BWL · Kapitel 3/13

Strategische Perspektive

Betriebswirtschaft40 Min. LesezeitRelevanz ★★★

1 Was Strategie bedeutet ★★

Bevor es um Märkte und Ressourcen geht, brauchst du ein klares Bild davon, was eine Strategie ist. Und davon, warum Strategie in der BWL nicht einfach „ich gewinne, du verlierst“ heißt.

Der Strategiebegriff

Strategie: ein Leitplan, um ein Ziel zu erreichen, abgeleitet aus einer sorgfältigen Analyse der Lage, der eigenen Stärken und Schwächen, jener der Rivalen und der eigenen Ziele. Dieser Leitplan wird durch konkrete Maßnahmen umgesetzt (implementiert).

Typisch für Strategien: Der eigene Erfolg hängt davon ab, was andere tun. Und diese anderen verfolgen meist selbst eine Strategie. Die Kunst besteht darin, die eigenen Stärken möglichst gut zur Geltung zu bringen und die Schwächen der Rivalen auszunutzen. Der Rivale denkt natürlich genauso.

Eine Strategie entsteht typischerweise in drei Schritten:

1Analyse: eigene Stärken und Schwächen, die der Gegenseite, die Situation und die Handlungsmöglichkeiten.
2Leitplan (Policy): die grobe Linie, wie man das Ziel erreichen will.
3Konkrete Maßnahmen: Der Leitplan wird in geplante Schritte übersetzt und umgesetzt.

Einfach erklärt: Zwei Foodtrucks stehen auf demselben Platz. Truck A ist schnell und günstig, Truck B kocht aufwendig. A plant: „Wir holen alle, die nur zehn Minuten Mittagspause haben.“ B plant: „Wir holen die, die sich Zeit nehmen und gern mehr zahlen.“ Beide fragen sich, was sie selbst gut können und was der andere nicht kann.

Geplante und emergente Strategie

Bei der Umsetzung passiert immer etwas Unerwartetes. Deshalb wird der Leitplan laufend an neue Situationen und Informationen angepasst, manchmal schrittweise, manchmal mit einer echten Neuausrichtung.

Geplante Strategie: der ursprünglich ausgearbeitete Plan.
Emergente Strategie: die tatsächlich umgesetzte Strategie. Sie ist das Ergebnis aus dem ursprünglichen Plan und vielen kleineren oder größeren Anpassungen während der Umsetzung.

Die Schwierigkeit ist die Balance: konsequent dranbleiben, auch bei Hindernissen und Gegenwind, aber nicht stur. Umgekehrt darf man den Plan nicht beim ersten Problem hektisch komplett umwerfen.

Prüfungsfalle: Eine emergente Strategie ist nicht „Strategie ohne Plan“ und auch kein Zeichen schlechter Planung. Sie entsteht aus einem Plan, der während der Umsetzung angepasst wurde. Das ist bei Strategien ganz normal.

Nullsummenspiel oder gemeinsame Wertschaffung?

Nullsummenspiel: eine Situation, in der kein neuer Wert entsteht. Geld wird nach Spielregeln nur umverteilt, was die einen gewinnen, verlieren die anderen (z. B. Lotto, Casino).

Lange wurde Strategie auch in der BWL so verstanden: als bester Weg, sich auf Kosten der Konkurrenz durchzusetzen. Diese Sicht hat noch eine gewisse Bedeutung, weil sich Unternehmen im Wettbewerb behaupten müssen.

Aus Sicht der innovationsorientierten BWL ist Wirtschaften aber kein Nullsummenspiel. Ziel ist die gemeinsame Wertschaffung für die Stakeholder. Strategien dienen also nicht in erster Linie dazu, auf Kosten anderer zu gewinnen, sondern dazu, gemeinsam zu gewinnen. Theorien des strategischen Managements erklären, wie Organisationen nachhaltig Wert für ihre Stakeholder schaffen, und leiten daraus Gestaltungsempfehlungen für wertschaffende Strategien ab.

Prüfungsfalle: „Betriebswirtschaftliche Strategien dienen vor allem dazu, auf Kosten der Konkurrenz zu gewinnen“ ist die alte Sicht. In der innovationsorientierten BWL steht die gemeinsame Wertschaffung für Stakeholder im Mittelpunkt. Wettbewerb spielt trotzdem weiter eine Rolle.

Billiger oder besser: zwei Grundmuster

Zwei klassische Wege zu einem Wettbewerbsvorteil:

InnovationStrategieWie entsteht Wert?
Prozessinnovation (neues Herstellungsverfahren)Kostenführerschaftgleich gutes Produkt, aber niemand kann es so billig herstellen
Produktinnovation (neues Produkt, Pionier)Differenzierung (Qualitätsführerschaft)Produkt ist anders oder besser, Kundschaft zahlt mehr

Historische Paradebeispiele: Henry Fords Fließband-Auto (Kostenführerschaft) und Red Bull, der Energydrink-Pionier, der heute vor allem von seiner Marke lebt (Differenzierung).

Prüfungsfalle: Kostenführerschaft heißt nicht „schlechteres Produkt“. Das Produkt kann genauso gut sein wie bei der Konkurrenz, nur kann es niemand so günstig herstellen. Und Differenzierungsstrategie = Qualitätsführerstrategie: zwei Namen für dasselbe.

Wettbewerbsvorteile halten nicht ewig

Schon Schumpeter hat erkannt: Mit einer Innovation schafft man nur eine begrenzte Zeit lang zusätzlichen Wert. Irgendwann kommen Nachahmer, die es genauso gut oder sogar besser können. Wettbewerbsvorteile müssen daher immer wieder neu durch Innovation errungen werden.

Einfach erklärt: Die erste Bubble-Tea-Bar der Stadt hat monatelang lange Schlangen. Zwei Jahre später gibt es fünf davon. Wer vorne bleiben will, braucht neue Ideen oder eine Marke, die die Leute lieben.

VertiefungDie zwei Grundmuster genauer

Kostenführerschaft durch Prozessinnovation: Ein neues Verfahren (etwa Zerlegung der Herstellung in standardisierte Einzelschritte, starke Arbeitsteilung, Fließband) senkt die Kosten dauerhaft unter die der Konkurrenz. Das Produkt bietet technisch nicht mehr Nutzen als andere, aber der niedrige Preis schafft Konsumentenrente. Liegt der Preis noch über den Kosten, entsteht zusätzlich Produzentenrente.

Differenzierung durch Produktinnovation: Wer als Erster ein neues Produkt anbietet (Pionier, First Mover), hat zunächst ein Alleinstellungsmerkmal (USP). Viele kaufen trotz hohem Preis, weil ihnen das Produkt mehr wert ist. Kommen Nachahmer, kann der Vorteil in einer starken, positiv wahrgenommenen Marke weiterleben (innovatives Marketing).

Doppelte Erklärung: Beide Erfolge kann man aus Marktsicht erklären (billiger bzw. anders als die Konkurrenz) und aus Ressourcensicht (Anlagen und Prozess-Knowhow bzw. Marke und Marketingkompetenz, die andere nicht haben). Genau diese zwei Blickwinkel sind die zwei großen Strategietheorien weiter unten.

Warum der Kostenführer den Preiskampf gewinnt: Wer dauerhaft die niedrigsten Produktionskosten hat, gewinnt jeden Preiswettbewerb. Kein Konkurrent kann das Produkt auf Dauer billiger anbieten, ohne Verluste zu machen.

Gedankenexperiment: Ein Fahrradverleih kann ein Rad dank eigener Werkstatt um 6 € pro Tag bereitstellen, die Konkurrenz braucht 9 €. Verlangt der Verleih 8 €, verdient er noch 2 € pro Rad und Tag. Die Konkurrenz müsste mit dem Preis unter 9 € gehen und würde Verluste schreiben.

Was danach passiert: Solange niemand das günstige Verfahren nachmachen kann, hält der Vorteil. Sobald Nachahmer genauso günstig arbeiten und vielleicht noch ein moderneres Angebot haben, schrumpft er. Darum muss auch ein Kostenführer seine Prozesse ständig weiterentwickeln.

Bei der Marke ist es ähnlich: Am Anfang trägt das neue Produkt selbst den Vorteil. Später, wenn es viele ähnliche Produkte gibt, trägt ihn vor allem die Marke, die über Jahre mit viel Marketing aufgebaut wurde. Worin der Zusatznutzen einer Marke genau besteht, ist oft schwer zu sagen. Entscheidend ist, dass viele trotz höherem Preis kaufen.

2 Wettbewerbsvorteile und unvollkommene Märkte ★★★

Die Strategielehre (Strategic Management Theory) fragt: Wie gelingt es Unternehmen, auf Dauer erfolgreich zu sein, also Wert für ihre Stakeholder zu schaffen? Und warum gelingt das manchen besser als anderen? Das ist eine der grundlegendsten Fragen der ganzen BWL.

Die klassische Antwort: Wettbewerbsvorteile

Wettbewerbsvorteil: ein Vorsprung gegenüber der Konkurrenz, der einem Unternehmen dauerhaft ermöglicht, Wert für seine Stakeholder zu schaffen.

