BWL · Kapitel 8/13

Personalperspektive

Betriebswirtschaft38 Min. LesezeitRelevanz ★★

1 Warum Arbeit kein reiner Inputfaktor ist ★★

Menschen sind keine Maschinen, die man einfach einstellt und optimiert. Dieser Abschnitt zeigt, wie man das historisch gelernt hat und was die Personalperspektive deshalb untersucht.

Ausgangspunkt: Taylorismus und Fließband

Scientific Management (Taylorismus): Optimierung der Arbeit mit wissenschaftlichen Methoden. Der Herstellungsprozess wird in kleine, spezialisierte Schritte zerlegt, und für jeden Schritt sucht man den schnellsten Bewegungsablauf.

Fordismus: Henry Ford verband den Taylorismus mit der Fließbandfertigung. Das machte Autos extrem billig, die Arbeit aber eintönig.

Die Arbeitsteilung bringt also zwei Seiten mit sich:

Plus: viel höhere Produktivität durch Spezialisierung auf einfache, immer gleiche Handgriffe
Minus: großer Koordinationsbedarf (daher sind Aufbau- und Ablauforganisation so wichtig) und monotone Tätigkeiten

Entfremdung: Arbeitskräfte verlieren den Bezug zu Inhalt und Zweck ihrer Arbeit und werden selbst zu einer Art Maschinenteil. Bekanntestes Sinnbild ist Chaplins Film „Moderne Zeiten".

Die Hawthorne-Studien: der Wendepunkt

Vor rund 100 Jahren wollte man in einem Werk eines US-Elektrokonzerns ganz im Sinne des Scientific Management testen, ob z. B. mehr oder weniger Licht die Produktivität erhöht.

Überraschend stieg die Produktivität bei hellerem und dunklerem Licht und sogar in der Kontrollgruppe ohne Änderung. Das Licht war also nicht der Grund.

Zwei Erkenntnisse daraus:

1Hawthorne-Effekt: Menschen ändern ihr Verhalten, weil sie wissen, dass sie beobachtet werden bzw. Teil einer Studie sind, und nicht wegen des Faktors, den man im Experiment verändert. Bei Experimenten muss man das berücksichtigen.
2Soziale Faktoren zählen: Die Interviews mit der Forschungsgruppe wurden als Interesse, Respekt und Wertschätzung erlebt, und das hob die Motivation.

Bedeutung: Die Studien gelten als Wendepunkt vom Taylorismus hin zu humanistischen und verhaltensorientierten Managementansätzen. Arbeitsleistung lässt sich nicht wie eine Maschine steuern, psychologische und soziale Faktoren sind entscheidend.

Einfach erklärt: Kommt die Chefin in die Backstube und fragt ehrlich nach, wie die Arbeit läuft, backen alle danach motivierter. Mit der neuen Lampe an der Decke hatte das nichts zu tun.

Prüfungsfalle: Der Hawthorne-Effekt sagt nicht, dass Geld oder Boni nicht motivieren. Er beschreibt, dass schon das Beobachtetwerden bzw. die Aufmerksamkeit das Verhalten verändert. Um Geld ging es in dem Experiment gar nicht.

Kurios: Trotz dieser Einsicht hat sich der Begriff Human Resources (HR) in Wissenschaft und Praxis durchgesetzt.

Worum es in der Personalperspektive geht

Auch die Personalperspektive (auch Mitarbeiterperspektive genannt) folgt der Leitidee: gemeinsame Wertschöpfung für Stakeholder durch Innovation.

Selbst wer im Sinne des Arbitrageunternehmertums nur die Arbeitsleistung für den Gewinn optimieren will, muss die psychologischen und sozialen Zusammenhänge verstehen (so wie die Wünsche der Kundschaft beim Verkauf).
Beim schöpferischen Unternehmertum geht es um mehr: Arbeitskräfte tragen in wissens- und kreativitätsbasierten Firmen entscheidend zur Wertschöpfung bei und sind zugleich zentrale Stakeholder, wenn diese Wertschöpfung verteilt wird.

Die Personalperspektive hat drei Kernaufgaben:

1Beitrag der Arbeitskräfte: beschreiben, wovon es abhängt, wie und in welcher Form Arbeitskräfte zur Wertschöpfung durch Innovation beitragen (Stichwort Arbeitsmotivation).
2Wert für die Arbeitskräfte: strukturieren, wie umgekehrt in Arbeitsbeziehungen Wert für die Arbeitskräfte entsteht. Diesen Wert nennt man Arbeitnehmerrente (Stichwort Arbeitszufriedenheit).
3Zusammenhang von 1 und 2 verstehen: Je wertvoller eine Arbeitsbeziehung für Arbeitskräfte ist, desto eher wollen sie sie erhalten und selbst etwas zu ihrem Erfolg beitragen. Grundlage dafür sind die verhaltensorientierten Ansätze.

Arbeitnehmerrente: der Wert, den eine Arbeitsbeziehung aus Sicht der Arbeitskraft schafft. Wie die Konsumentenrente ist sie subjektiv, sie hängt also von der persönlichen Wahrnehmung ab.

VertiefungDie Personalperspektive im Bild der Renten
RenteWer gewinnt?Wodurch?
KonsumentenrenteKundschaftProdukt ist mehr wert, als es kostet
ProduzentenrenteUnternehmenPreis liegt über den Kosten
ArbeitnehmerrenteArbeitskräfteArbeitsbeziehung ist mehr wert als Zeit und Mühe

Eine gute Arbeitsbeziehung ist wie ein gutes Produkt eine Win-win-Situation: Die Firma bekommt motivierte Beiträge, die Arbeitskraft Geld, Sinn, Entwicklung und Anerkennung. Innovation in der Personalarbeit heißt, beides gleichzeitig zu erhöhen.

2 Verhaltensorientierte Ansätze: Anreize, Beiträge und Fairness ★★

Verhaltensorientierte Ansätze (Stichwort Organizational Behavior) erklären, warum Menschen in Organisationen mitmachen und sich anstrengen. Schon ab den 1930er-Jahren wurden solche Managementtheorien entwickelt.

Die Anreiz-Beitrags-Theorie

Anreiz-Beitrags-Theorie: Arbeitskräfte (und alle anderen Stakeholder) leisten nur dann dauerhaft Beiträge, wenn sie ein subjektiv wahrgenommenes Gleichgewicht zwischen ihren Leistungen (Beiträgen) und den Gegenleistungen (Anreizen) des Unternehmens erleben. Sie geht auf Chester Barnard zurück und wurde von James March und Herbert Simon weiterentwickelt.

Wichtig ist, dass beide Seiten viel mehr umfassen als Arbeitszeit und Lohn:

Beiträge der ArbeitskraftAnreize des Unternehmens
normale ArbeitsleistungLohn bzw. Gehalt
Überstunden bei BedarfWeiterbildung
Weiterbilden, Probleme auch außerhalb des eigenen Bereichs lösenKinderbetreuung, Sportangebote
Wissen teilen, anderen helfenZugang zu Wissen und Netzwerken
Verbesserungsvorschläge, innovative IdeenWertschätzung, Loyalität

Weniger offensichtliche Anreize wie Wertschätzung werden manchmal sogar wichtiger empfunden als die Höhe des Lohns.

Einfach erklärt: Im Kaffeehaus bleibt die Kellnerin nicht nur wegen des Lohns, sondern auch wegen des netten Teams und weil die Chefin ihr flexible Dienste ermöglicht. Fällt das weg, kippt ihr persönliches Gleichgewicht, auch wenn der Lohn gleich bleibt.

Warum Maßnahmen schwer vorhersehbar sind

Wie eine Maßnahme ankommt (z. B. höheres Grundgehalt, dafür keine bezahlten Überstunden), ist oft nicht genau vorhersehbar:

Arbeits- und Führungskräfte bilden komplexe soziale Systeme. Man reagiert auch als Teil der Gruppe: Die Demotivation eines Teammitglieds färbt auf andere ab.
Schon kleine Änderungen (neue Überstundenregel, abgelehntes Sabbatical) können große, schwer absehbare Effekte haben.

