1 Was hat BWL mit Ethik zu tun? ★★
Unternehmen schaffen Wert für ihre Stakeholder, sie können ihnen aber auch massiv schaden. Hier geht es um die Frage, ob solche Schäden nur auf einzelne „schwarze Schafe“ zurückgehen oder ob das Unternehmen selbst (seine Strukturen) dafür verantwortlich ist.
Ethische Fragen im Unternehmen
Ethische Frage: die Frage, ob und wie weit eine Handlungsweise nach allgemein anerkannten Werten und Normen als gut und richtig gilt.
Bekannte Unternehmensskandale zeigen, worum es geht:
Die Lehre daraus: Unethisches Verhalten schadet nicht nur den Stakeholdern, sondern oft auch dem Unternehmen selbst. Die kurzfristige Kostenersparnis wird durch Prozesse, Strafzahlungen, spätere Rückrufe und Reputationsverlust meist um ein Vielfaches übertroffen.
Individuelles Fehlverhalten oder Organisationsversagen?
Die Kernfrage der Unternehmensethik lautet: Lässt sich ethisches Fehlverhalten von Unternehmen auf einzelne Personen zurückführen, oder liegen die Gründe in den Strukturen des Unternehmens?
Unternehmensethik: ist nicht einfach die Summe des ethischen oder unethischen Verhaltens der Menschen im Unternehmen. Sie fragt auch nach der Verantwortung für Strukturen, Anreize und Kultur.
Strukturelle Gründe für Fehlverhalten:
Einfach erklärt: Eine Lern-App-Firma verspricht Investoren unrealistische Nutzerzahlen. Die Geschäftsführung macht Druck auf die Teamleitung, die Teamleitung auf den Entwickler. Am Ende „schönt“ der Entwickler die Statistik, die Teamleitung lobt ihn und schaut nicht genau hin, die Geschäftsführung weiß von nichts. Wer ist schuld? Jede Person ein bisschen, vor allem aber ein System, das Betrug begünstigt.
Corporate Social Responsibility (CSR)
Ein zweiter wichtiger Unterschied zwischen individueller Ethik und Unternehmensethik: Fehlverhalten Einzelner hat meist keine so weitreichenden Folgen für die Gesellschaft wie das Handeln eines Unternehmens.
Corporate Social Responsibility (CSR): die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Sie geht deutlich über die soziale und moralische Verantwortung der einzelnen Beschäftigten hinaus.
Prüfungsfalle: „Unternehmensethik ist die Summe der Moral aller Beschäftigten“ ist falsch. Auch Strukturen, Anreizsysteme und Unternehmenskultur können unethisches Verhalten erleichtern, fördern oder sogar erzwingen.
Prüfungsfalle: Die Forderung nach CSR begründet sich gerade damit, dass Unternehmenshandeln weitreichendere gesellschaftliche Folgen hat als das Handeln einzelner Personen.
VertiefungDruckketten und die Frage nach der Schuld
Stell dir eine Kette vor: Die Geschäftsführung hat selbst nur noch eine Frist, um Ergebnisse zu liefern. Sie setzt die Abteilungsleitung unter Druck, die droht ihrerseits mit Budgetkürzungen und Kündigungen. Eine Mitarbeiterin, die ihre Familie versorgen muss, greift schließlich zu einem Trick.
Daraus folgt die entscheidende Anschlussfrage: Wenn auch die Strukturen schuld sind, wer trägt die Verantwortung für die Strukturen? Genau das führt zur Frage, wer im Unternehmen überhaupt „alles“ bestimmen darf (nächste Abschnitte).
VertiefungRisiken richtig einschätzen und offenlegen
Manchmal unterschätzen selbst Fachleute ein Risiko. Dass jemand ein Produkt selbst nutzt oder der eigenen Familie kauft, beweist noch nicht, dass das Risiko vertretbar ist. Es kann auch nur zeigen, dass die Gefahr falsch eingeschätzt wurde.
Ethisch entscheidend ist deshalb:
Ein Foodtruck, der nach mehreren Beschwerden über Bauchweh weiter dieselbe Sauce verkauft, kann sich nicht darauf berufen, dass der Koch sie selbst isst.