Die Strategielehre erklärt im Kern, woher Wettbewerbsvorteile kommen, und gibt daraus Empfehlungen, wie man sie erlangt. Dafür gibt es zwei grundlegende Ansätze:

Market-based ViewResource-based View
Vorteil durch …attraktives Marktumfeldbesondere Ressourcen
genutzte UnvollkommenheitAbsatzmärkte (Produktmärkte, Branchen)Faktormärkte (Beschaffungsmärkte)
BegründungMichael Porter (1980)Edith Penrose (1959), modern Jay Barney
WerkzeugFive ForcesVRIO

Kernsatz: Eine betriebswirtschaftliche Strategie bedeutet immer das gezielte Ausnutzen von Marktunvollkommenheiten. Der marktbasierte Ansatz schaut dabei auf die Absatzseite, der ressourcenbasierte auf die Beschaffungsseite.

Prüfungsfalle: Nicht vertauschen! Market-based View = Absatzmärkte (wo ich verkaufe). Resource-based View = Faktormärkte (wo ich Personal, Knowhow, Rohstoffe beziehe). Dass im Namen „Market“ steht, heißt nicht, dass der RBV keine Märkte betrachtet.

Vollkommene Konkurrenz als Vergleichsmaßstab

Um beide Ansätze zu verstehen, hilft ein Begriff aus der Mikroökonomie. Vollkommene Konkurrenz ist eine Art Idealform eines Marktes und hat zwei Bedingungen:

1Polypol auf beiden Seiten: sehr viele Anbieter und sehr viele Nachfrager.
2Vollkommener Markt:
–Homogenes Gut: Alle angebotenen Exemplare sind gleich (Qualität, Gestaltung, Geschmack, Verpackung …).
–Rationales Verhalten: Alle entscheiden rational, z. B. kauft man lieber zum niedrigeren Preis.
–Vollkommene Markttransparenz und keine Transaktionskosten: Alle wissen alles (wer bietet wozu an, also keine Suchkosten), Vertragsabschluss, Lieferung und Zahlung kosten nichts, beide Seiten erfüllen sicher, und geliefert wird sofort.

Zwei Folgen vollkommener Konkurrenz:

Es gibt einen eindeutigen Marktpreis (Gleichgewichtspreis), zu dem man beliebig viel kaufen und verkaufen kann. Dann ist der Wert des Gutes genau sein Marktpreis, egal wie sehr man es persönlich schätzt.
Die Gewinne der Anbieter gehen gegen null. Bietet einer etwas billiger an, wandert die gesamte Nachfrage zu ihm, die anderen müssen nachziehen. Das geht so lange, bis (fast) kein Gewinn mehr übrig bleibt.

Wert und Preis sind normalerweise verschieden: Wer kauft, schätzt das Gut meist höher als den Preis (sonst würde er nicht kaufen). Wer verkauft, schätzt es meist niedriger als den Preis. Der Preis ist also nur ein grober Anhaltspunkt für den Wert. Nur bei vollkommener Konkurrenz fallen beide zusammen.

Einfach erklärt: Du suchst ein genau bestimmtes Ladekabel und vergleichst im Internet 40 Händler mit identischem Produkt. Du nimmst das billigste. Das kommt vollkommener Konkurrenz ziemlich nahe: super für dich, sehr unangenehm für die Händler.

Für Kundinnen und Kunden ist vollkommene Konkurrenz ideal (niedrige Preise). Für Unternehmen ist sie sehr unattraktiv: Der Druck, Kosten und Preise zu senken, ist maximal, die Gewinne sind minimal. Je intensiver der Wettbewerb, desto geringer die Gewinne, und desto schwerer ist es, zusätzlich Wert für die eigenen Stakeholder zu schaffen.

Prüfungsfalle: „Der Wert eines Gutes entspricht seinem Preis“ gilt nur bei vollkommener Konkurrenz. Sonst liegt der Wert für Käufer meist über dem Preis, für Verkäufer meist darunter.

Die Grundidee des marktbasierten Ansatzes

Der marktbasierte Ansatz folgt dem Structure-Conduct-Performance-Paradigma: Die Struktur eines Produktmarkts („Wie vollkommen ist der Markt?“) beeinflusst das Verhalten der Unternehmen dort, und dieses bestimmt ihre Performance (Erfolg).

Wettbewerbsvorteile entstehen, wenn Unternehmen Unvollkommenheiten auf Produktmärkten nutzen.
Der Idealfall aus Unternehmenssicht: auf Dauer einziger Anbieter sein (Monopol).
Nahezu vollkommene Produktmärkte sind unbedingt zu meiden. Ausnahme: Man hat eine Prozessinnovation und kann billiger produzieren als alle anderen.

Die Grundidee des ressourcenbasierten Ansatzes

Produktionsfaktoren: Ressourcen, die ein Unternehmen im Produktionsprozess einsetzt, z. B. Personal, Knowhow, Rohstoffe. Faktormärkte (Factor Markets) sind die Märkte, auf denen man sie bezieht, z. B. Arbeitsmärkte oder Rohstoffmärkte.

Werden alle Produktionsfaktoren auf vollkommenen Märkten gehandelt, hat jedes Unternehmen gegen Bezahlung des Marktpreises gleichen Zugang. Dann hätte niemand einen Vorteil, Gewinne und Wertschaffung wären kaum möglich.
Ein Wettbewerbsvorteil entsteht, wenn ein Unternehmen als einziges über bestimmte wertvolle Ressourcen verfügt (Technologien, Fähigkeiten, Grundstücke, Gebäude) oder andere sie zumindest nicht so leicht beschaffen können.

Beide Ansätze ergänzen sich: Für einzigartige Produkte braucht man meist einzigartige Ressourcen. Und Ressourcen sind gerade dann besonders wertvoll, wenn sie zu einem einzigartigen Kundenwert beitragen.

VertiefungWie die Gewinne bei vollkommener Konkurrenz verschwinden

Stell dir zehn Stände vor, die auf einem Markt dieselben Äpfel in derselben Qualität verkaufen. Alle Kundinnen sehen sofort alle Preise, Wechseln kostet nichts.

1Alle verlangen 3 € pro Kilo, die Kosten liegen bei 2 €.
2Ein Stand senkt auf 2,80 €. Weil alle rational sind und alles sehen, kaufen plötzlich alle dort.
3Die anderen neun müssen nachziehen, sonst verkaufen sie nichts. Der nächste geht auf 2,60 €.
4Das Spiel läuft weiter, bis der Preis fast bei den Kosten von 2 € liegt.

Ergebnis: Der Gewinn pro Kilo geht gegen null. Die Konsumentenrente wird größer, die Produzentenrente kleiner. Genau deshalb versuchen Unternehmen, solche Märkte zu meiden oder sich von ihnen abzuheben.

Warum ist das für die BWL trotzdem wichtig? Der vollkommene Markt dient als Referenzpunkt: Er zeigt, warum gerade die Unvollkommenheit von Märkten der Ausgangspunkt für unternehmerische Wertschaffung ist.

3 Market-based View: Ist der Markt attraktiv? ★★★

Der marktbasierte Ansatz geht auf Michael Porter zurück, Professor an der Harvard Business School (1980). Grundidee: Wettbewerbsvorteile und langfristiger Erfolg erklären sich durch die Attraktivität der Branche bzw. des Marktes, in dem ein Unternehmen tätig ist.

Branche und Markt

Branche: alle Unternehmen, die eine bestimmte Art von Produkten herstellen, z. B. Automobil- oder Lebensmittelbranche. Manchmal sagt man auch „Industrie“ (vom englischen industry).

Markt: wird oft ähnlich wie „Branche“ verwendet, oft aber enger, z. B. der Markt für E-Bikes innerhalb der Fahrradbranche.

Wenn im Market-based View von Märkten die Rede ist, sind fast immer die Absatzmärkte (Produktmärkte) des Unternehmens gemeint. Je vollkommener die Konkurrenz dort, desto kleiner die Wertschaffungsmöglichkeiten und die Produzentenrente.

Porters zwei Schritte

1Den relevanten Markt analysieren: Ist der Markt überhaupt attraktiv? Werkzeug: die Five Forces.
2Eine Wettbewerbsstrategie formulieren: festlegen, was das Unternehmen tun will und vor allem auch, was es nicht tun will. Strategie heißt also, Strategic Trade-offs festzulegen: Welche Kundengruppen spreche ich an, welche nicht? Will ich besser oder billiger sein als die Konkurrenz? Dafür gibt es drei generische Strategien (Kostenführerschaft, Differenzierung, Fokus).