Organisationspsychologie: Teilgebiet der Wirtschaftspsychologie. Sie untersucht, wie Merkmale einer Organisation (Arbeitsbedingungen, Compensation & Benefits, Kultur) auf die Menschen wirken und wie deren Verhalten und Beziehungen wiederum auf die Organisation zurückwirken.

Die Equity-Theorie

Equity-Theorie (Gerechtigkeitstheorie): Zufriedenheit, Motivation und Arbeitsverhalten hängen nicht nur davon ab, was man selbst für seine Leistung bekommt, sondern auch davon, ob man sich im Vergleich zu anderen fair behandelt fühlt. Sie wurde in den 1960er-Jahren beschrieben.

Wer den Eindruck hat, für dasselbe Gehalt mehr leisten zu müssen als eine Kollegin, oder für dieselbe Leistung weniger zu bekommen, wird unzufrieden, demotiviert und weniger leistungsbereit. Der Vergleich mit anderen ist ein einfacher Grund für die Gruppeneffekte von oben.

FormelGerechtigkeitsvergleich (vereinfacht)
OichIichvs.OandereIandere

In Worten: Man vergleicht das Verhältnis von dem, was man bekommt, zu dem, was man gibt, mit demselben Verhältnis bei anderen. Fair fühlt es sich an, wenn die Verhältnisse ungefähr gleich sind.

O = Output für die Person (Gehalt, Anerkennung …)I = Input der Person (Arbeitszeit, Einsatz, Qualifikation …)
Beispiel ansehen

Im Fahrradverleih bekommen Mia und Jonas je 2.000 € im Monat. Mia arbeitet 40 Stunden pro Woche, Jonas 32.

1Mia: 2000/40=50 € pro Wochenstunde
2Jonas: 2000/32=62,5 € pro Wochenstunde

Ergebnis: Mias Verhältnis ist schlechter, sie fühlt sich unfair behandelt, obwohl beide gleich viel verdienen. Fair wäre es aus ihrer Sicht, wenn Jonas bei gleichem Stundensatz nur 50⋅32=1600 € bekäme oder sie mehr.

Prüfungsfalle: Die Equity-Theorie sagt nicht, dass alle gleich viel verdienen sollen. Fair ist ein ausgewogenes Verhältnis von Leistung und Gegenleistung im Vergleich zu anderen. Gleiches Gehalt bei ungleicher Leistung wird gerade als unfair erlebt.

Motivation und Zufriedenheit: zwei Blickrichtungen

Beide beschreiben die Einstellung zur Arbeit, aber aus entgegengesetzter Richtung:

BegriffRichtungSicht der Anreiz-Beitrags-Theorie
ArbeitsmotivationArbeitskraft → UnternehmenBereitschaft, Beiträge zu leisten
ArbeitszufriedenheitUnternehmen → ArbeitskraftZufriedenheit mit den Gegenleistungen

Prüfungsfalle: Arbeitsmotivation misst die Wertschöpfung der Arbeitskraft für das Unternehmen, Arbeitszufriedenheit die Wertschöpfung des Unternehmens für die Arbeitskraft. Diese Zuordnung wird gern vertauscht.

VertiefungVerbindung: Teamarbeit und Trittbrettfahren (Alchian/Demsetz)

Ein ökonomischer Blick auf Teamarbeit stammt von Armen Alchian und Harold Demsetz (1972, Unternehmenstheorie):

In Teamproduktion lässt sich nicht genau feststellen, wer wie viel beigetragen hat. Das verleitet zum Free-Rider-Verhalten (Trittbrettfahren).
Deshalb braucht es eine überwachende Teamleitung. Die Spitze muss nicht mehr überwacht werden, wenn ihre Vergütung vom Teamerfolg abhängt: Sie trägt das Risiko und hat dafür die Entscheidungsrechte.
Folge: Arbeitskräfte bekommen ein weitgehend fixes Gehalt, die Führung trägt das Risiko des Gewinns.

Die verhaltensorientierte Sicht ergänzt: Ob jemand trittbrettfährt, hängt auch von Motivation, Fairness und Gruppe ab.

3 Arbeitsmotivation: extrinsisch und intrinsisch ★★★

Warum strengen sich Menschen in der Arbeit an? Die zentrale Unterscheidung ist die zwischen Motivation von außen und von innen. Dazu gehören wichtige Probleme von Anreizsystemen.

Die Begriffe

Arbeitsmotivation: der Antrieb bzw. die Bereitschaft, für das eigene Unternehmen Beiträge zu leisten.

Arbeitszufriedenheit: die persönliche Einschätzung, wie sehr die Arbeit die eigenen Erwartungen erfüllt und wie wohl man sich damit fühlt. Es geht um die Zufriedenheit mit den Gegenleistungen des Unternehmens.

Extrinsische Motivation: Man handelt, um eine Belohnung zu bekommen oder eine „Bestrafung" zu vermeiden (Geld, Note, Ansehen, Abschluss, Erhalt einer Förderung).

Intrinsische Motivation: Man handelt aus innerem Antrieb: weil es Spaß macht, weil man Interesse hat oder weil man innerlich überzeugt ist, dass es gut und wichtig ist.

Situationextrinsischintrinsisch
ArbeitAkkordlohn, BonusArbeit macht Freude, Überzeugung
Studiumgute Note, AbschlussInteresse am Stoff
SportWettkampf gewinnen, andere beeindruckenSpaß, man fühlt sich danach besser

Akkordlohn und der Self-Selection-Effekt

Akkordlohn: Lohnsystem, bei dem man umso mehr verdient, je mehr man produziert (Bezahlung pro Stück). Ein klassischer extrinsischer Anreiz.

Dass er wirkt, ist durch viele Studien belegt. In einer bekannten Studie von Edward Lazear (2000) stieg die Produktivität nach dem Wechsel von Stundenlohn auf Stücklohn um rund 44 %. Davon ging aber nur etwa die Hälfte auf mehr Einsatz der bisherigen Belegschaft zurück.

Self-Selection-Effekt (Sorting-Effekt): Ein Anreizsystem verändert, wer im Unternehmen arbeitet. Weniger Produktive gehen eher, Produktivere kommen eher, weil sie sich mehr Verdienst versprechen.

Rechenbeispiel Den Anstieg zerlegen: Anreiz- und Sorting-Effekt

Eine Fahrradwerkstatt zahlt statt Stundenlohn nun pro repariertem Rad. Vorher schaffte eine Person im Schnitt 10 Räder pro Tag, danach im Schnitt 13.

1Gesamtanstieg: 13−10=3 Räder, also 3/10=30 %
2Die Mechaniker, die schon vorher da waren, schaffen jetzt 11,5 Räder: +1,5 durch mehr Einsatz (Anreizeffekt)
3Der Rest, 13−11,5=1,5, kommt daher, dass langsamere gekündigt haben und schnellere dazugekommen sind (Sorting-Effekt)

Ergebnis: Je die Hälfte des Anstiegs geht auf Anreiz und auf Selbstauswahl zurück. Wer nur auf die Anstrengung schaut, überschätzt die Wirkung des Lohnsystems auf die einzelne Person.

Prüfungsfalle: Der Produktivitätsgewinn durch Akkordlohn kam nicht nur durch mehr Anstrengung derselben Leute zustande. Etwa die Hälfte entstand durch Self-Selection, also durch eine veränderte Zusammensetzung der Belegschaft.

Die Schattenseiten extrinsischer Anreize

Extrinsische Motivation wirkt sehr effektiv, hat aber eine Voraussetzung: ein gut messbares Kriterium (z. B. Stückzahl). Problemlos funktioniert sie nur, wenn alle relevanten Ergebnisse gut messbar sind.

Multitask-Problem: Hat eine Aufgabe mehrere Ergebnisdimensionen, die nicht alle gleich gut messbar sind, werden die schlecht messbaren oder nicht belohnten Dimensionen vernachlässigt.