2 Rechtsformen: Wer entscheidet, wer haftet? ★★
Die Rechtsform legt grundlegende Spielregeln zwischen den Stakeholdern fest. Sie ist deshalb auch Teil jedes Businessplans und die Basis für die Frage, wer im Unternehmen Verantwortung trägt.
Was die Rechtsform regelt
Rechtsform: die rechtliche „Verfassung“ eines Unternehmens. Sie bestimmt unter anderem:
Die wichtigsten Rechtsformen
| Rechtsform | Wer gehört dazu? | Haftung |
|---|---|---|
| Einzelunternehmen | eine Person mit allen Rechten und Pflichten | unbeschränkt, gesamtes Privatvermögen |
| Personengesellschaft (z. B. OG, in Deutschland OHG) | mehrere Personen, gemeinsam Eigentum und Gewinnanspruch | gemeinsam und unbeschränkt mit Privatvermögen |
| Kommanditgesellschaft (KG) | Komplementäre und Kommanditisten | Komplementär voll, Kommanditist nur mit Einlage |
| Kapitalgesellschaft (GmbH, AG) | Gesellschafter durch Einbringen von Kapital | nur mit dem eingebrachten Kapital |
Komplementär: Gesellschafter einer KG, der unbeschränkt mit seinem Privatvermögen haftet (Vollhafter).
Kommanditist: Gesellschafter einer KG, der nur beschränkt mit seiner Einlage haftet (Teilhafter).
Kapitalgesellschaft: eine juristische Person mit eigener Rechtspersönlichkeit und Rechtsfähigkeit, z. B. die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) oder die Aktiengesellschaft (AG).
Gesellschafter einer Kapitalgesellschaft können sein:
Prüfungsfalle: Die KG ist eine Personengesellschaft, obwohl ein Teil der Gesellschafter (die Kommanditisten) nur beschränkt haftet.
Prüfungsfalle: Bei der GmbH & Co. KG ist eine GmbH der Komplementär. Die Kommanditisten haften nur mit ihrer Einlage, nicht mit dem vollen Privatvermögen. Es ist eine Personengesellschaft, bei der trotzdem keine natürliche Person voll haftet.
VertiefungMischformen und Länderunterschiede
GmbH & Co. KG: Vollhafter (Komplementär) ist eine juristische Person, nämlich eine GmbH. Die übrigen Gesellschafter („& Compagnie“) sind Kommanditisten, also Teilhafter. Gesellschafter einer Personengesellschaft müssen also nicht unbedingt natürliche Personen sein.
Schweiz: Dort ist diese Konstruktion nicht möglich, weil nur natürliche Personen Komplementäre einer KG sein dürfen.
Englische Begriffe: Die Personengesellschaft mit einer eng mit dem Unternehmen verbundenen Inhaberin wird auch als Entrepreneurial Firm bezeichnet, die Kapitalgesellschaft als Corporation.
Ist beschränkte Haftung immer gut?
Nein. Beschränkte Haftung schützt das Privatvermögen, hat aber Nachteile:
Einfach erklärt: Eine Tischlerei-GmbH baut Küchen ein und geht dann in Konkurs. Der Lieferant der eingebauten Geräte bekommt sein Geld nicht, und die Geräte kann er aus den fertigen Küchen nicht zurückholen. Deshalb überlegen sich Stakeholder genau, wie viel Geschäft sie mit Firmen machen, die nur mit kleinen Einlagen haften.
Prüfungsfalle: „Eine Haftungsbeschränkung ist für Gründer immer vorteilhaft“ stimmt nicht. Unbeschränkte Haftung ist ein starkes Vertrauenssignal und erleichtert die Kapitalbeschaffung.
3 Unternehmenstheorie: Warum es eine Spitze der Hierarchie gibt ★★★
Wer darf im Unternehmen „alles“ bestimmen und trägt damit auch die Verantwortung für Strukturen, Anreize und Kultur? Ökonomische Unternehmenstheorien beantworten das mit einfachen Modellen, etwa wie Hierarchie entsteht und wer an ihrer Spitze stehen sollte.