Die Five Forces

Porter leitet aus der Idee, dass vollkommene Konkurrenz für Anbieter unattraktiv ist, fünf Kräfte ab, mit denen man die Attraktivität eines Marktes prüft:

KraftMarkt ist attraktiv, wenn …
1 Rivalität unter bestehenden Unternehmen (Wettbewerbsintensität)wenige Konkurrenten oder das eigene Produkt sich deutlich abhebt
2 Bedrohung durch neue AnbieterMarkteintrittsbarrieren Neue fernhalten
3 Bedrohung durch Ersatzprodukte (ähnliche Produkte)es kaum Alternativen gibt
4 Verhandlungsstärke der Zuliefererman zwischen vielen Zulieferern wählen kann (Zulieferer schwach)
5 Verhandlungsstärke der AbnehmerAbnehmer auf das Produkt angewiesen sind (Abnehmer schwach)

Rückwärtsintegration: Ein Unternehmen übernimmt eine vorgelagerte Stufe selbst, stellt also z. B. ein Vorprodukt selbst her, statt es zu kaufen. Damit macht man sich von einem mächtigen Zulieferer unabhängig. Umgekehrt sind Abnehmer stark, wenn sie leicht wechseln oder das Produkt selbst herstellen könnten.

Prüfungsfalle: Hohe Verhandlungsstärke der Zulieferer oder der Abnehmer macht einen Markt unattraktiv, nicht attraktiv. Attraktiv ist ein Markt, wenn beide Seiten schwach sind.

Zwei Seiten derselben Medaille: Hohe Konkurrenz ist für Konsumentinnen und Konsumenten erwünscht. Ihre Verhandlungsmacht steigt, die Preise nähern sich den Kosten. Die Produzentenrente wird kleiner, die Konsumentenrente größer.

VertiefungDie fünf Kräfte im Detail

Zu 1 – Rivalität: Hoch ist sie, wenn viele Anbieter sehr ähnliche Produkte verkaufen und man selbst nichts deutlich anderes bieten kann. Ein insgesamt stark wachsender Markt kann das entschärfen, weil dann noch Platz für weitere Angebote ist.

Zu 2 und 3 – Neue Anbieter und Ersatzprodukte: Für Kundinnen sind sie gut, für die bestehenden Unternehmen eine Bedrohung. Neue Konkurrenz und ähnliche Produkte drücken Preise und Absatz.

Zu 4 – Zulieferer: Wer von einem einzigen Zulieferer abhängt (etwa von einem Bauteil, das nur eine Firma liefern kann und das nicht ersetzbar ist), muss damit rechnen, dass dieser seine Macht nutzt und die Preise massiv erhöht. Ausweg: zwischen vielen Zulieferern wählen können oder das Knowhow aufbauen, um das Teil selbst herzustellen (Rückwärtsintegration).

Zu 5 – Abnehmer: Hier ist es genau umgekehrt. Aus Sicht des Zulieferers ist es gut, wenn die Abnehmer auf ihn angewiesen sind und nicht leicht zu anderen Anbietern wechseln, auf andere Produkte umsteigen oder das Produkt selbst herstellen können. Dann können sie auch keine Preissenkungen durchdrücken.

Einfach erklärt: Du willst in deiner Straße ein Kaffeehaus eröffnen. Fünf andere gibt es schon (Rivalität), ein Bäcker plant Coffee-to-go (neuer Anbieter), viele trinken Energydrinks im Büro (Ersatzprodukt), es gibt nur einen Röster in der Gegend (Zulieferer stark), und die Gäste können jederzeit ins nächste Lokal gehen (Abnehmer stark). Sieht nach einem eher unattraktiven Markt aus.

Markteintrittsbarrieren

Markteintrittsbarriere: alles, was neuen Unternehmen den Eintritt in einen Markt erschwert. Selbst eine attraktive Branche ist für Neue schwierig, wenn solche Barrieren existieren.

Typische Barrieren:

Patente, die man für das Produkt bräuchte
Zugang zu Vertriebswegen oder Partnern, die mit Neuen nicht kooperieren wollen
Economies of Scale der Etablierten: Wer schon in großen Mengen produziert, hat niedrigere Stückkosten. Ein Neuer muss klein anfangen und hat kostenmäßig schlechte Karten.

Incumbents (die schon im Markt sind) finden Barrieren erstrebenswert, weil sie neue Konkurrenz fernhalten. Für Neueinsteiger sind sie ein Problem.

Prüfungsfalle: Hohe Economies of Scale der etablierten Unternehmen sind eine typische Markteintrittsbarriere. Aus Sicht der Incumbents ist das ein Vorteil, aus Sicht eines Neueinsteigers ein Hindernis.

VertiefungWas Patente schützen und was nicht

Ein ganzes Produkt (z. B. „das Smartphone“) kann man nicht patentieren. Das wäre gesamtwirtschaftlich auch nicht sinnvoll: Ein einziges Unternehmen hätte ein Monopol, es gäbe keine Konkurrenz und vermutlich extrem hohe Preise.

Patentieren kann man aber einzelne Technologien, z. B. ein neues Bedienkonzept oder ein bestimmtes Material. Andere Unternehmen können dann eigene technische Lösungen mit der gleichen Funktion entwickeln. Ein Patent ist also eine Barriere, aber selten eine vollständige.

PESTEL-Analyse: das größere Umfeld

Die Five Forces sind einfach und praxistauglich, lassen aber die makroökonomischen Rahmenbedingungen weg. Gerade im internationalen Management sind diese wichtig, etwa wenn ein Unternehmen in einem anderen Land verkaufen oder produzieren will. Dafür gibt es die PESTEL-Analyse, die ursprünglich auf Aguilar (1967, ebenfalls Harvard) zurückgeht und seither stark weiterentwickelt wurde.

BuchstabeFaktorBeispiele
PPoliticalStabilität der Regierung, Korruption, politisches System
EEconomicEinkommensverteilung, Kaufkraft
SSocio-culturalWerthaltungen, Konsumgewohnheiten
TTechnologicaltechnische Entwicklungen, Infrastruktur
EEcologicalUmweltschutz, Umweltauflagen
LLegalArbeitsrecht, Rechtssicherheit

Prüfungsfalle: Five Forces = Analyse der Branche (Wettbewerbskräfte). PESTEL = Analyse des Makro-Umfelds in einem Land (Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Technik, Umwelt, Recht). PESTEL ergänzt die Five Forces genau dort, wo diese blind sind.

4 Porters Wettbewerbsstrategien ★★★

Im zweiten Schritt wählt das Unternehmen eine der drei generischen Strategien (Musterstrategien). Hier wird besonders gern nach Zuordnungen gefragt: Was gehört zu Kostenführerschaft, was zu Differenzierung?

Die drei generischen Strategien im Überblick

StrategieKernideeWoher der Vorteil kommt
Kostenführerschaftbilliger produzieren als alle Konkurrenten der BrancheLerneffekte, Economies of Scale, Prozessinnovation, Lieferantenbeziehungen
Differenzierung (= Qualitätsführerschaft)Produkt hebt sich durch Zusatznutzen ab, höherer PreisQualität, Service, Marke, Design, Nutzerfreundlichkeit
Fokus (Nische)Konzentration auf ein Marktsegmentspezielle Kundengruppe oder Region

Kostenführerschaft

Kostenführerstrategie: Das Unternehmen will innerhalb seiner Branche die Produkte zu geringeren Kosten als alle Konkurrenten herstellen.

Wege dorthin:

Lerneffekte: Wer schon mehr produziert hat, hat mehr Erfahrung und arbeitet effizienter.
Economies of Scale (Größeneffekte): Bei größeren Mengen sinken die Kosten pro Stück.
Fixkostendegression: Kosten, die unabhängig von der Stückzahl anfallen (Halle, Maschinen), verteilen sich auf mehr Stück. Die Investition in die Maschine „lohnt sich mehr“, je mehr darauf produziert wird.
Prozessinnovationen (neue Fertigungstechnologie): ein besonders wichtiger Weg zur Kostenführerschaft.
Gute Lieferantenbeziehungen und Kooperationen.

Typische Kostenführer: Billigairlines, Diskont-Fitnessketten, Lebensmitteldiskonter, große Fast-Food-Ketten.

FormelStückkosten und Fixkostendegression
k=Kfx+kv

In Worten: Die Kosten pro Stück sind der Fixkosten-Anteil pro Stück plus die variablen Kosten pro Stück. Je mehr Stück, desto kleiner der Fixkosten-Anteil.

k = Stückkosten (Kosten pro Stück)Kf = Fixkosten (fallen unabhängig von der Menge an)x = produzierte Mengekv = variable Kosten pro Stück
Beispiel ansehen

Eine Bäckerei kauft einen Ofen, der im Jahr 20.000 € Fixkosten verursacht. Mehl, Energie und Zutaten kosten 0,50 € pro Brot.

1Bei 10.000 Broten: k=20.00010.000+0,50=2+0,50=2,50 €
2Bei 40.000 Broten: k=20.00040.000+0,50=0,50+0,50=1,00 €

Ergebnis: Die vierfache Menge senkt die Stückkosten von 2,50 € auf 1,00 €. Das ist Fixkostendegression, ein Grund für Economies of Scale.

Schutz, aber nicht ewig: Dauerhaft niedrigere Kosten sind eine Markteintrittsbarriere. Aber weder Economies of Scale noch bessere Fertigungstechnik schützen auf Dauer: Konkurrenten können auch wachsen, und Technologien sind nur halbwegs sicher vor Nachahmung, wenn man sie ständig weiterentwickelt.