„You get what you measure": Die gemessenen Ergebnisse verbessern sich, die eigentliche Aufgabe wird aber trotzdem schlechter erfüllt.

Einfach erklärt: Bekommt der Foodtruck-Koch einen Bonus pro verkauftem Burger, gehen mehr Burger raus. Ob sie gut schmecken und die Küche sauber bleibt, misst niemand, also leidet genau das.

Zusätzliche Probleme:

Anreize können der Arbeitsethik der Menschen widersprechen. Wer einen Beruf gewählt hat, um anderen wirklich zu helfen, ist frustriert, wenn nur Zahlen zählen.
Auch Noten sind extrinsische Anreize. Das Multitask-Problem zeigt sich als „nur für die Prüfung lernen": Man besteht eher, versteht den Stoff aber nicht (eigentliches Ziel verfehlt).

Prüfungsfalle: Bei Aufgaben mit mehreren, schlecht messbaren Ergebnissen sind starke extrinsische Anreize gerade problematisch, nicht besonders geeignet. Je unvollständiger die Messung, desto größer die Gefahr, dass Wichtiges vernachlässigt wird.

Zusammenspiel und Crowding-out

Intrinsische und extrinsische Motivation können zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken. Der äußere Anreiz bringt einen dazu anzufangen, dann macht es Spaß, und man bleibt aus eigenem Interesse dran.

Sie können sich aber auch stören: Zu viel Druck durch Ziele, Belohnung und Strafe verdirbt den Spaß, weil man sich gegängelt fühlt, wo man lieber autonom arbeiten würde. Besonders bei kreativen Tätigkeiten kann das schaden.

Crowding-out-Effekt: extrinsische Anreize verdrängen die intrinsische Motivation.

Prüfungsfalle: Die Sicht, dass extrinsische Anreize die intrinsische Motivation generell verdrängen, ist falsch. Crowding-out kann vorkommen, ist aber keine allgemeine Regel. Oft ergänzen sich beide Motivationsformen.

Konsequenz für Unternehmen: Ziel ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen beide Motivationsformen entstehen. Dafür gibt es keine Patentrezepte. Wer es gut schafft, hat einen großen und schwer imitierbaren Wettbewerbsvorteil, gerade weil es so schwierig ist.

4 Arbeitszufriedenheit: die Zwei-Faktoren-Theorie von Herzberg ★★★

Die bekannteste Theorie zur Arbeitszufriedenheit stammt von Frederick Herzberg. Ihre Kernaussage und die Zuordnung der Faktoren werden sehr gern geprüft.

Zusammenhang von Motivation und Zufriedenheit

Wie motiviert jemand ist, hängt davon ab, wie er die Gegenleistungen und Rahmenbedingungen wahrnimmt, also von der Arbeitszufriedenheit. Umgekehrt gilt: Sehr motivierte Arbeitskräfte, die mehr beitragen wollen, erwarten auch mehr und sind deshalb schwerer zufriedenzustellen.

Die Kernaussage

Zwei-Faktoren-Theorie (Herzberg): Die Faktoren, die Unzufriedenheit verursachen, sind andere als jene, die Zufriedenheit erzeugen. Arbeitsunzufriedenheit ist daher nicht einfach das Gegenteil von Arbeitszufriedenheit.

Hygienefaktoren: Fehlen sie oder sind sie schlecht, entsteht Unzufriedenheit. Sind sie gut, ist man aber noch lange nicht zufrieden, sondern nur „nicht unzufrieden".
Motivatoren: Sie erzeugen echte Zufriedenheit und Motivation.

Einfach erklärt: Hygiene schützt vor Krankheit, aber noch so viel Händewaschen macht dich nicht fitter. Für mehr Gesundheit brauchst du etwas anderes, etwa Sport. Genauso schützt ein fairer Lohn vor Frust, begeistert aber nicht. Begeisterung kommt von spannenden Aufgaben und Erfolgen.

Hygienefaktoren (verhindern Unzufriedenheit)Motivatoren (schaffen Zufriedenheit)
Ausrichtung des Unternehmens, OrganisationsstrukturErfolgserlebnisse
Beziehungen zu Vorgesetzten und GleichgestelltenAnerkennung für Erfolge
Gehaltsinnvoller Arbeitsinhalt
Arbeitsbedingungenübertragene Verantwortung
ArbeitsplatzsicherheitWeiterentwicklung und Aufstieg
sich mit eigenen Fähigkeiten entfalten, an Aufgaben wachsen

Merkhilfe: Hygienefaktoren betreffen das Umfeld der Arbeit (Rahmen, Geld, Menschen rundherum). Motivatoren betreffen die Arbeit selbst (Inhalt, Erfolg, Wachstum).

Prüfungsfalle: Beziehungen zu Vorgesetzten und Kolleg:innen sind bei Herzberg Hygienefaktoren, keine Motivatoren, auch wenn sie sich „motivierend" anhören. Ebenso ist das Gehalt ein Hygienefaktor.

Prüfungsfalle: Verbessert man Hygienefaktoren (z. B. mehr Gehalt, bessere Büros), beseitigt man Unzufriedenheit, erzeugt aber laut Herzberg keine echte Zufriedenheit. Dafür braucht es Motivatoren.

Motivatoren und intrinsische Motivation

Alle Motivatoren hängen direkt mit der Arbeitsaufgabe zusammen und wenig mit Faktoren, die von außen kommen. Man kann sie daher als Faktoren lesen, die im Arbeitskontext die intrinsische Motivation erhöhen. Die Theorie erklärt also Arbeitszufriedenheit und intrinsische Arbeitsmotivation.

VertiefungWie Herzberg vorging und was man kritisiert

Vorgehen (Studien in den 1950er- und 1960er-Jahren):

1Arbeitskräfte verschiedener Hierarchiestufen, Unternehmen und Branchen wurden nach konkreten Situationen gefragt, in denen sie besonders zufrieden oder besonders unzufrieden waren.
2Die Antworten wurden geclustert, also thematisch in Kategorien geordnet.
3Dann prüfte man, welche Kategorien am häufigsten genannt wurden. Dabei zeigte sich, dass die Auslöser von Unzufriedenheit und von Zufriedenheit verschieden waren.

Kritik:

Die Studien stützen sich nur auf die Schilderung kritischer Ereignisse.
Ergebnisse hängen teils von Persönlichkeitsmerkmalen der Befragten ab.
Manche Faktoren sind schwer abzugrenzen. Das Gehalt ist ein Hygienefaktor, signalisiert aber auch Anerkennung, und eine Gehaltserhöhung kann als Erfolgserlebnis oder Aufstieg erlebt werden.

Trotzdem hatte die Theorie bis heute enormen Einfluss auf Wissenschaft und Praxis und gehört zum Grundwissen.

5 Organisationsdesign: Arbeitsteilung, Koordination, Aufbau und Ablauf ★★★

Wie gestaltet man eine Organisation so, dass sie gut funktioniert? Grundlage sind Arbeitsteilung und Koordination, das wichtigste Begriffspaar ist Aufbau- vs. Ablauforganisation.

Organisation und Arbeitsteilung

Organisation: Menschen tun sich zusammen, um in einer Gruppe gemeinsame Ziele zu erreichen. Das kann ein Team, eine Abteilung, ein ganzes Unternehmen oder eine Non-Profit-Organisation (Sportverein, Hilfsorganisation) sein.

Arbeitsteilung: Die Mitglieder spezialisieren sich auf bestimmte Teilaufgaben und arbeiten zusammen. Dadurch ist die Produktivität der Organisation meist deutlich höher als die Summe der Einzelproduktivitäten. Würden alle dasselbe tun, wäre die Organisation nur eine Addition von Einzelnen.

Adam Smith beschrieb diese Produktivitätsgewinne schon 1776 („The Wealth of Nations") mit seinem berühmten Stecknadelbeispiel: Ein Einzelner schafft alle Arbeitsgänge selbst nur wenige Nadeln am Tag, mit Spezialisierung auf je einen Arbeitsgang werden es pro Kopf Tausende.