Das Modell von Alchian und Demsetz (1972)
Die Ökonomen Armen Alchian und Harold Demsetz argumentieren über die Teamproduktion:
Ergebnis des Modells: Arbeitskräfte bekommen ein (weitgehend) fixes Gehalt. Die Unternehmensführung bekommt kein fixes Gehalt, sondern trägt das Unternehmensrisiko in Form eines ungewissen Finanzerfolgs. Im Gegenzug darf sie alle Entscheidungen im Unternehmen treffen.
Einfach erklärt: Bei einer Gruppenarbeit auf der Uni lehnt sich gern jemand zurück. Würde die Note der Gruppensprecherin allein davon abhängen, wie gut das Gesamtergebnis wird, würde sie genau darauf achten, dass alle mitarbeiten.
Warum Risiko und Entscheidungsrecht zusammengehören
Ohne das Recht, die Entscheidungen zu treffen, wäre kaum jemand bereit, das gesamte Risiko zu tragen. Das Risiko besteht darin, ob der Output am Markt zu einem Preis verkauft werden kann, der alle Kosten (inklusive der Fixgehälter) mehr als deckt, ob also ein Gewinn oder ein Verlust entsteht.
Residuales Entscheidungsrecht: das Recht, alle Unternehmensentscheidungen zu treffen, soweit nicht Gesetze oder bindende Verträge etwas anderes vorgeben. Dazu gehören auch Personalentscheidungen und die Bedingungen der Arbeitsverträge.
Tragen des finanziellen Risikos: Anspruch auf die erwirtschafteten Überschüsse (Produzentenrente, Gewinn) und Pflicht, im Misserfolgsfall alle Verluste zu tragen.
Was Eigentum am Unternehmen ökonomisch bedeutet
Eigentum am Unternehmen: die Kombination aus drei Elementen:
Prüfungsfalle: Nach Alchian und Demsetz bekommt die Unternehmensführung eine erfolgsabhängige Vergütung und die Arbeitskräfte ein fixes Gehalt, nicht umgekehrt.
Prüfungsfalle: Eigentum im ökonomischen Sinn ist mehr als „etwas besitzen“: Es umfasst alle drei Elemente Risiko, Gewinnanspruch und Entscheidungsrecht.
VertiefungNon-Profit-Organisationen haben keine Eigentümer
In diesem ökonomischen Sinn gibt es an Non-Profit-Organisationen (NPOs) kein Eigentum, weil sie keine Gewinne ausschütten dürfen.
Es fehlt also mindestens das Element „Anspruch auf Gewinne“.
Kritik aus innovationsorientierter Sicht
Das Modell von Alchian und Demsetz beschreibt ein Arbitrageunternehmen: Faktor- und Güterpreise sind vom Markt vorgegeben, die Führung muss nur gut organisieren und überwachen.
Bei schöpferischem Unternehmertum (im Sinne Schumpeters) ist die Aufgabe der Spitze eine ganz andere: Sie soll vor allem Innovationen anstoßen und am Markt durchsetzen und damit den Wertschöpfungsprozess überhaupt erst in Gang bringen. Überwachung ist dann nur ein Nebenaspekt.
Prüfungsfalle: Die Hauptfunktion der Unternehmensspitze ist aus innovationsorientierter Sicht nicht die Überwachung, sondern das Anstoßen und Durchsetzen von Innovationen. Die reine Überwachungslogik gilt für Arbitrageunternehmen.
4 Ownership, Control und Entrepreneurship: drei Rollen ★★★
In einem kleinen Familienbetrieb liegt alles in einer Hand. In großen Kapitalgesellschaften werden die Rollen aufgeteilt, und damit wird auch die Frage nach der Verantwortung schwieriger.
Die drei Rollen
| Rolle | Englisch | Was gehört dazu? |
|---|---|---|
| Unternehmertum | Entrepreneurship | eigene Geschäftsidee, Innovation umsetzen |
| Eigentum | Ownership | Risiko tragen, Anspruch auf Gewinn |
| Führung | Control | (letzt)verantwortlich entscheiden, leiten |
Trennung von Eigentum und Führung (Jensen und Meckling, 1976)
Michael Jensen und William Meckling haben das Modell von Alchian und Demsetz auf den Fall erweitert, dass diejenigen, die das volle finanzielle Risiko tragen, das Unternehmen nicht selbst führen.
Trennung von Ownership und Control: Eigentümer (Risikoträger) und Unternehmensführung (Geschäftsführung, Vorstand) sind verschiedene Personen.