Prüfungsfalle: Das Ausnutzen von Economies of Scale und Lerneffekten ist typisch für die Kostenführerstrategie, nicht für die Differenzierungsstrategie.

Differenzierung (Qualitätsführerschaft)

Differenzierungsstrategie: Das Unternehmen hebt seine Produkte durch besondere Eigenschaften mit zusätzlichem Kundennutzen von der Konkurrenz ab und verlangt dafür einen höheren Preis.

Möglich durch bessere Produktqualität, überlegenen Service, ein besonderes Markenimage, aber auch Design, Nutzerfreundlichkeit oder umweltverträgliche Inhaltsstoffe.
Entscheidend ist, dass das Produkt als besonders wahrgenommen wird. So entsteht zusätzliche Konsumentenrente, die einen höheren Preis rechtfertigt.
Das Unternehmen entzieht sich so ein Stück weit dem Preiswettbewerb, weil sein Produkt nicht als gleichwertig (homogen), sondern als höherwertig gesehen wird.
Marketing spielt eine zentrale Rolle: Es beschäftigt sich genau damit, wie man Produkte von anderen abhebt.

Ein rein technischer Vorsprung lässt sich oft schnell kopieren. Als die ersten modernen Smartphones auf den Markt kamen, boten Konkurrenten sehr bald ähnlich hochwertige Geräte an. Deshalb differenziert man selten nur über Technik, sondern zusätzlich über Design, Bedienung, Marke usw.

Prüfungsfalle: „Bei Differenzierung ist Marketing weniger wichtig als bei Kostenführerschaft“ ist falsch. Gerade bei der Differenzierung ist Marketing zentral, weil das Produkt als anders und höherwertig wahrgenommen werden muss.

Fokus- bzw. Nischenstrategie

Fokusstrategie: Konzentration auf ein bestimmtes Marktsegment (eine Nische).

Die Nische kann eine Kundengruppe mit speziellen Wünschen sein (z. B. Sportnahrung nur für Kletterinnen, vegane Hundekekse) oder eine Region (z. B. ein Limonadenhersteller, der fast nur im eigenen Bundesland bekannt ist).
Innerhalb der Nische wählt man wieder zwischen Differenzierung und Kostenführerschaft: die exklusive vegane Hundekeks-Manufaktur oder die günstigste vegane Hundekeks-Marke.
Nischenprodukte können später zum Massenprodukt werden, wenn sie plötzlich in Mode kommen.

Business- und Corporate-Ebene, Stuck in the Middle

Business(-Level) Strategy (Geschäftsfeldstrategie): die Strategie für ein bestimmtes Produkt auf einem bestimmten Markt. Die drei generischen Strategien sind Business-Level-Strategien.

Corporate Strategy: die Strategie für das Gesamtunternehmen.

Stuck in the Middle: Grundsatz des marktbasierten Ansatzes. Auf Business-Ebene muss man sich klar für eine generische Strategie entscheiden. Wer „ein bisschen von beidem“ sein will, gerät zwischen die Stühle: Niemand kann in allem exzellent sein.

Auf Corporate-Ebene dürfen Unternehmen aber verschiedene Strategietypen kombinieren, jeweils in getrennten Geschäftsfeldern.

Einfach erklärt: Eine Hotelgruppe betreibt eine Budget-Kette mit Self-Check-in (Kostenführerschaft), eine Premium-Marke mit Spa und Top-Service (Differenzierung) und ein paar Berghütten-Chalets für Skitourengeher (Fokus). Jede Marke hat eine klare Linie, der Konzern als Ganzes kombiniert alle drei.

Prüfungsfalle: „Stuck in the Middle“ gilt für die Business-Ebene (ein Produkt, ein Markt). Ein Konzern kann sehr wohl in einem Geschäftsfeld Kostenführer und in einem anderen Differenzierer sein.

5 Resource-based View, VRIO und SWOT ★★★

Der ressourcenbasierte Ansatz schaut nicht auf den Absatzmarkt, sondern ins Unternehmen hinein: Welche besonderen Ressourcen hat es, die andere nicht einfach kaufen können?

Unternehmen als Bündel von Ressourcen

Der Ansatz geht auf die Wirtschaftswissenschaftlerin Edith Penrose zurück. In ihrer Pionierarbeit „The Theory of the Growth of the Firm“ (1959) beschrieb sie Unternehmen als Bündel von Ressourcen:

materielle Ressourcen: Gebäude, Maschinen
immaterielle Ressourcen: Knowhow, Kompetenzen, ein bekannter Markenname

Der RBV erklärt Wettbewerbsvorteile dadurch, dass ein Unternehmen Zugang zu besonders attraktiven Ressourcen hat, die sich andere nicht so einfach auf Beschaffungsmärkten zukaufen können.

So wie der MBV mit den Five Forces Kriterien für attraktive Märkte hat, hat der RBV Kriterien für attraktive Ressourcen.

Das VRIO-Konzept nach Jay Barney

VRIO: Konzept von Jay Barney, das die Fähigkeit einer Ressource, einen Wettbewerbsvorteil zu schaffen, auf vier Eigenschaften zurückführt.

BuchstabeBedeutungBeispiel (Fahrradverleih)
V – Valuablewertvoll: schafft Kundennutzen oder senkt Kosteneigene Werkstatt senkt Reparaturkosten
R – Rareselten: steht anderen nicht zur Verfügungeinziger Standort direkt am Donauradweg
I – Inimitableschwer nachzuahmenjahrelang aufgebaute Stammkundschaft und Ruf
O – Organizationin eine passende Organisation eingebettetWerkstatt, Buchungssystem und Personal greifen ineinander

Erläuterungen:

Valuable: z. B. eine positiv wahrgenommene Marke (Produkt wirkt wertvoller) oder Produktions-Knowhow (spart Kosten oder ermöglicht höhere Qualität).
Rare: Eine Marke, die so wertvoll ist wie die eines Marktführers, ist extrem selten, auch wenn es andere bekannte Marken gibt.
Inimitable: Eine starke Marke nachzubauen dauert lange und kostet viel, ist aber nicht unmöglich. Eine Marke ist also nicht völlig „inimitable“. Eine technisch brandneue Erfindung kann umgekehrt trotz hoher Neuheit leicht nachgebaut werden.
Organization: Knowhow kann wertvoll, selten und kurzfristig schwer kopierbar sein. Zum Wettbewerbsvorteil wird es aber erst in einer funktionierenden Organisation, die es mit Maschinen, Arbeitskräften und Prozessen kombiniert.

Strategische Ressourcen: Ressourcen, die alle vier VRIO-Eigenschaften besitzen.

Prüfungsfalle: Hat eine Ressource VRIO-Eigenschaften, ist ihr Beschaffungsmarkt gerade nicht vollkommen. Wäre er vollkommen, könnte jeder die Ressource zum Marktpreis kaufen, und sie wäre weder „rare“ noch ein Vorteil.

Prüfungsfalle: Kann das Knowhow einer Mitarbeiterin nur gemeinsam mit den Kolleginnen und dem speziellen Verfahren des Unternehmens sinnvoll genutzt werden, ist das ein Beispiel für das „O“ (organisatorische Einbettung), nicht für „Rare“.

Kernkompetenzen

Kernkompetenzen-Ansatz: von Gary Hamel und C. K. Prahalad (1994). Ganz ähnlich wie VRIO, aber mit stärkerem Fokus auf einzigartige und wertvolle immaterielle Ressourcen wie Wissen, Fähigkeiten und Erfahrungen. Er trägt der stark gestiegenen Bedeutung von Wissen in der Wissensgesellschaft Rechnung.

SWOT-Analyse: beide Sichten kombiniert

SWOT-Analyse: in der Praxis sehr verbreitetes Werkzeug, eine vereinfachte Kombination aus marktbasiertem und ressourcenbasiertem Ansatz. Sie dient als Grundlage, um konkrete strategische Entscheidungen abzuleiten und zu begründen.

Interne Analyse (RBV)Externe Analyse (MBV)
positivStrengths (Stärken)Opportunities (Chancen)
negativWeaknesses (Schwächen)Threats (Bedrohungen)
Stärken: Ressourcen, die wegen ihrer VRIO-Eigenschaften einen Wettbewerbsvorteil begründen können.
Schwächen: fehlende Ressourcen oder Bereiche, in denen man schlechter ist als die Konkurrenz.
Chancen und Bedrohungen: Trends im Umfeld, z. B. technische Entwicklungen, geändertes Konsumverhalten (mehr Umweltbewusstsein, gesünderes Essen), demografische, politische, soziale und ökologische Entwicklungen (Kaufkraft, Altersstruktur, Umweltauflagen).

Leitfragen:

Innensicht: Was macht uns besonders, und worin liegt der dauerhafte Wert dieser einzigartigen Ressourcen für unsere Stakeholder?
Außensicht: Was können wir Stakeholdern bieten, das andere nicht ebenso bieten können?