Arbeitsteilung wirkt auch bei Dienstleistungen (z. B. kreative Teams). Auch eine Führungsrolle ist Arbeitsteilung: Die Teamleitung spezialisiert sich auf Führungsaufgaben (Außenkommunikation, Budget, Projektplan).

Schon Adam Smith sah zwei Konsequenzen:

1Spezialisierung kann zu monotonen Tätigkeiten führen, mit Folgen für Zufriedenheit und Motivation.
2Arbeitsteilung bringt unweigerlich Koordinationsbedarf mit sich.

Prüfungsfalle: Arbeitsteilung erhöht die Produktivität, erzeugt aber Koordinationsbedarf. Sie macht Koordination also nicht überflüssig, sondern erst notwendig.

Interdependenz und Koordination

Interdependenz: Die Teilaufgaben hängen voneinander ab.

Einfacher Fall (nacheinander): wie am Fließband. Der nächste Schritt kann erst starten, wenn der vorige fertig ist.
Komplexer Fall (wechselseitig): Alle Aufgaben hängen mit allen zusammen, z. B. wenn in einem Team die Ideen der einen die Arbeit aller anderen wieder verändern.

Koordination: die Abstimmung voneinander abhängiger Aufgaben und ihre Ausrichtung auf das gemeinsame Ziel.

Wichtige Mittel der Koordination (sie ergänzen einander):

Gliederung in Stellen: Alle Aufgaben werden zu Bündeln zusammengefasst, die eine Person erledigen kann (Job Design / Task Design). Stellen werden zu Organisationseinheiten (Abteilungen, Geschäftsbereiche) zusammengefasst.
Direkte Führung: Eine Führungskraft überwacht die Aufgabenerfüllung der ihr Unterstellten direkt oder greift ein. Sie ist eng mit der hierarchischen Gliederung verbunden.

Aufbauorganisation und Ablauforganisation

Stelle: die kleinste Einheit, ein Bündel von Aufgaben, das normalerweise eine Person erledigt (z. B. „Leitung Marketing", „Controllerin").

Aufbauorganisation (Organisationsstruktur): der formale Aufbau einer Organisation, also die Gliederung in Bereiche, Abteilungen, Teams und Stellen. Sie regelt, wer wem unterstellt ist.

Ablauforganisation: die Struktur von Prozessabläufen, also in welcher Reihenfolge und wie Arbeitsschritte ablaufen.

AufbauorganisationAblauforganisation
FrageWer ist wem unterstellt?Wie läuft ein Prozess ab?
DarstellungOrganigrammProzessbeschreibung, Prozesshandbuch
BeispieleAbteilungen, Stellen, HierarchieFertigungsschritte, Einstellungsprozess, Budgetierung, OP-Vorbereitung

Ablauforganisation gibt es also auch bei Dienstleistungsprozessen. Prozesse können nur grob geregelt oder detailliert festgeschrieben sein.

Prüfungsfalle: Ein Einstellungsprozess (Ausschreibung → Auswahl → Onboarding) ist ein Beispiel für Ablauforganisation, nicht für Aufbauorganisation, auch wenn er im Personalbereich stattfindet. Entscheidend ist: Prozess = Ablauf, Unterstellung = Aufbau.

Organigramm, Direct Reports und flache Hierarchien

Organigramm (Organizational Chart): grafische Darstellung der Aufbauorganisation. Es zeigt, wer wem unterstellt ist. Die Kästchen können einzelne Stellen oder ganze Bereiche sein.

Direct Reports: die einer Führungskraft direkt unterstellten Personen. Sie „reporten" an sie, sind ihr also verantwortlich.

Viele HierarchieebenenFlache Hierarchie (wenige Ebenen)
langer Weg von unten nach obenkurzer Informationsweg
neue Infos kommen oben evtl. nie anviele Direct Reports pro Führungskraft
jede Führungskraft führt nur wenigeschwerer, sich um alle gut zu kümmern

Die flachste Form wäre: gar keine Hierarchie, alle formal gleichberechtigt, oder nur ein Führungsteam, dem alle anderen direkt unterstehen. Beides funktioniert nur in sehr kleinen Organisationen. Der Vorteil einer Hierarchie ist ja gerade, dass jede Führungskraft nur ihre Direct Reports führen muss.

Prüfungsfalle: Bei einer flachen Hierarchie haben Führungskräfte tendenziell viele Direct Reports, nicht wenige. Wenige Ebenen bedeuten breite Führungsspannen.

VertiefungRechenbeispiel: Ebenen und Direct Reports hängen zusammen

Eine Lern-App hat 64 Mitarbeitende in der untersten Ebene. Wie viele Führungsebenen braucht es unter der Geschäftsführung?

Direct Reports pro FührungskraftEbenen unter der GeschäftsführungFolge
43 (4, 16, 64)steil, lange Infowege
82 (8, 64)Mittelweg
641ganz flach, Chefin führt 64 Leute

Ergebnis: Je mehr Direct Reports, desto weniger Ebenen. Man tauscht schnelle Informationswege (jede Ebene filtert Infos ein Stück) gegen weniger Zeit pro geführter Person.

6 Organisationsformen: Linie, Matrix, U-Form und M-Form ★★★

Für die Aufbauorganisation gibt es typische Grundformen. Du musst sie erkennen, zeitlich einordnen und ihre Vor- und Nachteile kennen.

Linienstruktur und Matrixorganisation

Linienstruktur: die dauerhafte hierarchische Linie, wer wem vorgesetzt ist, ähnlich wie ein Stammbaum. Sie ist durch die Aufbauorganisation festgelegt.

Daneben gibt es meist Projekte mit einer eigenen Projektleitung für die Dauer des Projekts.

Matrixorganisation: Eine Person hat zwei Vorgesetzte: die Führungskraft in der Linie (z. B. Leitung der eigenen Abteilung) und zusätzlich eine Projektleitung, der sie im Rahmen eines Projekts unterstellt ist.

Einfach erklärt: Ein Mechaniker im Fahrradverleih untersteht der Werkstattleiterin. Zusätzlich arbeitet er im Projekt „E-Bike-Flotte" mit und folgt dort dem Projektleiter. Zwei Chefs gleichzeitig: Matrix.

U-Form: funktional gegliedert

U-Form (Unitary Form, funktionale Organisation): Auf der obersten Ebene unter der Geschäftsführung wird nach Funktionsbereichen gegliedert, etwa Operations (Produktion), Finance, Marketing, Vertrieb, Recht.

Üblich zu Henry Fords Zeiten vor gut 100 Jahren.
Später galt sie nur noch als ideal für Startups und kleinere Unternehmen mit homogenem und regional begrenztem Produktangebot.
Es gibt eine gemeinsame Gewinnrechnung für das ganze Unternehmen.

M-Form: nach Sparten gegliedert

M-Form (Multi-divisional Form, Spartenorganisation): Das Unternehmen besteht aus mehreren strategischen Geschäftseinheiten (Divisionen, Business Units, Sparten), die wie eigenständige Unternehmen geführt werden. Unter jeder Sparte gibt es dann wieder eigene Funktionen.

Ab den 1960er-Jahren vorherrschend bei sehr großen Unternehmen.
Ein früher Anwender war General Motors: jeder Autotyp eine eigene, gewinnorientiert geführte Einheit.
Grundidee: Sehr große Firmen werden schwerfällig und bürokratisch. Kleinere, unabhängig agierende Teile sollen flexibler sein.
Die Sparten sind in der Regel Profit Centers mit eigener P&L-Verantwortung (P&L = Profit and Loss, also GuV): Für jeden Bereich wird ein Gewinn ermittelt, und die Leitung ist für ihn verantwortlich.

Wirkung der internen Konkurrenz: Wettbewerb zwischen Bereichen kann antreiben, aber auch Kooperation zerstören und zu Bereichsegoismen führen.