Wichtig: Die residualen Entscheidungsrechte werden dabei nur delegiert, nicht vollständig übertragen. Bei den Eigentümern bleiben:
Vorteile der Trennung:
Prüfungsfalle: „Bei der Trennung von Eigentum und Führung gehen alle Entscheidungsrechte auf den Vorstand über“ ist falsch. Sie werden delegiert; Letztentscheidung und Bestellung der Führung bleiben bei den Eigentümern.
Trennung von Privat- und Unternehmensvermögen
Meist geht die Trennung von Eigentum und Führung mit einer Trennung von Privat- und Unternehmensvermögen einher: Das Risiko der Eigentümer ist auf das in die Kapitalgesellschaft eingebrachte Eigenkapital beschränkt.
Warum ist das naheliegend? Sonst könnten schlechte Entscheidungen einer Geschäftsführung, die die Eigentümer nur bedingt kontrollieren können, deren gesamtes Privatvermögen gefährden.
Trennung von Entrepreneurship und Ownership (Schumpeter, 1942)
Eine dritte Trennung beschrieb Joseph Schumpeter schon viel früher: die zwischen Unternehmern (Entrepreneurship) und Kapitalisten (Ownership).
Kapitalist (im Sinne Schumpeters): stellt einem Unternehmen ausschließlich in Geldvermehrungsabsicht Kapital zur Verfügung. Er trägt weder durch eine Idee bzw. Innovation noch durch Mitarbeit in der Geschäftsführung zum Erfolg bei. Sein Risiko ist auf die eigene Einlage beschränkt (bei der AG: Wert der eigenen Aktien).
In einer AG nehmen typischerweise die Aktionäre (Shareholder) diese Rolle ein. Ihr wesentlicher Beitrag ist die Bereitstellung von Risikokapital, wofür ihnen eine angemessene Vergütung, vor allem für die Risikoübernahme, zusteht.
Prüfungsfalle: Die Trennung von Entrepreneurship und Ownership (Unternehmer vs. Kapitalist) stammt von Schumpeter, nicht von Jensen und Meckling. Jensen und Meckling behandeln die Trennung von Ownership und Control.
5 Bündelung vs. Trennung: Was das für die Verantwortung heißt ★★★
Je nach Rechtsform liegen die drei Rollen in einer Hand oder sind verteilt. Davon hängt ab, wer die soziale und ethische Verantwortung für das Unternehmen als Ganzes trägt.
Einzelunternehmen und Personengesellschaften: alles gebündelt
Hier sind alle drei Rollen typischerweise in der Geschäftsführung gebündelt. Die Inhaberin (oder die Familie bei einem Familienbetrieb):
Damit gibt es eine klare „oberste Instanz“: Sie hat die Wertschöpfung durch ihre Idee ermöglicht, übt alle residualen Entscheidungsrechte aus, trägt das Risiko und bekommt die Überschüsse als Lohn für Innovation und Risiko. Folge: Die volle soziale und ethische Verantwortung für das Unternehmen als Ganzes liegt bei ihr.
Einfach erklärt: Gehört das Kaffeehaus ums Eck einer einzigen Wirtin, die es selbst führt, ist klar, wer für alles geradesteht: sie.
Kapitalgesellschaften: Rollen verteilt
Incorporation: die Entstehung einer Kapitalgesellschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit. Sie bedeutet eine fundamentale Veränderung gegenüber der Bündelung, auch für die ethischen Fragen der Unternehmensführung.
Typischer Verlauf: Eine Gründerin startet mit eigener Idee, aber fremdem Kapital. Nach und nach kommen weitere Personen in die Geschäftsführung. Irgendwann zieht sie sich zurück oder wird sogar von einer Mehrheit aus Management und Shareholdern aus „ihrem eigenen“ Unternehmen gedrängt. Das zeigt: Die residualen Entscheidungsrechte liegen dann nicht mehr beim Gründer, sondern bei einer Koalition aus Teilen des Managements und der Shareholdermehrheit.
Wer trägt in der AG die Verantwortung?