Grundsatz „Stärken stärken!“: Auch wenn man Schwächen manchmal beheben muss, bringt es meist mehr, bestehende Stärken auszubauen. Denn abheben kann man sich nur durch Stärken, nicht dadurch, dass man bei Schwächen gerade so mithält.

Prüfungsfalle: S und W = intern = Resource-based View. O und T = extern = Market-based View. Chancen und Bedrohungen sind keine Eigenschaften des Unternehmens selbst, sondern seines Umfelds.

VertiefungSWOT im Alltag: welche Spezialisierung im Studium?

Die SWOT-Logik funktioniert für jede strategische Entscheidung, also jede langfristig wichtige Weichenstellung. Ein Beispiel ist die Wahl einer Spezialisierung im Studium.

Interne Analyse (Ressourcen): Was kann ich besonders gut, wofür begeistere ich mich, wo bin ich schwächer als andere? Das klingt einfach, ist aber meist schwer zu beantworten. Schon das regelmäßige Nachdenken darüber schärft den Blick für die eigenen Stärken.

Externe Analyse (Markt): Eine außergewöhnliche Stärke hilft wenig, wenn sie am relevanten Arbeitsmarkt niemand braucht. Welcher Markt ist für mich relevant (heimatnah oder international, welche Branche)? Wo ist genau das, was ich gut kann, besonders wertvoll?

„Valuable“ – wofür? Eine Ressource ist nur wertvoll in Bezug auf einen Markt. Wer sich bei einer Firma bewirbt, die gerade nach Skandinavien expandiert, hat mit Schwedischkenntnissen vielleicht einen USP.

USP (Unique Selling Proposition): ein einzigartiges Verkaufsargument, also etwas, das man bieten kann und andere nicht.

Über Märkte lernen: Man muss auch herausfinden, welche Jobs es überhaupt gibt und worauf es dort ankommt, etwa durch Praktika oder Gespräche mit Leuten aus verschiedenen Berufen. Aus beiden Analysen folgt, welche Ressourcen man gezielt weiterentwickeln sollte (z. B. eine Sprache lernen).

Planung hat Grenzen: Niemand kann alles wissen. Man muss flexibel bleiben, Gelegenheiten erkennen und im richtigen Moment zugreifen. Ein bisschen Glück gehört immer dazu.

6 Wertschaffung und Wertverteilung ★★

Strategie entscheidet nicht nur, wie viel Wert entsteht, sondern auch, wer wie viel davon bekommt. Hier verbinden sich Five Forces und VRIO mit der Idee der Stakeholder-Wertschöpfung.

Stakeholderrente

FormelStakeholderrente (Wertschaffung für einen Stakeholder)
Stakeholderrente=Werhalten−Werbracht

In Worten: Ein Stakeholder gewinnt, wenn ihm das, was er bekommt, mehr wert ist als das, was er dafür hergibt, jeweils aus seiner eigenen Sicht.

Werhalten = Wert der erhaltenen Leistung aus Sicht des StakeholdersWerbracht = Wert der erbrachten Leistung aus Sicht des Stakeholders
Beispiel ansehen

Ein Fahrradverleih organisiert für ein Hotel eine Radtour-Woche.

Stakeholdererhält minus gibtRente
Hotel (Kunde)Nutzen 6.000 minus Preis 4.0002.000 €
Tourguide (frei)Honorar 1.500 minus Wert seiner Zeit 1.000500 €
Vermieter der LagerhalleMiete 600 minus 600 (gleiche Miete überall)0 €
GründerGewinn 1.900 minus Wert seines Einsatzes 9001.000 €

Gewinn des Gründers: 4.000−1.500−600=1.900 €.

Ergebnis: Insgesamt entstehen 2.000+500+0+1.000=3.500 € Wert. Gegenprobe: Kundennutzen minus Wert aller eingebrachten Leistungen: 6.000−1.000−600−900=3.500 €.

FormelKonsumentenrente und Produzentenrente
KR=ZB−PPR=P−K

In Worten: Die Kundin gewinnt, was sie mehr zu zahlen bereit wäre als den Preis. Das Unternehmen gewinnt, was der Preis über den Kosten liegt.

KR = KonsumentenrentePR = ProduzentenrenteZB = Zahlungsbereitschaft (Wert für die Kundin)P = PreisK = Kosten des Unternehmens
Beispiel ansehen

Im Kaffeehaus kostet eine Melange 3,80 €. Lena wäre bereit, 5 € zu zahlen. Die Herstellung kostet 1,30 €.

1KR=5−3,80=1,20 €
2PR=3,80−1,30=2,50 €
3Zusammen: 1,20+2,50=3,70 € =5−1,30

Ergebnis: Der Preis verteilt den geschaffenen Wert von 3,70 € nur zwischen beiden. Ein niedrigerer Preis erhöht die Konsumentenrente und senkt die Produzentenrente.

Was man daraus lernt

Ressourcen von vollkommenen Faktormärkten schaffen keinen Zusatzwert für ihren Anbieter. Der Vermieter bekommt genau das, was er woanders auch bekäme. Strenggenommen ist er dann gar kein Stakeholder, weil für ihn nichts auf dem Spiel steht (kein „Stake“). Diese Ressource hat keine strategische Bedeutung.
Komplementäre (synergetische) Ressourcen: Bestimmte Ressourcen sind in Kombination mehr wert als einzeln, z. B. Gründer-Idee, Fachkraft und Spezialsoftware. Solange diese Kombination funktioniert, funktioniert die Wertschaffung.
Die wichtigsten Ressourcen haben die größte Verhandlungsmacht. Deshalb fließt der Großteil des geschaffenen Werts an die zentralen Ressourcen, ohne die es nicht geht.

Prüfungsfalle: Kauft ein Unternehmen eine Ressource auf einem vollkommenen Markt zum Gleichgewichtspreis, schafft es für den Zulieferer keinen Zusatzwert. Der Zulieferer ist strenggenommen kein Stakeholder.

VertiefungFive Forces und VRIO an einem Start-up

Eine Gründerin bietet mit eigenem Verfahren KI-gestützte Auswertungen von Kundenbewertungen für Hotels an.

Market-based View: Der Markt ist attraktiv, wenn (1) kaum jemand das kann, (2) auch künftig niemand dazukommt, (3) es keine ähnlichen Verfahren gibt und (4) Zulieferer und (5) Abnehmer schwach sind. Sind die Hotels auf ihren Dienst angewiesen, kann sie einen hohen Preis verlangen. Trotzdem entsteht hoher Kundennutzen, gerade weil es das woanders nicht gibt.
Risiko auf der Zulieferseite: Hängt alles an einer externen Programmiererin, könnte diese immer mehr verlangen und so den ganzen Gewinn abschöpfen oder sich selbständig machen und Konkurrenz werden. Spätestens hier ist man mitten im Resource-based View.
Rettung durch das „O“: Ist das Wissen der Programmiererin nur zusammen mit dem Verfahren der Gründerin, ihrer Kundendatenbank und ihrem Gespür für die Probleme der Kunden etwas wert, ist es organisatorisch eingebettet. Erst dadurch wird es zur echten VRIO-Ressource des Unternehmens, und die Programmiererin kann es nicht einfach allein verwerten.
Büro: Büroräume gibt es überall zu ähnlichen Konditionen (nahezu vollkommener Faktormarkt). Diese Ressource ist nicht VRIO und hat keine strategische Bedeutung.

Gewinnmaximierung nur bei vollkommenen Märkten sinnvoll

Arbitrageunternehmen: ein Unternehmen, das auf durchwegs vollkommenen Märkten nur kauft und verkauft und dabei einen (sehr kleinen) Arbitragegewinn macht.

Wären alle Faktor- und Absatzmärkte vollkommen:

Weder Zulieferer noch Kunden bekämen Zusatzwert, sie wären gar keine Stakeholder.
Der einzige geschaffene Wert wäre der kleine Arbitragegewinn des Eigentümers.
Nur dann wären „Wert für alle Stakeholder maximieren“ und „Gewinn maximieren“ dasselbe.

Das Paradox: Gewinnmaximierung ist also nur für Arbitrageunternehmen ein sinnvolles Ziel. Gerade dort ist im Marktgleichgewicht aber kaum Gewinn möglich (fast null). Gleichgewichtsmodelle sind für die Volkswirtschaftslehre wichtig, für die BWL aber nur ein Referenzpunkt: Sie zeigen, warum die Unvollkommenheit von Märkten Ausgangspunkt schöpferischen Unternehmertums ist.

Rolle der Innovation: Schöpferische Innovationen bringen Marktgleichgewichte und vollkommene Märkte „durcheinander“. Sie schaffen neue Produkte und Lösungen, für die es noch keine funktionierenden Märkte gibt, und bringen Unternehmen (vorübergehend) in Monopolsituationen. So wird Wertschaffung gerade durch Marktunvollkommenheiten möglich.

Finanzgewinn ist nur der Teil der Wertschöpfung, der dem Eigentümer zufließt. Dass er diesen Anteil langfristig maximieren will, ist genauso legitim wie das Streben von Arbeitskräften, Zulieferern und anderen Stakeholdern nach einem möglichst großen Anteil.