U-FormM-Form
oberste GliederungFunktionenProdukte/Sparten oder Regionen
Gewinnverantwortungeine gemeinsame P&Leigene P&L je Sparte
typisch fürFord-Zeit; heute kleine, homogene Firmengroße, vielfältige Konzerne ab 1960ern

Prüfungsfalle: Bei der M-Form haben die Sparten eigene P&L-Verantwortung, bei der U-Form gibt es eine gemeinsame Gewinnrechnung. „U" steht für Unitary (einheitlich), nicht für „Unternehmensbereiche".

Gliederung nach Regionen

Große internationale Firmen gliedern oft zuerst nach Regionen (z. B. Europa, Asien, Nordamerika) und erst darunter nach Produkten.

Sinnvoll, je unterschiedlicher Kundenbedürfnisse und Produkte zwischen Ländern sind und je regionaler produziert wird. Regionale Wünsche, Rechtssysteme und Arbeitsmärkte zu berücksichtigen, kann ein Erfolgsfaktor sein.
Risiko: Spannungen zwischen Ländern können zunehmen, etwa wenn Regionen nach unterschiedlichen Erfolgskennzahlen geführt werden.
Manchmal ist der Grund eine Akquisition: Man kauft eine Firma im Ausland und lässt sie relativ eigenständig weiterlaufen.
Im Handel ist die regionale Gliederung sehr üblich. Bestimmte Funktionen (z. B. Finance) bleiben aber oft zentral, und wegen ihrer strategischen Bedeutung wandern zunehmend auch Logistik/Supply Chain und Nachhaltigkeit in die Zentrale.

Strategie und Struktur

Structure follows Strategy: Erst die Strategie, dann wird die Struktur angepasst. Das klingt naheliegend.
Strategy follows Structure: Oft ist es auch umgekehrt, eine bestehende Struktur prägt die Strategie.
Häufig sind Ursache und Wirkung nicht klar trennbar.

Einfach erklärt: Eine Bäckereikette schafft in der Geschäftsführung die neue Stelle „Leitung Digitales". Das setzt eine Strategie um. Weil diese Person nun aber bei jeder Sitzung mitredet, werden digitale Themen künftig die Strategie mitbestimmen. Struktur und Strategie beeinflussen sich gegenseitig.

Prüfungsfalle: Der Zusammenhang läuft nicht nur von der Strategie zur Struktur. Auch die Struktur beeinflusst die Strategie. Aussagen mit „immer zuerst die Strategie" sind zu absolut.

7 Organisieren für Innovation: zwei gegensätzliche Wege ★★

Wie richtet man eine große Organisation auf Kreativität und Innovation aus? Zwei bekannte Tech-Firmen gingen dabei sehr unterschiedliche Wege. Daraus folgt: Organisationsdesign ist ein System ohne fertige „Best Practice".

Weg 1: funktional trotz Größe (Apple)

Apple wechselte gegen den Trend von der M-Form zurück zur funktionalen U-Form und hält diese trotz enormen Wachstums bis heute bei.

Als Steve Jobs 1997 zurückkehrte, war Apple in Sparten mit eigener P&L gegliedert. Er löste diese auf, weil sie Bereichsegoismen schufen und vor allem Innovation behinderten.
Die Top-Führungskräfte sind für Funktionen zuständig (z. B. Finance, Marketing, Design), nicht für Produkte oder Märkte.
Es gibt eine gemeinsame P&L. Außer dem CEO gibt es keine General Manager, die eine ganze Wertschöpfungskette verantworten und am Spartengewinn gemessen werden.
Boni der Top-Führungskräfte hängen am Erfolg des Gesamtunternehmens, nicht an Bereichsgewinnen.

Das ist ungewöhnlich: Üblich ist die Idee, dass Führungskräfte als Unternehmer ihres Bereichs (viele Entscheidungsrechte, gemessen am Bereichsgewinn) besser entscheiden. Bei nur einem Gesamtgewinn wird das verwässert.

Warum fördert das trotzdem Innovation?

1Innovation rentiert sich erst langfristig. Kurzfristig ist Optimieren bestehender Produkte immer profitabler. Forschung schmälert heute den Gewinn, künftige Umsätze sind so ungewiss, dass Kapitalwert- bzw. DCF-Rechnungen kaum anwendbar sind. In Sparten gewänne der profitable Bestseller jeden Ressourcenstreit gegen die neue Produktidee.
2Ökosystem statt Einzelprodukte: Die Geräte sollen für die Kundschaft zusammenspielen. Gewinnorientierte Sparten würden produktübergreifende Innovationen unwahrscheinlicher machen.
3Schneller technischer Fortschritt: Viele Entscheidungen sind eher Wetten darauf, wie der Markt reagiert. Hier vertraut man mehr auf Fachexpertise von Technik- und Design-Leuten als auf Manager, die auf die Profitabilität ihres Bereichs schauen.
4Kompetenzzentren bleiben ganz: Eine Technologie, die in vielen Produkten steckt, würde in einer Spartenstruktur auf mehrere Bereiche zersplittert.
VertiefungWeitere Merkmale des funktionalen Innovationsmodells
Fachexpertise vor Managementexpertise: Führungskräfte sollen fachlich mindestens so gut sein wie ihr Team, denn die Besten kommen nur, wenn sie von ihren Vorgesetzten lernen können. Annahme: Aus einer exzellenten Fachkraft wird leichter eine gute Führungskraft als umgekehrt. Das widerspricht der verbreiteten Sicht, dass Führungskräfte vor allem Management können müssen.
Karriere und Entscheidungsrechte hängen an Fachexpertise, weniger an Gewinnverantwortung.
Informelle Abläufe: Bei neuen Funktionen bringen viele Teams (Technik, Design, Marketing) Expertise ein und bestimmen mit, ob und wann umgesetzt wird. Kriterium ist nicht nur Profitabilität, sondern eine technisch und für Nutzer:innen perfekte Lösung.
Kultur: Detailversessenheit, Perfektionismus, Ausrichtung an der Customer Experience.
Global einheitlich: Produkte kaum regional angepasst, Namen, Markteinführungen und Preise weltweit abgestimmt, Marketing zentral.
Prozessoptimierung im Sinne des Arbitrageunternehmertums ist nachrangig, Basis schöpferischer Innovation ist Fachexpertise.

Weg 2: agile, selbstorganisierte Teams (Spotify)

Der Musikstreaming-Anbieter Spotify setzte vor gut zehn Jahren auf eine agile Organisation. Klassische funktionale oder divisionale Strukturen galten als zu starr, um auf schnelle Veränderungen flexibel zu reagieren.

EinheitWas ist das?Vergleich
SquadTeam mit max. 8 Personen, funktional gemischt, arbeitet autonom und selbstorganisiertwie ein gemischtes Projektteam
Tribeca. 15 Squads, max. 150 Personen, gemeinsame größere Aufgabe; geführt von einem Tribe-Lead (meist mehrere Personen)lose Klammer
Chapteralle mit gleicher Funktion innerhalb eines Tribes (z. B. alle Software-Engineers); Chapter-Leadwie eine Fachabteilung
Guildfreiwillige Arbeitsgruppen bzw. CommunitiesInteressengemeinschaft

Besonderheiten:

Chapter-Leads haben eher eine Mentorenrolle und viel weniger Weisungsrechte als klassische Abteilungsleitungen. Was jemand tut, wird vor allem im Squad vereinbart.
Ergebnisse werden transparent gemacht, Fehlschläge im Nachhinein analysiert.
Peer Reviews (Feedback von allen, mit denen man arbeitet) dienen bewusst nur als Feedback, nicht für Gehaltsverhandlungen.
Kultur: systematisches Experimentieren, Fehler akzeptieren, „Fail fast", ständiges Lernen. Das entspricht dem Lean-Startup-Ansatz, hier in einem etablierten Unternehmen umgesetzt.