Warum? Anleger streuen ihr Risiko (Diversifikation): Wer Aktien vieler Unternehmen kombiniert, verbessert das Verhältnis von Rendite zu Risiko. Dann halten sie aber nur kleine Anteile an sehr vielen Firmen. Der Aufwand, sich über jede Firma zu informieren und Einfluss zu nehmen, steht in schlechtem Verhältnis zum eigenen Nutzen.
Folge bei Streubesitz (viele Kleinaktionäre): Der faktische Einfluss der Aktionäre ist gering, der Vorstand hat eine sehr hohe Handlungsfreiheit und Entscheidungsmacht und damit auch eine hohe Verantwortung für die sozialen und ethischen Folgen.
Prüfungsfalle: Typisch für Kapitalgesellschaften ist gerade, dass die Führung nicht selbst das volle finanzielle Risiko trägt. Die Bündelung von Führung und Risiko kennzeichnet Einzelunternehmen und Personengesellschaften.
Prüfungsfalle: Viele Kleinaktionäre bedeuten nicht viel Kontrolle über den Vorstand, sondern meist wenig: Jeder Einzelne hat zu wenig Anreiz, sich einzumischen.
Anreize für Innovation, wenn die Rollen getrennt sind
Aus Innovationssicht stellt sich die Frage: Wie entstehen Anreize für wertschaffende Innovationen, wenn Entrepreneurship, Ownership und Control nicht in einer Hand liegen?
Gelingt es dem Vorstand, Innovationen voranzutreiben und am Markt umzusetzen, übt er also die Entrepreneursfunktion erfolgreich aus, dann ist das ein Argument für entsprechend hohe Vorstandsvergütungen: als Lohn und als Anreiz, diese Funktion zu übernehmen.
VertiefungÜberblick: Wer hat welche Rolle?
| Unternehmensform | Rollenverteilung | Verantwortung |
|---|---|---|
| Einzelunternehmen | alle drei Rollen bei der Inhaberin | klar bei einer Person |
| Personengesellschaft | alle drei Rollen bei den Gesellschaftern in der Geschäftsführung | klar bei den Gesellschaftern |
| AG mit Großaktionär | Ownership beim Großaktionär, Control beim Vorstand | Großaktionär kann über den Vorstand bestimmen |
| AG im Streubesitz | Ownership verteilt, Control beim Vorstand | faktisch vor allem beim Vorstand |
Merke: Je weiter die Rollen auseinanderfallen, desto weniger klar ist, wer für das Unternehmen als Ganzes geradesteht. Genau deshalb braucht es Regeln für Kapitalgesellschaften: Corporate Governance.
6 Corporate Governance ★★★
Weil in Kapitalgesellschaften die Verantwortung so verteilt ist, braucht es einen Rahmen, der regelt, wer welche Rechte hat und wie die Wertschöpfung verteilt wird.
Begriff
Corporate Governance: die Rahmenbedingungen für das Zusammenwirken der Stakeholder in Unternehmen, insbesondere für die Verteilung der Wertschöpfung zwischen ihnen. Sie umfasst rechtliche Vorschriften zur Unternehmensführung, aber auch weitere Gesetze und informelle Regeln.
Der Begriff sagt schon, dass es vor allem um Corporations, also Kapitalgesellschaften (meist Aktiengesellschaften), geht. Einzelunternehmen und Personengesellschaften brauchen weniger Regeln, und zwar aus zwei Gründen:
Prüfungsfalle: Corporate Governance ist nicht nur das Aktienrecht. Im weiteren Sinn gehören auch Arbeits- und Konsumentenschutz, Umweltauflagen und informelle Regeln (z. B. Druck durch NGOs) dazu.
Two-Tier-System und One-Tier-System
Besonders wichtig ist die Frage, wer in einer AG welche Verfügungs- und Entscheidungsrechte hat.
| Two-Tier-System | One-Tier-System | |
|---|---|---|
| Wo? | z. B. Österreich, Deutschland (kontinentaleuropäisch) | anglo-amerikanische Länder, z. B. USA, UK, und die Schweiz |
| Organe | Hauptversammlung + Vorstand + Aufsichtsrat | Hauptversammlung + Board |
| Aufsicht und Leitung | in zwei getrennten Organen | in einem Organ zusammengefasst, meist personell getrennt |
Einfach erklärt: „Tier“ heißt Ebene. Zwei Ebenen: Ein Gremium leitet (Vorstand), ein anderes kontrolliert (Aufsichtsrat). Eine Ebene: Leitung und Kontrolle sitzen gemeinsam im Board.