Prüfungsfalle: „Je vollkommener ein Produktmarkt, desto kleiner die Konsumentenrente“ ist falsch. Mehr Konkurrenz drückt die Preise Richtung Kosten: Die Produzentenrente sinkt, die Konsumentenrente steigt.

7 Von der Strategie zur Umsetzung ★★★

Eine Strategie wirkt nur, wenn sie im täglichen Handeln auf allen Ebenen ankommt. Für den Erfolg ist die Execution (Umsetzung) genauso wichtig wie eine gute Strategie.

Wer entwickelt die Strategie, und was beantwortet sie?

Die Strategieentwicklung ist Aufgabe und Verantwortung der obersten Leitung (Geschäftsführung bzw. Vorstand). Sie beantwortet die Frage:

Einfach erklärt

Für welche Stakeholder wollen wir mit welchen Produkten auf welchen Märkten und auf welche Weise Wert schaffen, und welche Ressourcen und Kompetenzen befähigen uns besonders dazu?

Hilfreich sind dafür eine Analyse der Marktposition (MBV) und eine Ressourcenanalyse (RBV), vereinfacht auch beides zusammen als SWOT. Dabei wird festgelegt, für welche Stakeholder in welcher Form Wert entsteht und wie diese ihrerseits zur Wertschöpfung beitragen.

Vision, Mission, Purpose

Die ausführliche Strategie ist nur für interne Zwecke gedacht. Die prägnante Kurzform ihrer Kernelemente richtet sich an alle im Unternehmen (soll begeistern) und nach außen (wofür stehen wir?).

Vision: beschreibt eher, wo das Unternehmen hinwill. Beispiel: „Wir wollen der beliebteste Fahrradverleih des Landes werden.“
Mission (Mission Statement): beschreibt, warum das Unternehmen existiert und wofür es steht. Beispiel: „Wir bringen Menschen ohne eigenes Rad günstig, sicher und klimafreundlich durch die Stadt.“
In der Praxis werden Vision und Mission oft nicht genau getrennt.
Ein gutes Mission Statement kann auch die wichtigsten Stakeholder und die besondere Kompetenz der Organisation nennen.

Purpose: ein klarer Zweck, der über das Formalziel des Geldverdienens hinausgeht, die Menschen auf allen Ebenen motiviert und ihrer Arbeit Sinn gibt. Für Non-Profit-Organisationen war das schon immer zentral, für Unternehmen wird es immer wichtiger. Allgemein besteht der Purpose eines Unternehmens darin, Wert für seine Stakeholder zu schaffen.

Prüfungsfalle: Vision = wohin (Zukunftsbild). Mission = warum und wofür (Daseinszweck). Und: Ein Mission Statement gibt nur eine grobe Richtung. Für die tägliche Arbeit ist es viel zu allgemein, deshalb braucht es Strategieimplementierung.

Vier Praktiken der Strategieumsetzung

Um eine Strategie in konkretes Handeln zu übersetzen, gibt es vier grundsätzliche Praktiken. Unternehmen müssen innerhalb jeder Praktik passende Maßnahmen wählen und Maßnahmen aus allen vier so kombinieren, dass die Umsetzung wirksam ist.

PraktikWas wird gesteuert?Beispiel
1 ErgebnisseZiele und KennzahlenUmsatzziel pro Filiale, Bonus bei Erreichung
2 Verhaltensvorgabenwie gearbeitet wirdHygieneregeln, Arbeitszeiten, Freigabeprozesse
3 Werte und Kulturgemeinsame Haltungenfehlertolerante Kultur, Sparsamkeitskultur
4 Personalauswahl und -führungwer arbeitet hier und wie entwickelt er sichfreundliche Leute einstellen, Verkaufstrainings

(1) Umsetzung über Ergebnisse

Die Strategie wird in mehrere strategische Ziele übersetzt, die oft schon im Mission Statement stecken (z. B. Branchenführerschaft, Kundenimage, Effizienz, Profitabilität).

Operationalisieren: Ziele werden in Messgrößen übersetzt, damit sie verbindlicher werden und sich planen und verfolgen lassen. Profitabilität z. B. als Gewinn oder Steigerung des Börsenwerts (Marktkapitalisierung), Branchenführerschaft als Marktanteil.
Für alle Stakeholder: Nicht nur Eigentümerziele (Produzentenrente: Gewinn, Börsenkurs) und Kundenziele (Konsumentenrente: Marktanteil, Kundenzufriedenheit, Markenimage), sondern Wertschaffungsziele für alle relevanten Stakeholder.
Herunterbrechen: Gesamtziele werden auf Teilbereiche, Teams und manchmal einzelne Personen verteilt, oft in Zielvereinbarungsgesprächen. Dabei werden Zielwerte (Targets) und die nötigen Ressourcen (Geld, Personal) vereinbart.
Anreize: Bei Zielerreichung gibt es Bonuszahlungen oder andere Belohnungen (leistungsabhängige Bezahlung).

Budgetierung: der Planungsprozess, in dem Ziele vereinbart und die dafür nötigen Ressourcen den Unternehmensteilbereichen zugeordnet werden (z. B. wie viel ein Bereich produzieren und verkaufen soll und welche Mittel und Personalressourcen er dafür bekommt). Wichtig: Die Ziele müssen erkennbar mit den übergeordneten strategischen Zielen zusammenhängen.

Management by Objectives (MbO) und OKR:

Klassisches Management by Objectives: Ziele werden oft von oben vorgegeben (top-down), ohne Mitsprache derer, die sie erreichen sollen.
Objectives and Key Results (OKR): modernere Variante. Ziele werden gemeinsam in einem interaktiven Prozess vereinbart und sind wesentlich flexibler.
Vom Messen zum Lernen: Statt „what gets measured, gets done“ gilt oft „you learn what you measure“: Kennzahlen dienen als Diskussions- und Lerngrundlage.

Prüfungsfalle: OKR ist nicht einfach Top-down-Vorgabe. Top-down mit wenig Mitsprache ist typisch für das klassische MbO. OKR setzt auf gemeinsame, flexible Zielvereinbarung.

Prüfungsfalle: Budgetierung ist mehr als „Geld einteilen“. Sie umfasst die Vereinbarung von Zielen und die Zuordnung der dafür nötigen Ressourcen auf Teilbereiche.

VertiefungZiele herunterbrechen und aus Kennzahlen lernen
Rechenbeispiel Herunterbrechen beim Fahrradverleih

Strategisches Ziel: Marktführer bei E-Bike-Touren in der Wachau werden.

1Gesamtziel als Messgröße: 30 % Marktanteil bei geführten E-Bike-Touren.
2Filiale Krems: 2.000 gebuchte Touren im Jahr. Budget: 8 neue E-Bikes und eine zusätzliche Guide-Stelle.
3Team Buchung: Antwort auf Anfragen innerhalb von 2 Stunden.
4Einzelne Guides: Kundenbewertung im Schnitt mindestens 4,5 von 5 Sternen, sonst kein Bonus.

Ergebnis: Aus einer allgemeinen Strategie werden konkrete Targets mit Ressourcen. Der Teil mit Zielen und zugeteilten Mitteln ist die Budgetierung.

Warum „you learn what you measure“? Eine Kennzahl für Kundenzufriedenheit (z. B. aus Befragungen und Beschwerden) soll nicht nur Jahr für Jahr besser werden. Sie ist vor allem Anlass zu fragen: Was verstehen wir eigentlich unter Kundenzufriedenheit? Warum haben sich einzelne Bereiche unterschiedlich entwickelt? So lernt das Unternehmen über seine Strategie.

Die Idee hinter dem klassischen MbO: Erreicht jeder Teilbereich einer Hierarchieebene seine Ziele, sind automatisch auch die Ziele der nächsthöheren Ebene und am Ende die Gesamtziele erreicht.

(2) Umsetzung über Verhaltensvorgaben

Bei Ergebnisvorgaben gibt man nur das Was vor; die Verantwortlichen entscheiden selbst, wie sie es erreichen, weil sie das meist am besten wissen. Verhaltensvorgaben legen dagegen das Wie fest. Es gibt sie in allen Organisationen:

Arbeits- und Anwesenheitszeiten
wer welche Entscheidungen treffen darf
Vorschriften zur Arbeitssicherheit, Hygienevorschriften
einzuhaltende Prozesse (z. B. Pflicht zur schriftlichen Dokumentation)

Eine Qualitätsführerstrategie lässt sich so über genau einzuhaltende Arbeitsabläufe umsetzen, Kundenorientierung über einen Katalog von Verhaltensregeln im Kundenkontakt.

Prüfungsfalle: Ergebnisvorgabe = Was soll herauskommen (Weg frei). Verhaltensvorgabe = Wie soll gearbeitet werden. „Umsatz um 10 % steigern“ ist eine Ergebnisvorgabe, „jede Reklamation binnen 24 Stunden schriftlich beantworten“ eine Verhaltensvorgabe.