Heutiger Stand: Spotify hat das Modell nicht ganz abgeschafft, ist aber wieder eher klassisch funktional organisiert. Große Unternehmen, die das Modell langfristig erfolgreich nutzen, sind bisher nicht bekannt.

Prüfungsfalle: Squads sind funktional gemischt, Chapters bündeln Personen mit gleicher Funktion. Und: Peer Reviews werden nicht für Gehälter verwendet.

Autonomie vs. Koordination

Die Kreativitätsforschung bestätigt vielfach: Selbstbestimmtes Arbeiten ohne ständige Überwachung fördert Kreativität, vor allem die individuelle. Im Team müssen Einzelne und Teams aber auf gemeinsame Ziele hin koordiniert werden. Die Kernfrage lautet also: Genug Autonomie für Kreativität zulassen, aber „Art for Art's Sake" vermeiden, also brotlose Kreativität, die nichts zum Unternehmenserfolg beiträgt.

Organisationsdesign als System

Beide Wege zeigen: Organisationsdesign besteht aus vielen Teilelementen, die zusammenwirken.

Aufbauorganisation (Struktur, Hierarchie)
Ablauforganisation (Prozesse, Abläufe)
Unternehmenskultur: teils formell festgelegte Werte und Normen, teils informelle Regeln, die im Alltag entstehen (Umgang mit Fehlern, Art des Feedbacks, Wertschätzung von Fachexpertise). Die Struktur kann Werte symbolisch stützen, z. B. wenn Führungsposten nach Fachexpertise vergeben werden.
Zielvorgaben und Verantwortlichkeiten
Entlohnung: Hängen Boni am Finanzerfolg des eigenen Bereichs, schaut man vor allem darauf. Bleiben Führungskräfte im Schnitt nur wenige Jahre auf einer Position, achten sie eher auf kurzfristige Erfolge.

Zwecke des Organisationsdesigns:

1Koordination aller Aufgaben auf die Organisationsziele hin
2Motivation der Mitglieder, weiterhin Beiträge zu leisten

Es gibt keine etablierten „Best Practices", etwa dafür, wie eine Innovationsstrategie im Organisationsdesign abgebildet werden muss. Jede Organisation muss sich laufend an Umfeld und Strategie anpassen: Organisationsentwicklung.

Prüfungsfalle: Organisationsdesign ist mehr als das Organigramm. Auch Kultur, Prozesse, Ziele und Entlohnung gehören dazu. Und es gibt kein allgemein gültiges Erfolgsmodell, wie die gegensätzlichen Wege der beiden Firmen zeigen.

8 Wertschöpfung in Arbeitsbeziehungen: Recruiting, Vertrag, Vergütung ★★★

Wie entsteht Wert für Arbeitskräfte, und was können Unternehmen dafür tun? Dieser Abschnitt folgt dem Weg einer Arbeitsbeziehung: von der Suche über den Vertrag bis zur Bezahlung.

Warum Arbeitsbeziehungen so wichtig sind

Die Arbeitnehmerrente ist wie die Konsumentenrente eine subjektive Wahrnehmung.
Nach Herzberg machen Motivatoren eine Arbeitsbeziehung attraktiv, mangelhafte Hygienefaktoren machen unzufrieden.
Unzufriedene gehen, wenn es passende Alternativen gibt und ihre Fähigkeiten woanders gefragt sind.
Dauerhafte Unzufriedenheit kann zu Burnout und Depressionen führen, ein erfülltes Arbeitsleben trägt zu Lebensglück und Sinn bei.

Gesellschaftliche Rolle: Neben der Versorgung mit Gütern nach den Wünschen der Kundschaft liegt der größte gesellschaftliche Beitrag und damit die größte soziale Verantwortung von Unternehmen darin, menschengerechte, sinnhafte und erfüllende Einkommensmöglichkeiten zu bieten.

Prüfungsfalle: Dass jemand bleibt, heißt nicht, dass er zufrieden ist. Ohne Alternativen oder bei Barrieren (z. B. mangelnde Mobilität) bleiben auch sehr unzufriedene Arbeitskräfte dauerhaft.

Recruiting und der „Fit"

Recruiting: die Suche nach geeigneten Arbeitskräften und deren Auswahl. Der erste Schritt jeder Arbeitsbeziehung.

Fit (Passung): wie gut Person und Stelle zusammenpassen. Im Idealfall passen nicht nur Talente, Qualifikationen und Interessen zur Stelle (inhaltlicher Fit), die Person identifiziert sich auch mit Zielen, Produkten, Strategie, Mission und Kultur des Unternehmens (kultureller Fit).

Ein guter Fit schafft Wert für beide Seiten:

Man braucht weniger Anreizsysteme und Kontrollen, damit sich jemand im Sinne des Unternehmens verhält.
Die Arbeitskraft empfindet den Job eher als sinnvoll und erfüllend.

Stellenbeschreibung: beschreibt Aufgaben und Tätigkeiten einer Stelle und ihre Einordnung in die Organisation (welche Abteilung, wem unterstellt).

Klassisch (tayloristisch)Modern
Stelle genau definiert, dann passende Person gesuchtAusschreibung eher allgemein, gesucht werden gut ausgebildete, motivierte Leute
Eignungstests für vorgegebene TätigkeitenJob Design wird nachträglich an die Person angepasst
typisch: Fließbandjobtypisch auch bei Initiativbewerbungen

Wege zur richtigen Person

Initiativbewerbung: Jemand bewirbt sich von sich aus, unabhängig von einer ausgeschriebenen Stelle. Will das Unternehmen die Person unbedingt, passt es den Job an sie an.

Headhunting: Über Personalvermittlungen werden passende Personen direkt angesprochen. Bei Führungspositionen schon länger üblich.

Active Sourcing: Das Unternehmen wartet nicht auf Bewerbungen, sondern sucht aktiv nach passenden Personen (für eine konkrete Stelle oder auch ohne freie Stelle), spricht sie an und überzeugt sie, auch wenn sie anderswo angestellt sind und erst kündigen müssten.

Stark wachsende Bedeutung durch Social Media und Karrierenetzwerke (z. B. LinkedIn).
Firmen nutzen externe Dienstleister oder bauen eigene Active-Sourcing-Kompetenz in der Personalabteilung auf.
Zunehmend mit AI: Profile erkennen und vorfiltern, prognostizieren, ob jemand wechselbereit ist und ob er ins Unternehmen passt.

Prüfungsfalle: Bei Active Sourcing geht die Initiative vom Unternehmen aus, bei einer Initiativbewerbung von der Person. Eine klassische Stellenanzeige, auf die man wartet, ist gerade kein Active Sourcing.

Daten im Bewerbungsprozess: Spuren in Social Media werden nicht nur fürs Active Sourcing genutzt, sondern auch in klassischen Bewerbungsverfahren zum Vorsortieren. Solche Daten können zunehmend sogar Eignungs- und Persönlichkeitstests ersetzen, weil schon einfache Informationen (etwa vergebene Likes) gute Prognosen über Persönlichkeitsmerkmale erlauben.

Onboarding: alle Maßnahmen zur Eingliederung neuer Arbeitskräfte. Das Recruiting endet meist mit dem Vertrag und dem Onboarding, das stark an Bedeutung gewonnen hat:

Arbeitsplatz einrichten
Informationsveranstaltungen über das Unternehmen
Gespräche mit der Führungskraft über Aufgaben und Erwartungen
informelle Gespräche zum Kennenlernen der Kultur
Mentoring

Der Arbeitsvertrag

Arbeitsvertrag: regelt die Rechte und Pflichten zwischen der arbeitgebenden Organisation und der beschäftigten Person. Er ist das offensichtlichste Instrument zur Gestaltung der Arbeitsbeziehung.

Typische Inhalte: Beginn, Dauer (befristet oder unbefristet), Arbeitsort, Tätigkeiten, Arbeitszeit, Urlaubsanspruch, Kündigungsfristen, Höhe und Art der Vergütung. Auch Regelungen zu Nebentätigkeiten (Side Jobs) können Teil der Vertragsgestaltung sein.