Prüfungsfalle: Sind Geschäftsführung und Aufsicht in einem Organ (Board) zusammengefasst, ist das das One-Tier-System, auch wenn es daneben noch die Hauptversammlung gibt. Die Hauptversammlung zählt nicht als zweite „Tier“.
Prüfungsfalle: Die Schweiz hat ein One-Tier-System, obwohl sie in Kontinentaleuropa liegt.
Aufgaben des Aufsichtsrats
Österreich/Deutschland vs. anglo-amerikanischer Raum
Prüfungsfalle: Die stärkere Stakeholder-Orientierung des Vorstands und die Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat sind typisch für Österreich/Deutschland, nicht für die USA.
VertiefungCorporate Governance im weiteren Sinn
Zu den Rahmenbedingungen zählen nicht nur Gesetze zur Unternehmensführung:
VertiefungNachhaltigkeit: Indizes, SDGs, Berichterstattung
7 Kapitalismus vs. Entrepreneurship: Wenn das Wertvollste geht ★★
Eigentumsrechte an einer Fabrik sind leicht durchzusetzen. Was aber, wenn der eigentliche Wert eines Unternehmens in Köpfen, Beziehungen und einer Marke steckt?
Die Kernaussage
In einer Kapitalgesellschaft können die Shareholder (als Kapitalisten) per Mehrheit den Vorstand absetzen, auch den Gründer. Das ist formal ein normaler Vorgang. Geht der Gründer aber, und nehmen er und seine Schlüsselleute das Know-how, die Kundenbeziehungen und sogar die Marke mit, dann verlieren die Eigentumsrechte der Shareholder massiv an Wert. Die wesentlichen Vermögenswerte „hingen“ an Personen, nicht am Unternehmen.
Immaterielle Vermögenswerte: nicht-physische Werte wie Human- und Wissenskapital (Know-how der Fachkräfte), Beziehungs- bzw. Kundenkapital (persönliche Kundenbeziehungen) und Marken.
Einfach erklärt: Die Investoren einer kleinen IT-Beratung tauschen die Geschäftsführung aus. Die erfahrenen Beraterinnen kündigen und machen sich gemeinsam selbstständig, ihre langjährigen Kunden folgen ihnen. Den Investoren gehört jetzt eine Hülle aus gemieteten Büros und Laptops, die kaum etwas wert ist.
Was das für die Corporate Governance bedeutet
Machtverschiebung: Fachkräfte gewinnen durch Know-how und Beziehungskapital mehr Verhandlungsmacht bei der Verteilung der Wertschöpfung. Die Verhandlungsmacht der Financiers (Shareholder, Banken) sinkt tendenziell.
Prüfungsfalle: „Wer die Aktienmehrheit hält, kontrolliert automatisch die wichtigsten Vermögenswerte“ ist falsch, wenn diese immateriell und an Personen gebunden sind. Sie können das Unternehmen einfach verlassen.
Aber: Kapital bleibt in Netzwerk-Geschäftsmodellen wichtig
Während Kapital für physische Assets an Bedeutung verliert, ist es bei netzwerkartigen Geschäftsmodellen (z. B. Online-Handelsplattformen) sehr wichtig:
Daraus folgt die offene Frage, wie Investorenschutzmechanismen aussehen können, damit solche Investitionen in unternehmerische Ideen trotzdem zustande kommen.
Prüfungsfalle: Die Bedeutung von Kapital sinkt nicht generell. Sie sinkt für die Finanzierung physischer Assets, ist aber bei Netzwerk-Geschäftsmodellen hoch.
8 Worin besteht die soziale Verantwortung von Unternehmen? ★★★
Wer die Verantwortung trägt und worin sie besteht, hängt davon ab, von welchem Unternehmensmodell man ausgeht. Hier treffen zwei Sichtweisen aufeinander.