(3) Umsetzung über Werte und Unternehmenskultur

Eine Strategie kann auch über klar kommunizierte Werthaltungen umgesetzt werden:

kundenorientierte Kultur, um sich strategisch zu differenzieren
fehlertolerante Kultur, wo Kreativität und Innovation wichtig sind: Ausprobieren und Fehler gelten als Lernchance
Sparsamkeitskultur bei einer Kostenführerstrategie

Kultur kann formell über ein schriftliches Regelwerk (Code of Conduct) etabliert werden. Besonders wirksam ist aber, wenn Führungskräfte sie vorleben. Die gelebte Kultur muss zu Zielvorgaben und Verhaltensregeln passen.

(4) Umsetzung über Personalauswahl und Personalführung

Personalauswahl: Hier beginnt die Umsetzung aus Personalsicht. Wer Leute mit passenden Werten auswählt, prägt die Kultur. Ein Qualitätsführer sucht anders als ein Kostenführer.
Trainings und Weiterbildung: vermitteln strategisch zentrale Kernkompetenzen (z. B. Verkaufstrainings).
Beförderung: intern fördert Miteinander, Wissensteilen und langfristiges Denken; extern bringt neues Wissen und Diversität, was Kreativität und Innovation stärken kann.
VertiefungWie Kultur und Personalauswahl konkret wirken

Wie sich Kultur verbreitet:

Vorleben: Fehlertoleranz zeigt sich, wenn die Chefin ein Team vor allen dafür lobt, etwas Neues probiert zu haben, obwohl es schiefgegangen ist. Sparsamkeit zeigt sich (auch symbolisch), wenn der Chef selbst zweiter Klasse reist und im Büro mit gebrauchten Möbeln arbeitet.
Soziale Anerkennung: Verhalten im Sinne der Werte wird anerkannt.
Geschichten: Beispiele besonders werte-konformen Verhaltens werden anerkennend weitererzählt.
Rituale: machen Werte erlebbar (z. B. ein monatliches „Fehler-Frühstück“, bei dem jedes Team erzählt, was es gelernt hat).

Personalauswahl je nach Strategie: Ein Lokal, das sich über Gastfreundschaft differenziert, achtet bei der Auswahl auf freundliche Umgangsformen. Ein Billiganbieter achtet eher auf Geschick und Effizienz.

Intern oder extern besetzen? Interne Besetzungen halten Wissen im Haus und stärken langfristiges Denken. Externe Besetzungen holen frische Ideen und andere Perspektiven herein. Welche Variante passt, hängt davon ab, was die Strategie braucht.

8 Internationalisierung ★★

Der Wettbewerb wird immer internationaler. Länder unterscheiden sich stark, und das muss bei Strategieentwicklung und Strategieumsetzung berücksichtigt werden.

Was zwischen Ländern anders ist

Sprache, Kultur, politische Rahmenbedingungen
Recht: Unternehmens-, Steuer-, Arbeits-, Umweltrecht
Institutionen: z. B. Bankensystem, Bedeutung der Gewerkschaften

Chancen: Economies of Scale und Economies of Scope

Economies of Scale (Größenvorteile): Mit steigender Stückzahl eines Produkts sinken die Herstellungskosten pro Stück. Export erschließt neue Absatzmärkte und erlaubt größere Stückzahlen.

Gründe für Economies of Scale:

Lerneffekte: Je öfter eine Tätigkeit ausgeführt wird, desto besser beherrschen sie die Arbeitskräfte, und das Unternehmen lernt, den Prozess besser zu organisieren.
Bessere Auslastung / Fixkostendegression: Maschine, Gebäude, Verwaltungssoftware oder Lieferwagen braucht man sowieso, die Investition lohnt sich mehr, je mehr produziert wird.
Einkaufsmacht: Wer größere Mengen Rohstoffe und Bauteile kauft, bekommt oft günstigere Preise.

Economies of Scope (Verbundvorteile, Synergieeffekte): Vorteile, die ein Unternehmen hat, weil es mehrere Produkte anbietet oder in mehreren Ländern tätig ist, gegenüber Unternehmen, die nur eines davon tun.

Marke: Eine im Heimatland bekannte Marke ist vielleicht auch im Ausland schon bekannt.
Risikostreuung: Bricht in einem Land die Nachfrage ein (Wirtschaftskrise, neuer Konkurrent, gesättigter Markt, geänderte Wünsche), fangen andere Länder das ab.

Prüfungsfalle: Scale = Menge (mehr vom Gleichen, sinkende Stückkosten). Scope = Breite (mehrere Produkte oder Märkte, Verbundvorteile). Beide sind Treiber der Internationalisierung, nicht nur Economies of Scale.

Internationalisierungsstrategien

VarianteVorteileNachteile / Risiken
Nur Export (Produktion und Verwaltung im Heimatland)kaum Auslandsinvestitionen, hohe Economies of Scalenicht vor Ort, Produkte und Vermarktung kaum an lokale Besonderheiten angepasst
Produktion (auch) im Auslandbreiterer Zugang zu Wissen und Qualifikationen, Nutzung unterschiedlicher Arbeitskostenhöhere Investitionen und Risiken vor Ort

Historisch war der Zugang zu Arbeitskräften und zu Ressourcen wie Bodenschätzen, die es im eigenen Land nicht gab, ein entscheidender Treiber der Internationalisierung. Viele Unternehmen starten mit reinem Export und sind später in sehr vielen Ländern selbst präsent.

Spezifische Risiken:

politische Risiken (instabile Verhältnisse) und rechtliche Risiken
wirtschaftliche Risiken, z. B. Währungsrisiken
Risiken aus unterschiedlichen Standards: Wer Produktion in Länder mit niedrigeren Umwelt-, Sozial- oder Arbeitssicherheitsstandards verlagert, spart Kosten. Werden aber Umweltschäden, Unfälle oder unzumutbare Arbeitsbedingungen bekannt, lehnen Kundinnen die Produkte ab, auch wenn vor Ort alles legal war.

Prüfungsfalle: „Wenn die Produktion den Gesetzen am Standort entspricht, gibt es kein Risiko“ ist falsch. Das Reputationsrisiko bei Kundinnen und Kunden bleibt.

Umsetzung internationaler Strategien: anpassen oder vereinheitlichen?

Grundfrage des internationalen Managements: Sollen Führungs- und Managementpraktiken an regionale Besonderheiten angepasst werden, oder funktionieren sie überall gleich?

Für Anpassung: Studien zeigen, dass Anreizsysteme (z. B. Verkaufsprovisionen) in verschiedenen Ländern unterschiedlich gut angenommen werden und wirken. Allgemein funktionieren Ergebnis- und Verhaltensvorgaben in verschiedenen Kulturen unterschiedlich gut.
Für Standardisierung: einheitliche Regeln haben Vorteile, und Beschäftigte empfinden länderspezifische Regeln oft als unfair (z. B. bei Bonus- oder Gehaltskriterien).
Unternehmenskultur: Beschäftigte sind auch von ihrer nationalen Kultur geprägt. Dieselben Unternehmenswerte werden unterschiedlich interpretiert. Beispiel: In manchen Ländern ist offener Widerspruch gegenüber der Führungskraft erwünscht, in anderen wäre er ein schwerer Gesichtsverlust für sie.

Auf der Produktseite gibt es beide Wege: Manche Ketten passen ihr Angebot stark an regionale Essgewohnheiten an (lokale Anpassung). Andere führen eine globale Marke mit kaum veränderten Produkten (höchstens Details wie die Tastatur) oder pflegen bewusst eine weltweit gleiche „Sprache“ beim Bestellen.

Einfach erklärt: Eine Wiener Kaffeehauskette expandiert nach Japan. Bleibt die Karte genau gleich (globale Marke), oder kommt Matcha-Melange dazu (lokale Anpassung)? Und: Bekommen die Leute in Tokio dasselbe Bonussystem wie in Wien?

VertiefungTiming beim Markteintritt

Wer neue Geschäftsideen international ausrollt, achtet auch auf den Zeitpunkt. Ist ein starker Konkurrent in einem Land noch nicht präsent, kann man sich dort relativ ungestört etablieren. Wo der Konkurrent schon fest verankert ist, tut man sich mit derselben Idee viel schwerer.

Das passt zu den Five Forces: Der Eintritt ist leichter, wenn die Rivalität (noch) gering ist und man selbst als Erster Kundenbeziehungen und Bekanntheit aufbauen kann.

9 Allianzen, Business Ecosystems und Non-Profits ★★

Wertschöpfung passiert nicht nur innerhalb eines Unternehmens. Partner, manchmal sogar Konkurrenten, und ganze Netzwerke von Organisationen tragen dazu bei.

Strategische Allianzen und Joint Ventures

Strategische Allianz: Kooperation selbständiger Unternehmen zu strategischen Zwecken, z. B. ein Hersteller, der Zulieferer schon in die Entwicklung neuer Produkte einbindet.

Joint Venture: Die Partner einer strategischen Allianz gründen ein gemeinsames neues Unternehmen, an dem sie beteiligt sind (z. B. zwei E-Bike-Hersteller gründen gemeinsam eine Firma für bessere Akkus, Beteiligung 60 % zu 40 %).