Der Vertrag gibt nur einen groben Rahmen vor. Tätigkeit, Gehalt oder Urlaub können sich später ändern (z. B. durch Beförderung oder längere Firmenzugehörigkeit).
Wo der Vertrag nichts Konkretes regelt, sind spätere Änderungen ohne Vertragsänderung möglich.
Daneben gilt das Arbeitsrecht: z. B. Höchstarbeitszeiten (Arbeitszeitgesetz), Mindesturlaub (Urlaubsgesetz), Kündigungsschutz, Schutz vor Diskriminierung (Gleichbehandlungsgesetz).
Durch flexible Modelle (Homeoffice-Vereinbarungen, Sabbaticals) werden arbeitsrechtliche Kenntnisse in Personalabteilungen immer wichtiger.

Compensation and Benefits

Compensation: die geldliche Vergütung. Sie ist oft so vielschichtig, dass man von Compensation Packages spricht:

Grundgehalt
Zulagen für besondere Aufgaben
erfolgsabhängige Bestandteile bei Erreichen vereinbarter Ziele
Bonus bei Erfolg des Gesamtunternehmens
betriebliche Altersvorsorge, Zusatzzahlungen im Krankheitsfall, Urlaubsgeld

Benefits: nicht-geldliche Leistungen, z. B. Dienstrad, Firmenwagen, Sport- und Freizeitangebote, Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten und Homeoffice, Sabbaticals, Weiterbildung.

Ziel: Zufriedenheit und Motivation steigern und Arbeitskräfte binden.

Wo hier Wertschöpfung entsteht: Je nach Lebenslage kann ein Benefit für die Arbeitskraft mehr wert sein, als er das Unternehmen kostet. Dazu kommen positive Effekte auf die Motivation.

Rechenbeispiel Ein Benefit, der mehr wert ist, als er kostet

Ein Kaffeehaus zahlt 400 € pro Jahr für einen nahen Kinderbetreuungsplatz. Eine Kellnerin mit kleinem Kind schätzt ihn auf 900 € pro Jahr (weniger Stress und Fahrzeit).

1Kosten für das Unternehmen: 400 €
2Wert für die Kellnerin: 900 €
3Zusätzlich geschaffener Wert: 900−400=500 €

Ergebnis: Mit demselben Geld wie 400 € mehr Lohn entsteht deutlich mehr Arbeitnehmerrente. Für einen Kollegen ohne Kind wäre der Benefit fast wertlos, daher zählt maßgeschneiderte Gestaltung.

Innovative, maßgeschneiderte Compensation-and-Benefits-Modelle sind ein Kernaspekt moderner strategischer Personalarbeit. Mit der Flexibilisierung wird auch die Lohn- und Gehaltsabrechnung (Payroll Accounting) komplexer, und die Beratung der Arbeitskräfte zu Recht, Vertrag und Abrechnung wird wichtiger.

9 New Work, Personalentwicklung, People Analytics und Leadership ★★★

Arbeitsbeziehungen haben sich stark gewandelt. Dieser Abschnitt behandelt die neuen Arbeitsformen und die wichtigsten Instrumente, mit denen Unternehmen Arbeitsbeziehungen gestalten.

Von der Industrie- zur Wissensgesellschaft

Heute sind Knowhow, Engagement und Kreativität der Arbeitskräfte oft der entscheidende Wettbewerbsfaktor. Ihre Stellung und Verhandlungsposition haben sich dadurch massiv verbessert, und die Digitalisierung ermöglicht viel flexiblere Arbeitsformen.

VertiefungWie sich die Verhandlungsposition der Arbeitskräfte verbessert hat

Industriegesellschaft (Ford-Zeit): Wettbewerbsvorteile kamen vor allem von Maschinen und Anlagen. Arbeitskräfte waren leicht austauschbar, es gab ein Überangebot. Ihre Verhandlungsposition war schlecht: niedrige Löhne, schwere, monotone, oft gefährliche Arbeit.

Schrittweise verbesserte sich ihre Position durch Interessenvertretungen:

ZeitEntwicklung
Ende 19. Jh.Gewerkschaften (unternehmensübergreifend)
Anfang 20. Jh.betriebliche Mitbestimmung (Betriebsräte)
ab 1970er (u. a. Österreich, Deutschland)Unternehmensmitbestimmung, v. a. Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat

Diese Rechte auf Information und Mitbestimmung stärkten die Position bei Arbeitsbedingungen und beim Anteil an der Wertschöpfung. In der Informations- und Wissensgesellschaft kam dann die Knappheit von Wissen und Kreativität dazu.

New Work

New Work: die Neugestaltung von Arbeitsbeziehungen in der Informations- und Wissensgesellschaft. Der Begriff geht auf Studien der 1970er-Jahre zurück. Heute meint er zweierlei:

1die gewandelte Einstellung der Arbeitskräfte zu ihrer Arbeit
2neue, flexible Arbeitsformen infolge der Digitalisierung

Die neue Einstellung zur Arbeit:

Gehalt bleibt wichtig, aber Arbeit ist nicht mehr nur Broterwerb.
Statt Entfremdung wie am Fließband: Selbstbestimmtheit, Mitgestaltung, Flexibilität und Sinnhaftigkeit (Purpose), also das Gefühl, nachvollziehbar zu einem sinnvollen Zweck beizutragen.
Auch Aufstieg und Karriere sind oft weniger wichtig. Stattdessen zählen persönliche Weiterentwicklung und Lernmöglichkeiten sowie Freiräume für ein eigenes Startup oder soziales Engagement neben dem Job.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Work-Life-Balance gewinnen an Bedeutung.

Die neuen Arbeitsformen:

BegriffBedeutung
HomeofficeArbeit von einem fest eingerichteten Arbeitsplatz zuhause
Remote WorkArbeit von einem beliebigen Ort aus
Digitale NomadenExtremfall von Remote Work: völlig ortsungebunden (Zug, Café …)
Work-Life-BlendingArbeit und Privatleben sind zeitlich und räumlich nicht mehr klar getrennt
Coworking-SpacesArbeitsräume, die verschiedene Unternehmen flexibel nutzen
CrowdworkingArbeitsleistung wird über das Internet für klar definierte Aufgaben angeboten

Dazu kommt, dass viele Firmen fest zugeteilte Büros abschaffen und Plätze nach Bedarf vergeben, und dass Laptop und Smartphone beruflich und privat genutzt werden.

Prüfungsfalle: Work-Life-Blending heißt nicht, dass Arbeit durch einen besser gestalteten Arbeitsplatz produktiver wird. Es bedeutet das Verschwimmen von Arbeit und Freizeit. Und: Homeoffice = fixer Platz zuhause, Remote Work = irgendwo.

Schattenseiten:

Für Arbeitskräfte: mehr Flexibilität verlangt viel mehr Selbstkontrolle. Mögliche Folgen sind soziale Isolation, Stress bis Burnout (gefühlte ständige Erreichbarkeit, keine arbeitsfreien Phasen).
Für Arbeitgeber: Arbeit ist schwer kontrollierbar, der Informationsfluss leidet ohne persönliche Kommunikation, und es entsteht leicht ein Ungerechtigkeitsgefühl im Team, wenn jemand schwer erreichbar ist und Arbeit an anderen hängen bleibt.
Manche Firmen kontrollieren per Software. Ob das erlaubt ist, hängt vom Arbeitsrecht ab, das international sehr verschieden ist.

Personalentwicklung

Personalentwicklung: die Gestaltung der beruflichen und persönlichen Entwicklung des Personals. Beispiele: Weiterbildung innerhalb und außerhalb des Unternehmens, Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung, Förderung von Nachwuchsführungskräften, informelle Gruppen zu Austausch und Karriereplanung.