Sicht der klassischen Modelle (Arbitrageunternehmen)
Die Modelle von Alchian/Demsetz und Jensen/Meckling unterstellen Arbitrageunternehmen:
Sicht des innovationsorientierten Ansatzes
Purpose: der spezifische Daseinsgrund eines Unternehmens, festgelegt durch seine besondere Art der Wertschöpfung für Stakeholder.
| Arbitrage-Sicht | Innovationsorientierte Sicht | |
|---|---|---|
| Märkte | vollkommen, Preise vorgegeben | Innovation schafft neuen Wert |
| Ziel der Führung | Finanzgewinn maximieren | Wertschöpfung für alle Stakeholder |
| Soziale Verantwortung | „wegdefiniert“: nur keine Ressourcen verschwenden | Wohl der Stakeholder durch Innovation erhöhen |
Prüfungsfalle: Gewinnmaximierung als einzige Verantwortung folgt aus den Annahmen der Arbitragemodelle (vollkommene Märkte), nicht aus dem innovationsorientierten Ansatz.
Ethische Trade-offs durch Innovation überwinden
Ethisches und umweltfreundliches Verhalten ist meist nicht kostenlos:
Ethischer Trade-off: ein Zielkonflikt, bei dem mehr Ethik, Umwelt- oder Sozialschutz auf Kosten anderer Stakeholder-Vorteile geht.
Die wichtigsten Innovationen sind jene, die nicht nur wirtschaftliche Trade-offs (zwischen Kunden, Beschäftigten, weiteren Stakeholdern) überwinden, sondern auch ethisch relevante Trade-offs auflösen. Dort sind Kreativität und Unternehmergeist besonders gefragt und besonders gesellschaftlich wertvoll.
Einfach erklärt: Eine Bäckerei will auf Bio-Mehl umstellen, das ist teurer. Gelingt ihr eine neue Teigführung, die weniger Ausschuss erzeugt, kann sie Bio-Brot zum alten Preis verkaufen: Umwelt, Kundschaft und Bäckerei gewinnen gleichzeitig. Der Zielkonflikt ist aufgelöst.
9 Reflexion: Konsum, Demokratie, Non-Profits und Welthandel ★★
Letztlich entscheiden wir alle mit, ob Wirtschaften gute oder schlechte Ergebnisse bringt. Dieser Abschnitt verbindet Unternehmensethik mit unserer Rolle als Konsumenten, Wählerinnen und Gründer.
Macht der Konsumenten und Wähler
Moralisch gutes Verhalten ist aber selten kostenlos: Kurzfristig ist unethisches Verhalten oft bequemer oder lohnender, und sich zu informieren kostet Mühe. Allein ist man manchmal machtlos und müsste erst eine Organisation gründen, die andere aufklärt.
Parallelen zwischen Wirtschaft und Demokratie
| Demokratie | Wirtschaft |
|---|---|
| Wir wählen Parteien | Wir „wählen“ mit Käufen erfolgreiche Unternehmen |
| Wir können eine Partei gründen | Wir können ein Unternehmen gründen |
| Parteien verfolgen Interessen | Unternehmen verfolgen Interessen |
In beiden Fällen liegen Macht und Verantwortung letztlich bei den einzelnen Menschen. Beide können deshalb auch zu unvernünftigen oder moralisch fragwürdigen Ergebnissen führen: Das Ergebnis ist nur so klug und gerecht wie die handelnden Personen.
Platon vertrat in seiner Schrift „Politeia“, dass Wahlrecht und politische Ämter nur denen zustehen sollten, die zu rationalem Denken fähig sind (aus seiner Sicht nur eine Minderheit, die Philosophen). Das Problem jedes solchen Ausschlusses: Wer entscheidet mit welchem Recht, wer teilnehmen darf?
Nur zahlungskräftige Kunden zählen?
In der Wirtschaft „stimmen“ nur jene über den Erfolg von Unternehmen ab, die bezahlen können. Auch Tausch setzt voraus, dass man etwas zum Tauschen hat. Ein Medikament, das sich die Kranken nicht leisten können, erzeugt weder Konsumenten- noch Produzentenrente und wird daher von gewinnorientierten Firmen kaum entwickelt.
Non-Profit-Organisationen als Lösung
Das heißt aber nicht, dass BWL hier versagt. Menschen, denen Hilfe wichtig ist, können eine Non-Profit-Organisation (NPO, manchmal NGO) gründen. Sie wirbt Spenden und Volunteers (freiwillige Helfer) an und kauft z. B. Medikamente für Bedürftige oder finanziert Forschung.
