Pflichten/Prinzipien zählen. Die Zuordnung wird leicht vertauscht.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann erklären, warum Unternehmensethik mehr ist als die Summe des Verhaltens Einzelner (Strukturen, Anreizsysteme, Kultur) und was CSR bedeutet.
Ich kann Einzelunternehmen, Personengesellschaft (OG, KG, GmbH & Co. KG) und Kapitalgesellschaft (GmbH, AG) nach Entscheidung, Gewinn und Haftung unterscheiden.
Ich kann Komplementär und Kommanditist auseinanderhalten und Vor- und Nachteile beschränkter Haftung nennen.
Ich kann das Modell von Alchian und Demsetz Schritt für Schritt erklären (Teamproduktion, Trittbrettfahrer, Fixgehalt vs. Risiko der Führung).
Ich kenne die drei Elemente von Eigentum und weiß, warum es an NPOs kein Eigentum gibt.
Ich kann Entrepreneurship, Ownership und Control unterscheiden und die Trennungen Jensen/Meckling und Schumpeter richtig zuordnen.
Ich kann erklären, warum bei Streubesitz der Vorstand faktisch viel Macht und Verantwortung hat.
Ich kann Corporate Governance definieren, One-Tier- und Two-Tier-System unterscheiden und die Aufgaben des Aufsichtsrats nennen.
Ich kann die Kernaussage zu immateriellen Vermögenswerten und zur Machtverschiebung zwischen Fachkräften und Financiers wiedergeben.
Ich kann die Arbitrage-Sicht und die innovationsorientierte Sicht auf soziale Verantwortung gegenüberstellen und Purpose erklären.
Ich kann absolute und komparative Kostenvorteile (Smith, Ricardo) an einem eigenen Beispiel durchrechnen und teleologische von deontologischer Ethik unterscheiden.

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