Ziele aus Unternehmenssicht:

traditionell: Fähigkeiten und Qualifikationen laufend auf Ziele und Bedarf der Organisation abstimmen
High Potentials fördern
Schlüsselqualifikationen (zentrale Kompetenzen) sichern
künftige Führungskräfte entwickeln

Wert für die Arbeitskräfte: Personalentwicklung zeigt von Anfang an eine Entwicklungsperspektive und stärkt so die Bindung. Das kann eine formelle Karriere (Aufstieg, mehr Gehalt) sein oder eine Entwicklung von Qualifikation und Persönlichkeit.

Win-win: Das Unternehmen lernt Talente und Persönlichkeit besser kennen und kann Tätigkeiten passender zuschneiden. So steigen Zufriedenheit, Motivation und Wertschöpfung gleichzeitig.

Wer ist zuständig? Personalentwicklung ist zuerst eine Führungsaufgabe: Jede Führungskraft ist für die Entwicklung ihrer Leute verantwortlich. Die Personalabteilung unterstützt mit Expertise (z. B. bei Mitarbeitergesprächen), entlastet Führungskräfte und bündelt und vereinheitlicht Maßnahmen.

Klassische Grundfunktionen einer Personalabteilung: Recruiting, Personalbetreuung, Compensation and Benefits und Personalentwicklung.

Prüfungsfalle: Personalentwicklung ist nicht allein Sache der Personalabteilung. Primär zuständig ist die jeweilige Führungskraft, die Personalabteilung unterstützt.

People Analytics

Personalcontrolling: Personalabteilungen haben schon immer Daten erhoben und für Entscheidungen aufbereitet: Personalkosten, Qualifikationen, Zufriedenheitsbefragungen, Krankenstände und Fehlzeiten, Fluktuation (Kündigungen), Austrittsgründe, dazu gesetzlich vorgeschriebene Daten wie Arbeitszeit und Urlaub.

People Analytics (HR Analytics): Auswertung der durch die Digitalisierung stark gewachsenen Personaldaten (digitale Personalakten, auch kombiniert mit Daten aus sozialen Netzwerken) für evidenzbasierte Entscheidungen.

Möglichkeiten:

Wirkung von Personalentwicklung oder neuen Gehaltssystemen auf Zufriedenheit und Verhalten messen
Eignung von Führungskräften über Kennzahlen ihres Teams beurteilen (Krankentage, Fluktuation, Zufriedenheit)
mit AI vorhersagen, wer bald kündigen könnte oder abgeworben zu werden droht
Zusammenhänge entdecken, etwa dass ein langer Arbeitsweg mit geringerer Leistung einhergeht, und Gegenmaßnahmen setzen (z. B. Umzugsprämie)

Grenze: Datenschutzauflagen legen fest, welche Daten unter welchen Bedingungen wie genutzt werden dürfen.

Leadership: Führung und Management

Führungskräfte sind einer der wichtigsten Faktoren für die Wertschöpfung einer Arbeitsbeziehung, für beide Seiten. Bekannter Spruch: Man verlässt nicht das Unternehmen, sondern die Führungskraft. Positiv können sie motivieren, inspirieren, Sinn geben und Vorbild (Role Model) sein.

Führung (Leadership)Management
Kerninspirieren, mitreißen, Visionen und Werte vorleben, Sinn und Orientierung gebenPlanung und Kontrolle, Koordination, Alltagsprobleme lösen
Merksatz„Doing the right things"„Doing things right"

Sensemaking und Sensegiving: Sinn in der Arbeit erkennen und vermitteln. Gehört zur Führung.

Transformationale Führung: Die Führungskraft verändert (transformiert) die Geführten, inspiriert sie und wandelt ihre Sichtweisen, Werte und Einstellungen. Verwandt ist die charismatische Führung. Sie spricht eher die intrinsische Motivation an.

Transaktionale Führung: Die Führungskraft delegiert Aufgaben, gibt Ziele vor, kontrolliert, bewertet und belohnt die Zielerreichung und gibt Feedback. Sie motiviert eher extrinsisch.

Früher sah man beide als Gegensätze und Führungskräfte entweder als eher transformational oder transaktional.
Heute gelten sie als komplementär, also einander ergänzend.
Zudem ist je nach Situation ein anderer Stil wirksam: In Verkauf oder Produktion wünschen sich viele klar kommunizierte Zahlenziele. In kreativen Prozessen ist wichtig, dass Führungskräfte inspirieren und vorleben, wie künstlerische Werte und wirtschaftliche Ziele (Umsatz, Kundenzufriedenheit) zusammenpassen.

Prüfungsfalle: Transformationale und transaktionale Führung gelten heute nicht mehr als Gegensätze, sondern als Ergänzung. Und: transaktional = Ziele, Kontrolle, Belohnung (extrinsisch), transformational = inspirieren, Werte verändern (intrinsisch).

Typische Probleme in der Praxis:

Führungskräfte sind oft so mit Managementaufgaben belastet, dass kaum Zeit für echte Führung bleibt.
Oft fehlt die Schulung der Führungskompetenz, weil Karrieren eher über fachliche Kompetenz laufen.
Folgen fehlender Führung: Orientierungslosigkeit, Rollenunklarheit und Rollenkonflikte, schließlich Mobbing, Burnout und hohe Fluktuation.
VertiefungFazit: Was Wert in Arbeitsbeziehungen schafft

Ein sicherer Job und Geld decken nach der Maslow'schen Bedürfnispyramide nur die Grund- und Sicherheitsbedürfnisse. Wert entsteht darüber hinaus durch:

soziale Beziehungen und soziale Anerkennung
Lernen und Persönlichkeitsentwicklung
das Bewusstsein, in einem verantwortungsvollen, umweltbewussten Unternehmen etwas beizutragen
Selbstverwirklichung und Sinnfindung

Personal, das sich wertgeschätzt fühlt und die Arbeit als sinnstiftend erlebt, bringt umgekehrt hohe Motivation, Kreativität und Loyalität auch in schwierigen Zeiten. Die Kunst: die Arbeitsbeziehung auf Basis der persönlichen Präferenzen so gestalten, dass die Arbeitskraft sie als wertvoll erlebt (Arbeitnehmerrente) und optimal zur Wertschöpfung beitragen kann und will (Produzentenrente).

Checkliste: Das musst du können

Ich kann Taylorismus, Fordismus und Entfremdung erklären und sagen, warum die Hawthorne-Studien als Wendepunkt gelten.
Ich kann den Hawthorne-Effekt korrekt beschreiben und von „Geld motiviert nicht" abgrenzen.
Ich kann die drei Kernaufgaben der Personalperspektive nennen und den Begriff Arbeitnehmerrente erklären.
Ich kann die Anreiz-Beitrags-Theorie (Barnard, March, Simon) und die Equity-Theorie erklären und Beispiele für Beiträge und Anreize nennen.
Ich kann Arbeitsmotivation und Arbeitszufriedenheit sowie extrinsische und intrinsische Motivation sicher unterscheiden.
Ich kann Self-Selection-Effekt, Multitask-Problem, „You get what you measure" und Crowding-out erklären und richtig einordnen.
Ich kann Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie erklären und jeden Faktor als Hygienefaktor oder Motivator zuordnen.
Ich kann Arbeitsteilung, Interdependenz und Koordination erklären und Aufbau- von Ablauforganisation unterscheiden.
Ich kann Organigramm, Direct Reports, flache Hierarchie, Linien- und Matrixorganisation sowie U-Form und M-Form (inkl. P&L-Verantwortung und regionaler Gliederung) erklären.
Ich kann die zwei Innovationswege (funktional vs. agil mit Squads, Tribes, Chapters, Guilds) und die Elemente und Zwecke des Organisationsdesigns beschreiben.
Ich kann Recruiting, Fit, Headhunting, Active Sourcing, Initiativbewerbung, Onboarding, Arbeitsvertrag und Compensation and Benefits erklären.
Ich kann New Work (Homeoffice, Remote Work, Work-Life-Blending, Crowdworking), Personalentwicklung, People Analytics sowie transformationale und transaktionale Führung erklären.

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