Prüfungsfalle: Auch NPOs folgen der Leitidee „Wertschöpfung für Stakeholder durch Innovation“. Sie verfolgen nur nicht das Ziel, Gewinne auszuschütten.
Internationaler Handel
| Idee | Wer/Wann | Kernaussage |
|---|---|---|
| Merkantilismus | 16.–18. Jh. | Handel als Nullsummenspiel: Ein Land gewinnt nur, was andere verlieren; Ziel Handelsüberschüsse |
| Absoluter Kostenvorteil | Adam Smith, Ende 18. Jh. | Jedes Land spezialisiert sich auf das, was es absolut billiger herstellt; Handel als Win-win |
| Komparativer Kostenvorteil | David Ricardo, Anfang 19. Jh. | Auch ein Land, das alles teurer herstellt, profitiert, wenn es sich auf seinen relativen Vorteil spezialisiert |
Komparativer Kostenvorteil: Man hat ihn bei der Tätigkeit, bei der man im Verhältnis am wenigsten schlechter (bzw. am meisten besser) ist als der andere, also die geringeren Opportunitätskosten hat.
Prüfungsfalle: Für Vorteile aus Arbeitsteilung braucht man keinen absoluten Vorteil. Nach Ricardo genügt ein komparativer Vorteil. Die Idee des absoluten Vorteils stammt von Adam Smith.
Prüfungsfalle: Der Merkantilismus sah Handel als Nullsummenspiel, erst Smith und Ricardo betonten den beidseitigen Vorteil.
Rechenbeispiel Komparativer Vorteil im Kaffeehaus
Mia und Jonas müssen nach Dienstschluss jeweils eine Kaffeemaschine reinigen und ihre Tische abwischen.
| Tätigkeit | Mia | Jonas |
|---|---|---|
| Maschine reinigen | 10 min | 40 min |
| Tische abwischen | 15 min | 25 min |
Ergebnis: Mia spart 5 min, Jonas 15 min, zusammen 20 min (70 statt 90 min). Beide gewinnen, obwohl Jonas nirgends schneller ist.
VertiefungWer profitiert vom Welthandel wirklich?
Kontroverse Klimaschutz: Die einen sagen, der größte Hebel gegen Armut und Klimawandel sei, ärmere Länder beim Einsatz sauberer Technologien finanziell zu unterstützen (Kompensationszahlungen) oder dort klimafreundliche Energie, etwa aus Sonne und Wind, zu erzeugen und z. B. als Wasserstoff zu exportieren. Kritiker halten dagegen, reiche Länder würden sich so von ihrer Verantwortung „freikaufen“, und die Technologien seien noch unzureichend oder ineffizient.
Zwei Grundrichtungen der Ethik
Viele dieser Streitfragen hängen davon ab, welcher Ethik man zuneigt.
Teleologische Ethik (Utilitarismus): bewertet eine Handlung nach ihren Folgen, also danach, „was am Ende herauskommt“.
Deontologische Ethik (Pflichtethik): orientiert sich an Prinzipien, die nicht verletzt werden dürfen, auch wenn eine Verletzung im Einzelfall bessere Ergebnisse brächte.
Einfach erklärt: Jemand fährt mit dem Auto statt mit dem Rad ins Büro und spendet dafür mehr an ein Klimaschutzprojekt, als die Fahrt an CO₂ verursacht. Teleologisch: in Ordnung, die Bilanz fürs Klima ist sogar positiv. Deontologisch: nicht in Ordnung, wenn das Prinzip lautet, unnötige Emissionen zu vermeiden, denn die Einhaltung des Prinzips ist als Norm für alle wünschenswerter als dessen fallweise Verletzung.
Prüfungsfalle: Teleologisch = Folgen zählen (Utilitarismus), deontologisch = Pflichten/Prinzipien zählen. Die Zuordnung wird leicht vertauscht.
Checkliste: Das musst du können
Dieses Kapitel ist im STEOP-Pass enthalten.
Mit dem Pass bekommst du alle Zusammenfassungen, alle Übungsfragen, unbegrenzte Probeklausuren, den Lernplan, Lernkarten und Telegram-Support – einmalig 39,99 € 79,98 €, kein Abo.