Motive für Kooperationen:

Entwicklungskosten sparen
Risiken senken
Zugang zu Knowhow
letztlich immer: sich durch Kooperation einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen

Auch Konkurrenten kooperieren: Fluglinien, die eigentlich konkurrieren, schließen sich zu Allianzen zusammen und befliegen Strecken gemeinsam im Code Sharing, statt sich gegenseitig Konkurrenz zu machen. Die Erlöse werden nach Vereinbarung aufgeteilt.

Prüfungsfalle: Bei einer strategischen Allianz bleiben die Partner selbständig. Ein Joint Venture ist eine Sonderform, bei der ein gemeinsames Unternehmen gegründet wird. Und: Kooperation mit direkten Konkurrenten ist möglich und nicht ungewöhnlich.

Business Ecosystems

Früher wurden Strategien vor allem aus Sicht eines Unternehmens und seiner formellen Partnerschaften betrachtet. Heute schaut man zunehmend auch auf die informellen Beziehungen und die Rolle im größeren wirtschaftlichen Ökosystem.

Business Ecosystem: ein Netzwerk selbständiger Unternehmen, die in einer Art Symbiose gemeinsam Kundennutzen erzeugen, angelehnt an Ökosysteme in der Natur, wo Lebewesen miteinander verbunden und teils voneinander abhängig sind.

Das Musterbeispiel ist das Smartphone als Plattform mit App Store:

App-Anbieter profitieren, weil ihre Dienste nun ständig unterwegs nutzbar sind, nicht nur am PC.
Der Plattform-Betreiber profitiert, weil man mit dem Gerät viel mehr anfangen kann als mit einem klassischen Handy.
Die eigentliche Innovation war also nicht nur das Gerät, sondern die Idee der Plattform für unterschiedlichste Apps.

Das Verteilungsproblem: Alle profitieren voneinander, aber es stellt sich die Frage, wer wie viel vom gemeinsamen Wertschöpfungs-Kuchen bekommt. Sammelt etwa eine fremde Karten-App auf der Plattform wertvolle Nutzerdaten für Werbung, will der Plattform-Betreiber diese Daten lieber selbst haben und entwickelt eine eigene, vorinstallierte Karten-App.

Konkurrierende Ecosystems: Heute konkurrieren im Wesentlichen zwei Smartphone-Ecosystems: eines dominiert von Apple (eigenes Betriebssystem, eigener App Store), eines von Google (Android und Google Play, das von vielen Herstellern genutzt wird, die sich damit teilweise von Google abhängig machen). Ein Ökosystem zu dominieren ist ein wichtiger Grund, warum diese Unternehmen zu den wertvollsten der Welt gehören.

Prüfungsfalle: Auch das Android-Ecosystem ist ein Business Ecosystem, obwohl darin konkurrierende Smartphone-Hersteller dieselbe Plattform nutzen. Konkurrenz innerhalb eines Ökosystems schließt die gemeinsame Wertschöpfung nicht aus.

Strategie in Non-Profit-Organisationen

Auch Non-Profit-Organisationen (NPOs) wollen dauerhaft Wert für ihre Stakeholder schaffen. Beispiel: ein Verein, der Lernhilfe für Kinder aus armutsgefährdeten Familien organisiert.

Stakeholder: die Begünstigten (Beneficiaries, hier die Kinder), Spenderinnen und Spender und Ehrenamtliche (Volunteers).

Wertschaffung für Spender und Ehrenamtliche: vor allem das gute Gefühl, etwas Gutes zu tun. Wert entsteht aber nur, wenn sie wahrnehmen, dass ihr Einsatz wirklich wirkt. Der wahrgenommene Beitrag muss höher sein als das eingebrachte Geld bzw. die eingebrachte Zeit.

Unterschied zum Unternehmen: Die Wertschaffungslogik ist gleich, nur gibt es keine Eigentümer, die den Überschuss (Gewinn) erhalten. Wer eine NPO gründet und finanziert, hat keinen Anspruch auf Überschüsse; alles bleibt in der Organisation und dient dem Zweck. Auch Spender haben keinen Anspruch auf Rückzahlung oder Gewinnanteile.

MBV und RBV gelten auch hier:

Market-based View: Gibt es wirklich Bedarf? Gibt es schon andere Organisationen („Konkurrenten“) mit ähnlichen Projekten?
Resource-based View: Welche Fähigkeiten und Ressourcen befähigen uns besonders?

Ecosystem besonders wichtig: Komplexe Ziele wie Armutsbekämpfung erreicht kaum eine Organisation allein. Lernhilfe wirkt wenig, wenn Kinder hungrig oder krank sind oder danach keine Ausbildung finden. Der Erfolg hängt davon ab, dass ein ganzes Ecosystem von Organisationen (Ernährung, Gesundheit, Berufsausbildung …) zusammenwirkt.

Prüfungsfalle: Eine NPO darf durchaus Überschüsse erzielen. Sie werden nur nicht an Gründer, Eigentümer oder Spender ausgeschüttet, sondern bleiben im Dienst des Zwecks.

Business Model und Business-Model-Leinwand

Business Model: die hinter einer Strategie steckende Wertschaffungslogik (so heißt sie im erwerbswirtschaftlichen Bereich).

Business-Model-Leinwand: zunehmend genutztes Werkzeug (nach Osterwalder und Pigneur), um diese Logik übersichtlich auf einer Seite darzustellen. In angepasster Form eignet es sich auch für NPOs: Statt eines Wertangebots für zahlende Kunden steht dort eine Social Value Proposition, statt Umsätzen Outcomes und Impact und Finanzierungsquellen.

VertiefungDie neun Bausteine für Non-Profit-Organisationen
1Schlüsselpartnerschaften: wichtigste Partner und zu welchen Ressourcen sie Zugang geben
2Schlüsselaktivitäten: was nötig ist, um die Value Proposition umzusetzen
3Schlüsselressourcen: besondere Ressourcen (Infrastruktur, Knowhow), die man hat oder braucht
4Social Value Proposition: der spezifische Ansatz, Wert zu schaffen; welche Bedürfnisse, welches gesellschaftliche Problem, warum besser als andere
5Beziehung mit Zielgruppen (Beneficiaries): für wen man da ist und welche Beziehung diese sich wünschen
6Leistungserbringung bei den Zielgruppen: wie man sie erreicht, Kommunikationskanäle, Zugang zu den Leistungen
7Outcomes und Impact: für wen welcher Wert entsteht, wie man ihn misst, welche gesellschaftlichen Veränderungen man anstrebt und was der eigene Beitrag im Zusammenwirken mit anderen ist
8Kostenstruktur: wichtigste Kostentreiber und Kostenarten
9Finanzierungsquellen: wie die Finanzierung nachhaltig gesichert wird, was Geldgeber erwarten, welche Risiken es gibt
VertiefungStrategie und Mythologie: Athene und der erste Mentor

In der griechischen Mythologie war Athene die Göttin der Weisheit und der Strategie (römisch: Minerva).

Um Telemachos, den Sohn des Odysseus, strategisch zu beraten, nahm Athene die Gestalt von Mentor an, einem Freund des Odysseus. Daher kommt das Wort Mentoring. Der erste Mentor war also eigentlich eine Frau in Gestalt eines Mannes.

Weil Athene der Legende nach auch gewöhnlichen Menschen manchmal strategische Weisheit einhauchte, stellte man ihre Statuen gern dort auf, wo solche Weisheit besonders gebraucht wird, etwa vor dem österreichischen Parlament in Wien.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann den Strategiebegriff erklären und geplante von emergenter Strategie unterscheiden.
Ich kann erklären, warum Strategie in der innovationsorientierten BWL kein Nullsummenspiel ist.
Ich kann Market-based View (Porter, Absatzmärkte) und Resource-based View (Penrose, Barney, Faktormärkte) gegenüberstellen.
Ich kann die Bedingungen und Folgen vollkommener Konkurrenz nennen und erklären, warum sie für Unternehmen unattraktiv ist.
Ich kann die Five Forces aufzählen, einen Markt damit beurteilen und die PESTEL-Faktoren nennen.
Ich kann Markteintrittsbarrieren und Rückwärtsintegration erklären.
Ich kann Kostenführerschaft, Differenzierung und Fokus zuordnen, Stückkosten mit Fixkostendegression berechnen und „Stuck in the Middle“ erklären.
Ich kann VRIO erklären, strategische Ressourcen definieren und eine SWOT-Analyse richtig zuordnen.
Ich kann Stakeholderrenten berechnen und erklären, warum Gewinnmaximierung nur für Arbitrageunternehmen sinnvoll wäre.
Ich kann Vision, Mission, Purpose und die vier Praktiken der Strategieumsetzung (inkl. Budgetierung, MbO, OKR) erklären.
Ich kann Economies of Scale und Economies of Scope, Chancen und Risiken der Internationalisierung sowie Anpassung vs. Standardisierung erklären.
Ich kann strategische Allianz, Joint Venture und Business Ecosystem unterscheiden und die Strategie einer NPO beschreiben.

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